Sind die Sparkassen-Mitarbeiter ihr „13. Monatsgehalt“ wert?

22. Oktober 2020

Von Christian Kirchner

Diesmal bleiben die Filialen offen. Das ist das Signal, das unsere Sparkassen dieser Tage an die Kunden senden. Selbst im Berchtesgadener Land, wo Schulen und Kindergärten coronabedingt dicht sind, haben die Zweigstellen der örtlichen Sparkasse geöffnet – regionaler Lockdown hin oder her. Indes: Wer sich in den letzten Tagen ein bisschen umsah zwischen Alpen und Nordsee, der stellte rasch fest, dass das mit den offenen Filialen dann doch nicht überall galt. So standen Kunden bei brandenburgischen Sparkassen ebenso vor verschlossenen Türen wie bei Sparkassen in Niedersachsen oder in NRW.

Mit Corona freilich hatte das nichts zu tun. Sondern: Der momentane Tarifstreit im öffentlichen Dienst betrifft auch die Sparkassen. Oder besser gesagt: Er betrifft auch und gerade die Sparkassen. Denn: Zur Disposition steht ein „SSZ“ abgekürztes, 15 Jahres altes Privileg, dass de facto einem 13. Monatsgehalt gleichkommt. Was hat es mit dieser „Sparkassen-Sonderzahlung“ auf sich? Und: Lässt sich der fette Gehaltsbonus betriebswirtschaftlich überhaupt noch rechtfertigen?

Unser FAQ:

Was ist die Sparkassen-Sonderzahlung?

Eine tariflich höchst seltene Erscheinung. Denn bei der 2005 bundesweite eingeführten Regelung handelt es sich um eine Kombination aus einer 1.) fixen, 2.) individuell leistungsabhängigen und 3.) am Ertrag des jeweiligen Instituts ausgerichteten Vergütung, wobei „bundesweit“ die Besonderheit ist. Heißt: Beim Mitarbeiter „A“ der Sparkasse „X“ kann die Sonderzahlung anders ausfallen als beim Mitarbeiter „B“ der Sparkasse „Y“, selbst wenn „A“ und „B“ ansonsten derselben Gehaltsklasse angehören. Und: Das Fixum gibt es bei allen Sparkassen – unabhängig von der Ertragslage der Institute.

Wie sieht die Sonderzahlung konkret aus?

Unterstellt, eine Sparkassen-Mitarbeiterin oder ein Sparkassen-Mitarbeiter sei in der mittleren Entgeltgruppe 9a mit mehr als vier Jahren im Job, so beträgt das Monatsgehalt 3.784 Euro brutto. Die Sparkassen-Sonderzahlung besteht nun (bezogen auf 2020) aus einem festen Sockel-Teil von 88,77% eines Monatsgehalts sowie einer leistungsorientierten Vergütung von weiteren 64% eines Monatsgehalts sowie weiteren 50% eines Monatsgehalts, die vom Unternehmenserfolg abhängig sind – mithin in der Summe also etwas mehr als zwei Monatsgehälter (korrekterweise hätten wir weiter oben also vom „13. und 14. Monatsgehalt“ sprechen müssen.

Konkret bedeutet das im Rechenbeispiel, dass sich die zwölf Monatsgehälter auf 45.408 Euro summieren und die Sonderzahlung auf 7.673 Euro.

Was wollen die Arbeitgeber?

Zwei Dinge: Die Sonderzahlung „einfrieren“, so dass die tariflich verhandelten Gehaltssteigerungen nicht länger für die Sonderzahlung greifen. Und: Den fixen Sockel senken, nämlich von den aktuell 88,77% auf 64,77% im Jahr 2023.

Den – je nach Perspektive – „Einspareffekt“ beziehungsweise die Gehaltseinbußen rechnet die Arbeitnehmerseite für die Jahre 2021-2023 in verschiedenen Entgeltgruppen auf kumuliert 1.700 Euro bis 2.700 Euro hoch.

Das Argument der Arbeitgeberseite: Die Maßnahme gebe – so der Verhandlungsführer Ulrich Mägde – den Sparkassen die Möglichkeit, ihre „schwierige Situation am Markt besser zu regulieren“ (siehe hier). Schon seit Monaten ist die kommunikative Linie der Arbeitgeber, die Sparkassen litten unter Niedrigzinsen und sinkenden Betriebsergebnissen und die Abschlüsse müssten diesen Problemen unbedingt Rechnung tragen.

