Analyse

Nach dem US-Jobabbau: Wie geht es für Berenberg jetzt weiter?

9. Juni 2022

Von Christian Kirchner und Heinz-Roger Dohms

Aha, auch Banken setzen dieser Tage also einfach mal Leute vor die Tür. Wobei: Ist Berenberg, was das Mindset und so ein bisschen auch das Modell angeht, nicht ohnehin eher ein Fintech?

  • Auch Berenberg wird geführt von Managern, die zugleich Eigentümer und überhaupt sehr ehrgeizig sind.
  • Auch Berenberg versteht sich als Wachstumsunternehmen.
  • Auch Berenberg ist vom Kapitalmarkt abhängig (wenngleich es sich natürlich um eine andere Form der Abhängigkeit handelt als bei den Venture-Capital-abhängigen Fintechs).
  • Und, ganz wichtig: Auch bei Berenberg herrscht eine gewisse, durchaus positive Hybris, welche dem Rest der deutschen Bankenbranche im Zuge der Finanzkrise ja gründlich ausgetrieben wurde. Expansion in die USA? Ja, aber natürlich!!! Wer, wenn nicht wir!!! Was solche Dinge angeht, ist der Riehmer ein Stalf so wie der Stalf ein Riehmer ist, man kämmt sein Haar nicht ohne Grund nach hinten.

Die Früchte dieser Hybris sind bekannt: Keine andere deutsche Bank hat in den vergangenen Jahren solch atemberaubende Erfolge gefeiert wie Berenberg. Zuletzt stieg die Eigenkapitalrendite auf surreale 83%. Indes: Genau wie bei einem Startup sind auch bei Berenberg gewisse Amplituden eingepreist ins Modell. Und so überrascht zumindest nicht völlig, dass jetzt ein Drittel der US-Belegschaft gehen muss, wie Finanz-Szene gestern Vormittag als erstes Medium berichtete.

Und nun? Wie geht es weiter? Droht Berenberg in den USA womöglich ein ähnliches Schicksal wie anderen deutschen Banken auch?

Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was genau ist diese Woche passiert?

Berenberg tritt im US-Geschäft (=US-Investmentbanking) scharf auf die Bremse. Nach Jahren des rasanten Wachstums trennt sich die Hamburger Privatbank jenseits des Atlantiks von rund 50 Mitarbeitern – das entspricht einem Drittel der dortigen Belegschaft. Angesichts der schwierigen Situation an den Kapitalmärkten will sich Berenberg in den USA künftig auf vier Kernbranchen fokussieren, nämlich Technologie, Industrie, Gesundheit und Immobilien.

Laut Bankangaben stehen diese Segmente für 90% des eigenen US-ECM-Geschäft (ECM steht für Equity Capital Markets). Ein Sprecher sagte, der Jobabbau sei auch Folge eines Lernprozesses. Demnach will sich Berenberg im US-Investmentbank auf jene Branchen fokussieren, in denen man sich am stärksten aufgestellt sieht.


Was ist bzw. war Berenbergs US-Strategie?

2011 ging Berenberg in die USA. So richtig forciert wurde das Geschäft allerdings erst in den letzten vier, fünf Jahren – unter anderem mit der Folge, dass es neben New York inzwischen noch drei weitere Standorte gibt, nämlich Boston, San Francisco und Chicago. Hinter der US-Expansion steht der persönlich haftende Gesellschafter und Investmentbanking-Chef Hendrik Riehmer. Der verbrachte in den zurückliegenden Jahren einen substantiellen Teil auch seiner eigenen Arbeitszeit in New York, um seinen Traum von einer starken Wall-Street-Präsenz voranzutreiben. Das Ziel: US-Größen wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley durch eine Fokussierung auf Mid Caps und vor allem durch überzeugende Aktienanalysen Marktanteile abzuknöpfen.

Allein zwischen Ende 2019 und Ende 2021 stockte Berenberg in den USA von 77 auf 156 Mitarbeiter auf – also mehr als eine Verdopplung binnen 24 Monaten. Corona? Home Office? Von wegen: “Berenberg verdoppelt [in New York] Bürofläche”, tickerte der Branchendienst “Citywire” noch im letzten Herbst – und zwar in Top-Lage im obersten Stockwerk in Midtown Manhattan; mit 15 Jahren Mietvertrag. Von “erheblichen Kapazitätsausweitungen” für das künftige Wachstum in den USA ist auch im aktuellen Geschäftsbericht die Rede. Damit ist es nun erst einmal vorbei. Stattdessen ist nun (siehe oben) von Fokussierung die Rede.

Hier die Entwicklung der Mitarbeiterzahl (bezogen auf die US-Standorte) seit 2016, ausgewertet aus diversen Interview (konkrete Zahlen nennt Berenberg im Geschäftsbericht nicht):

2016 46
2017 ?
2018 ?
2019 77
2020 112
2021 156

Hat Berenberg in den USA (jemals) Geld verdient?

Die Geschäftsberichte äußern sich hierzu nicht. Angesichts der kostspieligen Investitionen in den vergangenen Jahren würde wir allerdings vermuten: Nein, Berenberg hat in den USA noch kein Geld verdient. Zumindest nicht in Jahren wie 2020 und 2021, in denen die Belegschaft massiv ausgebaut wurde (und so ein New Yorker Investmentbanker verdient ja eher gehoben sechsstellig als niedrig sechsstellig).


Können die US-Pläne überhaupt aufgehen?

Das ist die große Frage.

  • Der Abstieg der Deutschen Bank, so sehen es in der Rückschau jedenfalls viele, begann mit der Übernahme der US-Investmentbank Bankers Trust im Jahr 1999 und dem Anspruch, auch in den USA im Investmentbanking zu den örtlichen Großbanken aufzuschließen
  • Die Dresdner Bank verfolgte mit dem Zukauf der US-Investmentbank Wasserstein Perella im Jahr 2000 zwar große Ziele – während der Finanzkrise steuerten aber ausgerechnet das US-Geschäft einen Großteil zum Verlust von 6,2 Mrd. Euro im Jahr 2008 (ein teures Erbe, das dann an der Commerzbank hängen blieb)
  • Auch die Commerzbank kam zwischen Ende der Neunziger und Mitter der 2010er Jahre nie richtig vorwärts in New York, verlor in der Finanzkrise viel Geld und fuhr (nicht nur das US-) Investmentbanking mit Verkündung der „Commerzbank 4.0“-Strategie ab 2016 drastisch herunter

Unterm Strich: Keine deutsche Bank hat im US-Investmentbanking je richtig Fuß gefasst. Warum, wird daher gefragt, soll das ausgerechnet Berenberg glücken?

Insgesamt hat Berenberg in den USA bislang 65 ECM-Transaktionen begleitet, davon 15 Börsengänge. Im 2020er-Geschäftsbericht ist von 14 Deals die Rede, im 2021er-Bericht von 23 Deals. Sprich: Eigentlich ging die Kurve zuletzt nach oben. Dann aber kam die Zinswende. Und der Ukraine-Krieg. Dann bröckelten die Kurse, dann knickte der ECM-Markt weg und vor allem bei Kunden aus der Tech-Branche – die erklärte Spezialität Berenbergs – ging kaum noch was.

Das Investmentbanking, es ist tückisch: Im Boom verdienen Banken wie Mitarbeiter gleichermaßen. Aber in der Krise? Da kosten die Mitarbeiter ihre Fixgehälter, ohne wirklich Geld einzubringen.

Und nun? Mal schauen.

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