Exklusiv

Hyp, Hyp, hurra: Das irre Kreditbuch der Raiba Hochtaunus

17. März 2022

Von Christian Kirchner und Thomas Borgwerth

Sebastian Rode, liebe Frankfurter Leserinnen und Leser, wird vielen von Ihnen als sogenannter Mittelfeldmotor der örtlichen Fußballvereins Eintracht Frankfurt ein Begriff sein. Was weniger bekannt ist: Rode fristet noch ein paralleles Dasein. Nämlich als sogenanntes Testimonial für eine weitere hessische Traditionsmarke – die Raiffeisenbank im Hochtaunus, deren Mitgliedschaften der Fußballer bewirbt. In blauer Jeans und weißen Polohemd, ein Tablet in der Hand, blickt Rode von den Reklamebannern, daneben steht: “Entspannt investieren bis max € 50.000. Erwartete Dividende von 2,5%”.

Nun ist ja schon mal per se interessant, dass man in so eine Raiffeisenbank heutzutage (anders als früher) nicht mehr nur im Umfang eines Facharbeiter-Wochenlohns investieren kann. Sondern offensichtlich auch in Höhe des Wochenlohns eines Deutsche-Bank-Vorstands oder Fußballprofis. Viel interessanter aber: Die Raiba Hochtaunus, für die Rode wirbt, ist nicht irgendeine der immer noch mehr als 700 Volks- und Raiffeisenbanken da draußen. Sondern: Es ist jenes Institut, das es in den vergangenen Tagen gleich zweimal ziemlich prominent in unseren Newsletter geschafft hat.

Zunächst vor zwei Wochen aufgrund einer massiv (um 37%) ausgeweiteten Bilanzsumme und eines abnorm hohen relativen Gewinns (Betriebsergebnis vor Bewertung: 2,17% gemessen an der DBS). Und einen Tag später dann, weil die Raiffeisenbank im Hochtaunus offenbar in den Fokus der Bafin geraten ist. Das in Bad Homburg beheimatete Institut, so die Aufsicht, habe “gegen die Anforderungen an eine ordnungsgemäße Geschäftsorganisation” verstoßen und werde deshalb nun mit “zusätzlichen Eigenmittel-Anforderungen” konfrontiert.

Was, um alles in der Welt, ist da eigentlich los im Hochtaunus? Wir haben uns intensiv mit den Geschäftsberichten und den vorläufigen Zahlen für 2021 beschäftigt. Und noch intensiver mit dem Offenlegungsberichten. Und jetzt – glauben wir es so ungefähr zu verstehen.

Eine Analyse in sechs Akten:

1.) Jammern? Doch nicht im reichen schönen Taunus!

Weitere Anzeichen dafür, dass in Bad Homburg vieles anders läuft als im Rest der Bankenrepublik Deutschland, bieten zunächst mal folgende Indizien:

  • Während die Basisdienstleistungen anderswo seit Jahren bepreist werden, bietet die Raiffeisenbank Hochtaunus ein immer noch bedingungslos kostenloses Girokonto samt Giro- und Debit Mastercard an – und das bundesweit.
  • Während andere Banken versuchen, die im Zinstief fast natürlichen Rückgänge im Zinsgeschäft mit einem Ausbau des Provisionsgeschäfts zu kompensieren, baut die Raiba Hochtaunus den Anteil des Zinsgeschäfts an allen Erträgen seit Jahren immer weiter aus, von bereits hohen 80% (2016) auf zuletzt 88% (2021)
  • Während bei anderen Ortsbanken die Bilanzsummen eher widerwillig steigen, scheint’s in Bad Homburg gewollt zu sein – auch schon vor der oben skizzierten Explosion in 2021

Anders gesagt: In der Kurstadt Bad Homburg dreht eine kleine Genossenschaftsbank mit zuletzt 91 Mitarbeitern ein immer größeres Rad. Und das ausweislich der nackten Zahlen absurd erfolgreich. Eine Sparkasse oder Volksbank mit einem relativen Betriebsergebnis von 2,17% ist uns hier jedenfalls noch nie auch nur ansatzweise untergekommen.

