Sberbank Europe am Ende. “Großteil der Kunden aus Deutschland”

2. März 2022

Von Christian Kirchner

Keine 48 Stunden nach dem Moratorium ist die auch in Deutschland im Einlagen- und Kreditgeschäft tätige Sberbank Europe mit Sitz in Wien endgültig am Ende. Wie aus einer Stellungnahme der österreichischen Finanzaufsicht FMA vom späten Dienstagabend hervorgeht, wurde dem russischstämmigen Institut auf Geheiß der EZB die Geschäftstätigkeit mit sofortiger Wirkung untersagt und der Entschädigungsfall ausgerufen. Nach dem am Montag früh verhängten Moratorium, das die EZB unter anderem mit einem massiven Liquiditätsabfluss begründet hatte, sehen die Aufseher offenbar keine Fortführungsprognose für die Bank. Eine offizielle Insolvenz muss zwar noch förmlich festgestellt werden, dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein. Über die russische Sberbank-Gruppe, zu der auch die Wiener Einheit gehört, waren Anfang der Woche umfangreiche internationale Sanktionen verhängt worden.

Die Entschädigung der Anleger läuft mit dem Ausrufen des Entschädigungsfalls automatisch an. Auf die österreichische Einlagensicherung kommt eine Forderungswelle zu – auch und gerade aus Deutschland. Denn hierzulande ist die Sberbank Europe unter dem Namen “Sberbank Direct” aktiv und rangierte bis zuletzt in den Ranglisten der Tages- und Festgeldvergleiche auf Spitzenplätzen. Laut dem letzten Geschäftsbericht der Sberbank Europe per Ende 2020 verfügte das Institut bei 12,9 Mrd. Euro Bilanzsumme auf Konzernebene über Privatkundeneinlagen von 5,2 Mrd. Euro.  Allerdings hat die Bank diese in acht Ländern eingesammelt und verfügt über nicht weniger als 187 Zweigniederlassungen.

Laut einer am Dienstag früh veröffentlichten Mitteilung beläuft sich die geschützte Sicherungssumme auf 931 Mio. Euro. Diese Zahl ist insofern plausibel, als dass die Bank in ihrem 2020er Geschäftsbericht davon spricht, dass “die Entwicklung der Einlagenbasis den Anstieg der Privatkundeneinlagen der deutschen Zweigstelle um EUR 122,9 Millionen oder 17,1% im Vergleich zum Vorjahr” beinhalte. Daraus würde sich demnach ein Einlagenvolumen deutscher Kunden von rund 842 Mio. Euro per Ende 2020 alleine über die deutsche Zweigstelle errechnen – diese Zahl ist auch durch den Einzelabschluss gedeckt und seitdem offenbar gestiegen.

In jedem Fall dürfte der Entschädigungsfall reichlich Stoff für Diskussionen bieten. Denn: Die Kunden Sberbank Europe kommen fast alle aus Deutschland und werden nun aus dem österreichischen Topf der Einlagensicherung entschädigt. Und: Noch genauer wird der österreichische Einlagensicherungsfonds mit einer nachgerade unglaublichen Zahl: Demnach hielten 35.000 Sberbank-Kunden gesicherte Einlagen über die genannten 913 Mio. Euro. Allerdings kämen diese auch laut Kurier “fast ausschließlich aus Deutschland” und gebe es nur 120 österreichische Anleger.

Laut letzten verfügbaren Daten der europäischen Bankenaufsicht EBA per Ende 2020 sind unter der österreichischen Einlagensicherung Einlagen in Gesamthöhe von 191 Mrd. Euro abgesichert, der Füllstand der Sicherung betrug allerdings nur 432 Mio. Euro beziehungsweise nur 0,23% der Einlagen. Laut Angaben der österreichischen Einlagensicherung wird die Sberbank allerdings in einem “gesonderten Rechnungskreis” geführt, so dass alle drei Sicherungstöpfe – die der privaten Einlagensicherung, die der Sparkassen und die der Genossenschaftsbanken – sich anteilig am Sicherungsfall werden beteiligen müssen. Die drei Töpfe zusammen kommen auf zusammen zuletzt 1,1 Mrd. Euro Liquidität.

Zur Einordnung: Der Sicherungsfall der Commerzialbank Mattersburg im Jahr 2020 war mit knapp 500 Mio. Euro einer der größten Entschädigungen seit Jahrzehnten in Österreich. Der Sberbank-Fall ist mithin fast doppelt so groß, allerdings fließt auch über die gesicherten Aktiva künftig wieder Geld an den Fonds zurück. Die Sberbank war schließlich wegen Problemen auf der Passivseite unter ein Moratorium gestellt worden, nicht, weil es Zweifel an Aktiva gab.

Die österreichische Einlagensicherung funktioniert ähnlich wie die deutsche: Binnen zehn Tagen müssen Sparer ihr Geld zurückerhalten. Sie brauchen ihre Forderung dabei nicht aktiv anzumelden. Die technische Abwicklung liegt für deutsche Kunden bei der Entschädigungseinrichtung deutscher Banken (EdB) des Bankenverbands in Berlin, der die Kunden in den kommenden Tagen anschreiben wird mit einem Formular, auf dem Kundinnen und Kunden ihre Bankverbindung für die Auszahlung des Guthabens mitteilen können.

180.000 Kunden, 4 Mrd. Einlagen: Der Fall der Frankfurter VTB

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