Kurz gebloggt

Hat sich die Union Investment mit Wirecard verspekuliert?

6. Mai 2020

Von Christian Kirchner

Deka-Starmanager Ingo Speich fordert Rücktritt von Wirecard-Chef Markus Braun – das war die große Schlagzeile des gestrigen Mittwochs. Dabei ereignete sich höchst interessantes gar nicht bei der Deka, also beim Fondsanbieter der Sparkassen. Sondern bei der Union Investment. Also beim Fondsdienstleister der Volks- und Raiffeisenbanken.

Was man dazu wissen muss: Knapp ein Jahr ist es her, dass Union-Investment-Manager Andreas Mark für den (auch damals schon Beschuss der „Financial Times“ stehenden) bayerischen Zahlungsdienstleister in einem „Handelsblatt“-Interview sehr lobende Worte fand. „Ein Ende des Wachstums bei Wirecard ist nicht in Sicht“, fasste das „HB“ die Ausführungen Marks zusammen und hielt fest: „Andreas Mark stört sich bei Wirecard nicht sonderlich an Vorwürfen über Geldwäsche oder Betrug.“ Die Union Investment war von dem Interview so begeistert, dass es gleich mal via Twitter verbreitet wurde.

Und tatsächlich: Die Union beließ es nicht bei schönen Worten. Sondern stieg bald darauf offenbar tatsächlich in größerem Stil bei Wirecard ein, denn man überschritt im Januar die 3-Prozent-Schwelle beim Dax-Konzern.

Gestern aber nun die Wende. Denn derselbe Andreas Mark, der letzten Juni über die Vorwürfe gegen Wirecard noch hinwegsah, fordert plötzlich (ironischerweise in einem „FT“-Interview/Paywall) die „Neubestellung externer Vorstandsmitglieder“ mit dem Ziel „einer Stärkung der Kompetenzen in kritischen Bereichen wie Accounting und Compliance“. Dabei beließen es die Genossen nicht bei harschen Worten. Gestern Abend nämlich kam dann plötzlich eine Ad-hoc, wonach die Geno-Fondsgesellschaft am 28. April – also am Tag der Veröffentlichung des in vielerlei Hinsicht kritischen KPMG-Sonderberichts (siehe hier) – bei Wirecard unter die meldepflichtige Schwelle von 3% gerutscht ist.

Immerhin: Die Union kommt ganz offen zu einer Neueinschätzung der Lage. Aber ist die Union womöglich einer sündteuren Fehleinschätzung erlegen? Versuchen wir uns an einer Rekonstruktion:

  • Laut Mitteilung vom 27. Januar durchbrach die Union Investment am 23. Januar die Schwelle von 3% an Wirecard-Aktien. Nun weiß man nicht, zu welchen Kursen gekauft wurde. Der Schlusskurs des 23. Januars indes betrug satte 134,55 Euro. Wert des Aktienpakets an diesem Tag: 504 Mio. Euro (siehe auch unser damaliger Artikel).
  • Als die Union hingegen letzte Woche Dienstag die Schwelle von 3% das erste mal wieder unterschritt – da lag der Schlusskurs nur noch bei 100,35 Euro. Wiederum: Das heißt nicht, dass zu exakt diesem Kurs verkauft wurde. Doch zieht man die jeweiligen Schlusskurse als ungefähres Richtmaß heran, dann lag das Minus zwischen den beiden Schwellen-Durchbrüchen bei ziemlich exakt 25%.
  • Gleich in vier Union-Fonds lag der Wirecard-Anteil nach jeweils letzten verfügbaren Daten bei 1,7% bzw. 1,8%, nämlich im „UniFonds“, im „UniDeutschland“, im „Uniglobal“ und im „Uniglobal Vorsorge“. Interessant sind die letzten beiden Namen. Denn, 1.) In den „Uniglobal Vorsorge“ wandern große Teile des Vermögens der der rund 1,9 Mio (!) Riester-Fondssparpläne der Union. Und 2.) Bei den beiden Uniglobal-Fonds handelt es sich, wie der Name schon sagt, um ein weltweit investierendes Vehikel. Darum stellen die 1,7% bzw 1,8% in diesen Fällen eine deutliche Übergewichtung dar. Die beiden halten damit auch per Ende März knapp die Hälfte des gesamten meldepflichtigen Wirecard-Pakets der Union im Wert von zwischenzeitlich einer halben Mrd. Euro.

Wie die vier Fonds zuletzt disponiert haben und wer im April verkauft hat, ist erst mit Erscheinen der nächsten Jahresberichte in einigen Monaten zu ermitteln. Und doch: Es braucht schon viel Fantasie, um sich auszumalen, dass die Union mit Wirecard nicht zuletzt satt verloren hat.

Was zur Frage führt: Was macht eigentlich die DWS, die mit massiven Positionen in Wirecard in die Kurs-Krise rutschte (siehe hier, hier und hier)? Man weiß: Am 18. Oktober 2019 (Schlusskurs damals: 116 Euro) überschritt die Deutsche-Bank-Tochter erstmals die Schwelle von 5% (siehe Meldung) – und lag bei 5,95%. Die nächste Meldung wäre fällig (geworden), wenn die DWS entweder auf über 10% aufgestockt hätte oder wenn sie unter 5% der Stimmrechte gefallen wäre. Keines der beiden Ereignisse ist bis zum gestrigen Tage eingetreten. Was nicht heißt, dass das so bleiben muss.

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