Zur Einordnung:

    • Laut den genossenschaftlichen Regionalverband, der grob jede zweite Volks- und Raiffeisenbanken erfasst, kamen die hiesigen Geno-Institute 2020 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor) auf einen Durchschnittswert von 0,71% ...
    • ... und alle Banken in Deutschland insgesamt auf einen Wert von 0,22%

Wo kommt diese absurde Profitabilität her?


2.) Zwei Drittel des Kreditbuchs entfallen auf Bau & Wohnen

Ein Blick in den Geschäftsbericht offenbart: Für die Raiffeisenbank Hochtaunus spielt das übliche, biedere Geschäft einer Regionalbank – Kredite für den Hausbau, Geldanlage, Versicherungen – nur noch eine untergeordnete Rolle. Still und leise hat sich das Institut über die Jahre zu einem Spezialisten für Gewerbeimmobilien aufgeschwungen. Mehr als jeder zweite Euro der Bilanz floss per Ende 2020 in deren Finanzierung!

Viele Worte verloren die Bad Homburger darüber bislang nicht. So hieß es in der Kommunikation zum Jahresergebnis 2020 nur, man habe "speziell bei professionellen gewerblichen Immobilienfinanzierungen" Stärke bewiesen – ohne näher darauf einzugehen. Und im 2020er-Geschäftsbericht stand: "Die gewerbliche Immobilienfinanzierung ist eine unserer Kernkompetenzen". Das Institut könne "dank unseres großen Netzwerks auch komplexe Finanzierungsvorhaben umsetzen".

In ihrer Pressemitteilung zu den 2021er-Zahlen wird das Institut immerhin etwas auskunftsfreudiger (vielleicht auch, weil wir vor einiger Zeit schon mal eine Presseanfrage platziert hatten, was denn da eigentlich vor sich geht). So heißt es jetzt: "Die Raiffeisenbank ist aber nicht nur in einigen, sondern in allen wichtigen Bereichen gewachsen, was die Zukunfts- und Tragfähigkeit ihres Geschäftsmodells unterstreicht. Speziell die gewerbliche Investoren- und Projektfinanzierung konnte ein deutliches Plus verbuchen."

Der 2020er-Offenlegungsbericht illustriert, was im Inneren der Bilanz wirklich los ist. Demnach entfielen von den Aktiva bzw. Risikopositionen an Kunden in Höhe von 990 Mio. Euro zum einen 410 Mio. Euro auf das Baugewerbe, zum anderen 162 Mio. Euro auf die Branche Grundstücks- und Wohnungswesen. Zudem sind weitere rund 53 Mio. Euro an privaten Krediten mit Immobilien besichert. Kurzum: 63% (!!!) der Risikopositionen konzentrierten sich somit auf ein einziges Segment: Bau & Wohnen.


3.) Klumpenrisiko? Alles tutti, sagt die Bank

Ein Klumpenrisiko? I wo, fand die Bank, als wir vor einigen Monaten anfragten (aus Kapazitätsgründen hatten wir die Recherche damals unterbrochen und kommen erst jetzt mit der Geschichte um die Ecke ...). Die Raiffeisenbank im Hochtaunus sieht sich austariert: Das Geschäftsmodell beruhe "auf drei Säulen", heißt es. "Neben dem klassischen Filialgeschäft und der Onlinebank haben wir uns auf die bundesweite gewerbliche Immobilienfinanzierung spezialisiert." Und weiter: "Vor gut zehn Jahren" haben man damit "unsere Nische gefunden. Zurzeit gehören rund 300 Bauträger zu unseren Kunden, weitere 200 entwickeln Teilprojekte mit uns."

