Kurz gebloggt

Macht die ING bald mehr Gewinn in Deutschland als in Holland?

11. Mai 2020

Von Christian Kirchner

Über die Q1-Ergebnisse der ING Deutschland hatten wir Sie am Freitag ja schon kurz informiert. Hier noch ein paar darüber hinausgehende Erkenntnisse (genau genommen sind es vier):

1.) Die Risikovorsorge ist geradezu lächerlich niedrig

Risikovorsorge, Risikovorsorge und Risikovorsorge. Das sind die drei Themen, die bei der Q1-Berichten momentan im Mittelpunkt stehen. Eine halbe Mrd. Euro stellte die Deutsche Bank für faule Kredite zurück (siehe hier), 153 Mio. Euro waren es bei der HVB (siehe hier), 300 Mio. Euro dürften es bei der Commerzbank werden, orakeln Analysten (siehe hier).

Und bei der ING in Deutschland? Fielen sage und schreibe nur 13 Mio. Euro an (nach noch einem kleinen Ertrag im Q4). 6 Mio. Euro im Retailbereich. 7 Mio. Euro im Firmenkundengeschäft. Und das bei einem Kreditbuch von 76 Mrd. Euro bei Wohnimmobilien, 34 Mrd. Euro bei Firmenkunden-Krediten und 10 Mrd. bei sonstigen Krediten.

Das ist ein extrem niedriger Wert, der darauf hindeuten könnte, dass die Oranje-Bank bei der Vergabe so konservativ vorgeht, wie sie von sich behauptet – und übrigens auch, dass unsere Analyse von Mitte April über die Kreditbücher unserer Banken (siehe hier) bei der ING treffend war: Im Immobilienkredit-Bereich sind die Darlehen sehr granular, im Firmenkundenbereich (mehr dazu im nächsten Punkt) ist die Bank in der Vergabe schon 2019 extrem umsichtig geworden.

2.) Sie bremst und bremst und bremst

Die intern „Wholesale Banking“ genannte Firmenkunden-Sparte ist ein Prunkstück der ING Deutschland. Quasi aus dem Nichts schuf die Bank hier (dank der Einlagenstärke) einen Geschäftsbereich, der mit einer Cost-Income-Ratio von 30% arbeitet und der vor exakt einem Jahr – im Q1 2019 – für 41% des Konzerngewinns in Deutschland stand. Das war einmal. Der Gewinn des Wholesale-Sparte rutschte im Q1/2020 zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder deutlich unter die Marke von 100 Mio. Euro auf 92 Mio. Euro

Vorsteuergewinn in Mio. Euro je Quartal

 Retail  Wholesale
Q1 / 2018 195 108
Q2 / 2018 228 72
Q3 / 2018 260 125
Q4 / 2018 289 119
Q1 / 2019 201 141
Q2 / 2019 248 99
Q3 / 2019 268 110
Q4 / 2019 241 101
Q1 / 2020 232 92

Ein Blick aufs Kreditvolumen bestätigt diesen Trend: Nachdem das Firmenkundengeschäft 2016 bis 2018 noch irre Wachstumsraten aufwies (66%, 19%, 17%), kam ebenjenes Wachstum 2019 abrupt zum Halten: minus 4% auf nur noch 35 Mrd. Euro. Und in Q1? Nur noch 34 Mrd. Euro, obwohl sich bei anderen Banken eine Corona-bedingte Sonderkonjunktur vor allem im März abgezeichnet hat.

Die pessimistische Lesart der Entwicklung: In der Sparte ist der „Buzz“ verlorenengegangen. Die optimistische: Die Bank meint ernst, was sie bereits auf der Bilanz-PK im Februar angekündigt hatte: Man wolle sich lieber auf margenstarke Geschäfte konzentrieren und allzu große Risiken vermeiden.

Und was sagt die Bank selbst? Ein Sprecher auf Nachfrage: „Das Vorsteuerergebnis im Wholesale Banking ist immer etwas volatil, sowohl nach oben wie nach unten. Aktuell legen wir den Fokus nicht so stark auf die Neukundenakquise, uns geht es vorrangig darum, unsere Kernbankkunden durch die herausfordernde Zeit zu begleiten.“ Zudem bewege man sich „sowohl bei den Margen als auch beim Vorsteuerergebnis auf einem sehr zufriedenstellenden Niveau“.

3.) Das Retail-Provisionsgeschäft kommt (ein bisschen) ins Rollen

Im Q1 hat die ING im Retail-Geschäft 106 Mio. Euro Provisionsüberschuss erzielt. Damit steht der Zinsüberschuss zwar immer noch für vier Fünftel der Erträge. Aber die Fortschritte sind unübersehbar, denn die 106 Mio. Euro bedeuten eine annähernde Verdopplung gegenüber dem Vorjahresquartal (Q1/2019: 55 Mio. Euro) und ein Plus von 51% zum Vorquartal – obwohl die Bank ihre Gebühren für inaktive Girokonten ohne regelmäßige Eingänge ab 700 Euro erst zum 1. Mai eingeführt hat und der Einstieg in die Beratung auch noch nicht ergebniswirksam sein kann.

Naheliegend ist ein Zusammenhang mit dem extremen Anstieg des Orderaufkommens im März aufgrund der Börsenturbulenzen. Ein Effekt, der schon das Geschäft von Flatex und Comdirect im Q1 ebenfalls angetrieben hatte – insofern bleibt abzuwarten, ob es sich um einen temporären Effekt handelt oder die ING ernsthaft Fortschritte macht, ihr seit Jahren lahmendes Provisionsgeschäft (siehe unsere Analyse hier) in Gang zu bringen.

Auf Nachfrage teilt die deutsche ING mit, es sei richtig, „dass unsere Kunden im 1. Quartal sehr viel mit Wertpapieren gehandelt haben. Des Weiteren hat auch das höhere Vermittlungs/Abschlussvolumen der Interhyp dazu beigetragen.“

4) Ist die ING Deutschland so langsam das wertvollste Asset des ING Konzerns?

Eine Frage drängt sich mit Blick auf die jüngste Entwicklung auf: Kann es sein, dass die deutsche ING-Tochter inzwischen die eigentliche Perle im riesigen Reich der niederländischen ING Gruppe ist? Deren Börsenwert ist dieses Jahr um 55% (!!) auf nur mehr 19 Mrd. Euro zusammengeschrumpft. Aus Deutschland stammt im Q1 rund ein Drittel des Vorsteuergewinns des gesamten Konzerns, genauer: 324 Mio. Euro bei 1.017 Mio. Euro auf Konzernebene. Damit kommt allmählich sogar das Ergebnis im niederländischen Kernmarkt (Q1: 484 Mio. Euro vor Steuern) in Reichweite. In Sachen Cost-Income-Ratio (Q1: 47,3%) ist Deutschland eh konzernweit vorn, in Sachen Eigenkapitalrendite (Q1: 15,4%) teilt man sich Platz 1 mit den Niederländern.

Mal gucken, welche Rolle der ING Deutschland im Gesamtkonzern zukommen wird, wenn in Amsterdam demnächst ein neuer CEO kommt.

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