Warum rebellieren die Arbeitnehmer?

Sie führen zum einen ins Feld, dass auch Sparkassen-Mitarbeiter wesentlich dazu beigetragen hätten, die Auswirkungen von Corona vor allem auf Unternehmen und Selbständige zu begrenzen.

Zum anderen widersprechen sie dem Argument, die Sparkassen steckten in einer „schwierigen Situation“ und verweisen auf die Zahlen des DSGV für alle Institute. Demnach haben die deutschen Sparkassen 2019 ein Betriebsergebnis vor Bewertung von mehr als 8 Mrd. Euro erzielt.

Wer hat Recht?

Das zu entscheiden, ist nicht an uns. Einen bescheidenen Beitrag zur Meinungsbildung wollen wir allerdings trotzdem liefern:

  1. Dass die Sparkassen und also ihre Beschäftigten in der Corona-Krise sehr aktiv waren, lässt sich zahlenmäßig untermauern. Jedenfalls haben sie bis zum Sommer den Löwenanteil der Hilfskredite vergeben (siehe hier). Ein Punkt für die Arbeitnehmer.
  2. Andererseits lässt sich kaum bestreiten, dass die Profitabilität der Sparkassen gesunken ist. Lag das „Betriebsergebnis vor Bewertung in Prozent der durchschnittlichen Bilanzsumme“ (das ist die Lieblings-Kennziffer aller Sparkassen-Menschen) 2013 noch sparkassenweit bei 0,86%, so waren es zuletzt nur noch 0,65%. (Hier eine Grafik mit der Übersicht über die Entwicklung). Ein Punkt für die Arbeitgeber.
  3. Dagegen sehen die absoluten Zahlen nach wie vor sehr okay aus. Der Überschuss der Sparkassen lag 2019 mit 5,8 Mrd. Euro auf Augenhöhe mit jenem von vor fünf Jahren (ebenfalls 5,8 Mrd. Euro) und nur unwesentlich unter jenem des Jahres 2015 (6,0 Mrd. Euro). Zugleich stellen die Sparkassen heute wie damals je rund 4,4 Mrd. Euro in die Rücklagen ein. Ein Punkt für die Arbeitnehmer
  4. Eine Auswertung der Geschäftsberichte deutscher Sparkassen zeigt. Etliche Institut führen die Tarifabschlüsse als Grund an, warum sie die Kosten nicht senken können. Lediglich drei von 20 per Juli untersuchten Abschlüssen gingen für 2020 von sinkenden Kosten aus (siehe hier). Ein Punkt für die Arbeitgeber
  5. Die Gehälter der Sparkassenvorstände, von denen 2018 über 40 Einkommensmillionäre waren (siehe hier). Ein Punkt für die Arbeitnehmer
  6. Vergleicht man die wesentlichen Kennziffern der Sparkassen aus dem vergangenen Jahr mit denen aus dem Jahr 2005 (also dem Jahr der Verabschiedung der Sparkassen-Sonderzahlung), dann zeigt sich: Ja, der durchschnittliche Mitarbeiter kostet sein Institut heute 40% mehr als damals (wobei’s in der Zeit ja auch ein bisschen Inflation gab …); gemessen am Betriebsergebnis (vor Bewertung) je Mitarbeiter sind die Sparkassen-Beschäftigten heute aber 21% produktiver als damals. Wenn Sie wollen: Je ein Punkt für beide.
2005 2019 Veränd. in %
Sparkassen 463 380 -18
Mitarbeiter 260.800 205.000 -21
Personalaufwand (Mio. €) 11.841 13.076 10
Betriebserg. v. Bewertung (Mio. €) 9.880 8.241 -17
Bilanzgewinn 1.517 1.445 -5
Cost-Income-Ratio 67% 72% 7
EK-Rendite n. Steuern 5,6% 4,8% -14
Personalaufwand/Mitarb. € 45.403 63.785 40
Betriebsergebnis/Mitarbeiter € 5.817 7.049 21

Quelle: Bundesbank, Ertragslagen der Institute 2005 & 2019

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