Erinnert fast ein wenig an die Volksbank Braunschweig-Wolfsburg, auch wenn die nicht nur Kredite vergibt, sondern mit 140 Tochtergesellschaften vornehmlich im Immobiliengeschäft agiert (siehe -> Wie eine stinknormale Volksbank zum Immobilienkonzern mutierte)?


4.) Sicherheiten? Alles tutti, sagt die Bank

Die Liebe für gewerbliche Immobilien ist nicht die einzige Merkwürdigkeit. So besagt der Offenlegungsbericht auch, dass von den 410 Mio. Euro Risikopositionen im Baugewerbe lediglich 42 Mio. Euro durch Immobilien abgesichert seien – und im Grundstücks- und Wohnungswesen auch nur 59 Mio. der ausgereichten 162 Mio. Euro.

Klar, nicht besichterte Kredite an das Baugewerbe und in das Grundstücks- und Wohnungswesen müssen nicht per se riskant sein, erst recht nicht in einer Region, in der die Grundstücks- und Immobilienpreise nur eine Richtung kennen: nach oben. Alleine: Man wüsste schon gerne, wie groß das Risiko ist, angesichts der branchenbezogenen Klumpung der Kreditportfolios. Und: Die Bank agiert ja – ebenfalls erstaunlich für die streng dem Regionalprinzip verschriebenen Genossen – bundesweit. Doch auch dazu äußert sich die Bank in ihren Berichten nur abstrakt: „Die aktuell bestehenden Risikopositionen halten wir auch aufgrund der laufenden Begleitung unserer Kreditnehmer für vertretbar“, steht da.

Was der Offenlegungsbericht allerdings auch verrät: von den insgesamt 990 Mio. Euro Risikopositionen per Ende 2020 251 Mio. Euro in die Kategorie "Mit besonders hohem Risiko verbundene Positionen" – davon rund 117 Mio. Euro im gewerblichen Bau- und Immobiliengeschäft.

Die Bank sagt dazu auf Anfrage, der Offenlegungsbericht gebe nicht das volle Maß an Sicherheiten wieder. "Die in der Frage erwähnten Zahlen zeigen nur die Beträge, die nach CRR in der Risikopositionsklasse 'Durch Immobilien besichert' auszuweisen sind. Tatsächlich liegt der Anteil der grundpfandrechtlichen Absicherung am Kundenkreditvolumen für unser Haus zum 31.12.2019 bei 75,6 % und zum 31.12.2020 bei 75,5%."


5.) Erst stiegen die Bankkredite, dann die Kundeneinlagen

Zur Finanzierung ihrer massiven Expansion nutzte die Raiffeisenbank Hochtaunus lange Zeit vor allem Kredite anderer Banken. Diese stiegen über Jahre an und betrugen 2019 in der Spitze 243 Mio. Euro. 2020 sank diese Summe auf 210 Mio. Euro, dafür explodierten parallel die Einlagen von Kunden um 48% auf damals 453 Mio. Euro.

Könnte darauf hindeuten, dass die Einlagen-Refi (praktischerweise etwa über kostenlose Girokonten) die Banken-Refi peu à peu ablösen sollen – auch wenn dieser Zusammenhang seitens der Bank bestritten wird: "Eine Refinanzierung des Kreditgeschäftes über andere Banken und institutionelle Marktteilnehmer ist aktuell deutlich günstiger für uns", sagte eine Sprecherin. Hier ein Überblick über die Entwicklung von Kundeneinlagen sowie Verbindlichkeiten gegenüber anderen Instituten:


6.) Hohe Zinsen, hohe Gelassenheit

So oder so: Bislang hat es sich für die Raiffeisenbank Hochtaunus gelohnt, mit dem geliehenen Geld von anderen Banken zu arbeiten und massenhaft Einlagen einzusammeln. So erwirtschaftete das Bad Homburger Institut 2021 – dem letzten Jahr mit testiertem und ausführlichem Geschäftsbericht – eine Nettozinsmarge (also einen Zinsüberschuss in Prozent der Bilanzsumme) von 2,8%, die dann laut vorläufigen 2021-Zahlen gar auf 3,0% weiter stieg. Das ist mehr als das Dreifache des Deutschland-Schnitts von Banken von 0,88% und illustriert, dass die Bank in einem extrem hochmargigen Geschäft unterwegs sein muss.

Auf Nachfrage teilt die Bank mit: "Immobilien haben sich als stabile Assetklasse, die sich auch in Krisenzeiten und langfristig als sehr stabil erwiesen hat, etabliert. Darüber hinaus beruht unser Geschäftsmodell wie bereits beschrieben auf zwei weiteren Geschäftsfeldern – der Online-Bank und der klassischen Filialbank. Der Erfolg der Bank steht somit auf drei unterschiedlichen Säulen."

Hier die Gesamtübersicht der letzten testierten Zahlen:

in Mio. Euro 2019 2020 '19 vs. '20
Zinsüberschuss 17,9 21,0 +17%
Provisionsüberschuss 2,9 3,6 +23%
Verwaltungsaufwendungen 12,1 14,0 +15%
Betriebsergebnis vor Bewertung 9,3 11,3 +22%
Bewertungsergebnis 1,5 -0,8 -156%
Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit 10,8 10,5 -3%
Steueraufwand 3,4 4,5 +32%
Fonds für allgemeine Bankrisiken 5,0 0,0 -100%
Jahresüberschuss 2,3 5,9 +156%
Eigenkapital 41,9 58,5 +40%
Bilanzsumme 616 751 +22%
Kundenkredite 497 615 +24%
Kundeneinlagen 305 453 +48%
Verbindlichkeiten ggü. Kreditinstituten 243 210 -14%
Mitarbeiter (Vollzeitäquivalente) 65 k.A. k.A.
Cost-Income-Ratio 1) 57% 55% -2 ppt.
Cost-Income-Ratio 2) 58% 57% -1 ppt.
1) (Verwaltungsaufwendungen / laufende Erträge)
2) (Verwaltungsaufwendungen / Zins- u. Provisionsüberschuss)

 


7.) Was hat es nun mit der Bafin-Verwarnung auf sich?

Laut Mitteilung von Anfang März hat die Finanzaufsicht Bafin der Raiffeisenbank im Hochtaunus am 12. Januar zusätzliche Eigenmittelanforderungen verordnet. Seit Ende Februar ist die Maßnahme rechtskräftig. Das Institut habe gegen die Anforderungen an eine ordnungsgemäße Geschäftsorganisation verstoßen.

Auf Nachfrage teilt die Bank dazu mit, die Bafin habe bei einer "turnusmäßigen Sonderprüfung (...) im Zusammenhang mit der Risikoprävention den zugrundeliegende Sachverhalt im Kreditgeschäft festgestellt." Konkret sei "die aufsichtsrechtlich zu erfüllende Gesamtkapitalquote von bisher 10,5 % auf 11,7 % angehoben" worden. Aktuell läge sie per 28.02.2022 bei 16,2 %, "so dass die Erfüllung der Anforderung aufgrund dieser starken Eigenkapitalsituation weiterhin kein Problem darstellt".

Das ist plausibel angesichts der Tatsache, dass zuletzt offenbar viele Genossinnen und Genossen der Aufforderung Sebastian Rodes gefolgt sind. 2021 stieg das eingeworbene Geschäftsguthaben der Mitglieder der Raiffeisenbank im Hochtaunus um 250% auf 97 Mio. Euro. Und aus dem letzten Geschäftsbericht lässt sich zudem ablesen, wie viel neues Geschäftsguthaben denn im Schnitt jede(s) der 599 neuen Mitglieder der Raiffeisenbank im Hochtaunus 2020 gezeichnet hat: es sind 30.026 Euro.

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