Exklusiv

So radikal fällt der Umbau der Berliner Sparkasse aus

30. März 2022

Von Heinz-Roger Dohms

Der angestrebte Rückbau der Landesbank Berlin (LBB) zu einer reinen Berliner Sparkasse (BSK) wird mit radikalen Einschnitten einhergehen. Wie sich aus dem 2021er-Geschäftsbericht ableiten lässt, dürfte die LBB/BSK in den nächsten Jahren grob gerechnet rund ein Viertel ihres Zinsgeschäfts verlieren – das ist jener Anteil der Zinserlöse (179 Mio. Euro), die momentan noch aus den Co-Branding-Aktivitäten im Kreditkartenbereich kommen. Dieses Geschäft soll bekanntlich bis spätestens 2024 aufgegeben werden (siehe hier, hier und hier).

Zur Kompensation will der Vorstand den Verwaltungsaufwand von rund 900 Mio. Euro (das war der Wert von 2019) auf ein Niveau von maximal noch 650 Mio. Euro im Jahr 2025 drücken. Ob diese Transformation gelingt und ob die künftige Berliner Sparkasse danach überhaupt noch über ein einigermaßen tragfähiges Geschäftsmodell verfügen wird, lässt sich kaum abschätzen. Die Frage, ob sich aus dem radikalen Umbau irgendein Restrukturierungs-Aufwand ergibt, vermochte ein Institutssprecher gestern auf Anfrage nicht zu beantworten. Die Mitarbeiterkapazitäten sollen von derzeit rund 3.000 auf etwa 2.500 sinken.

Sowohl die LBB/BSK als auch der deutschen Sparkassenverband als Eigentümer hatten monatelang davon abgesehen, die Öffentlichkeit über die tiefgreifende Restrukturierung zu informieren. Publik wurden die Pläne erst durch die Berichterstattung von Finanz-Szene und Finance Forward im vergangenen Herbst (siehe u.a. die Artikel -> Landesbank Berlin wird zerfleddert vom 5. September sowie -> Landesbank Berlin streicht 635 Jobs und verkauft weitere Tochter vom 7. Oktober).

Auch bei der für gestern anberaumten Bilanz-PK wollte der Vorstand um CEO Johannes Evers das Thema allem Anschein nach möglichst ausblenden. Mit Verweis darauf, dass es sich um eine physische Präsenzveranstaltung für die lokalen Medien handele, hatte beispielsweise Finanz-Szene.de keine Einladung erhalten. In der uns alternativ zur Verfügung gestellten, fast 15.000 Zeichen langen Pressemitteilung zu der Veranstaltung wurde der anstehende Umbau nur am Rande thematisiert.

Sprecher dementiert Angaben des eigenen Geschäftsberichts

Dabei ist das Ausmaß der Operationen, die der LBB/BSK-Vorstand in offenbar nur wenigen Monaten angestoßen hat, frappierend. Wie berichtet, war von einer Abwicklung des einstmals eminent erfolgreichen Kreditkartengeschäfts im 2020er-Abschluss noch gar nicht die Rede gewesen – erst im Halbjahresbericht 2021 tauchte der Sachverhalt plötzlich auf. Genauso unvermittelt geht nun aus dem neuen Geschäftsbericht hervor, dass die LBB/BSK per 31. Oktober 2021 praktisch ihre kompletten Pensionsverpflichtungen in Höhe von 1,3 (!) Mrd. Euro in einen “nicht versicherungsförmigen Pensionsfonds der Metzler Pensionsfonds AG” ausgelagert hat. Eine materielle Begründung für diesen Schritt lieferte die LBB/BSK gestern nicht. Der Sprecher verwies lediglich darauf, dass durch die Maßnahme “finanzielle Belastungen aus dem Niedrigzinsumfeld teilweise kompensiert” werden sollten.

Im testierten Geschäftsbericht steht zudem, dass die Maßnahme bereits 2021 zu einer Reduzierung des Verwaltungsaufwands geführt habe. Wörtlich heißt es dort: “Der Personalaufwand lag um 24 Mio. € unter dem Planniveau. Hintergrund war im Wesentlichen die in der Planung noch nicht enthaltene Auslagerung eines großen Teils der Pensionsverpflichtungen zum 31.10.2021 an einen Pensionsfonds.” Irritierenderweise widersprach des Institutssprecher allerdings am Abend dem eigenen Geschäftsbericht. Er teilte gegenüber Finanz-Szene.de mit: “Der Verwaltungsaufwand 2021 ist vor allem durch konsequente Kosteneinsparungen gesunken (minus 5 Mio. Euro) – trotz gegenläufiger Effekte wie z.B. der Inflation. Positive Effekte aus der Umplatzierung der Pensionsverpflichtungen werden sich erst ab dem Geschäftsjahr 2022 [ergeben].” 

Auch jenseits der Auslagerung der Pensionsverpflichtungen zeugt der Geschäftsbericht von umfassenden bilanziellen Eingriffen. So wurden, wie es an einer Stelle des Abschlusses heißt, “im Zusammenhang mit der Auslagerung der Pensionsverbindlichkeiten für Pensionen reservierte Mittel von § 340f HGB-Reserven in § 340g HGB-Reserven umgebucht”. Wie hoch die Auflösung der stillen Reserven nach § 340f genau ausfiel, wird zwar nicht explizit gesagt. Allerdings führte die Operation dazu, dass die Risikovorsorge nicht etwa negativ, sondern mit 104 Mio. Euro extrem positiv ausfiel (zur Einordnung: Im Jahr 2020 hatte das Institut umgekehrt noch 132 Mio. Euro Risikovorsorge bilden müssen). Zudem führte die LBB/BSK den offenen Reserven (also dem Fonds für allgemeine Bankrisiken gemäß § 340g) satte 213 Mio. Euro zu. Vor einem Jahr war hierfür nicht ein einziger Euro reserviert worden.

Der Gewinn – kein Scherz – kommt aus dem Zinsaufwand

In ihrer Pressemitteilung bemüht sich die Berliner Sparkasse, den Eindruck zu erwecken, dass das Geschäftsjahr 2021 zumindest in operativer Hinsicht einigermaßen normal abgelaufen sei. Von einem “zufriedenstellenden Jahresergebnis” ist die Rede und von einem Gewinn “auf Vorjahresniveau”. Vorstandschef Evers lässt sich zitieren: „Die Berliner Sparkasse hat sich auch im Geschäftsjahr 2021, dem zweiten vollen Jahr der Corona-Pandemie, als sehr robust erwiesen und ein insgesamt zufriedenstellendes positives Ergebnis erzielen können. Das ist angesichts der Belastungen, die von außen auf uns einwirken, alles andere als selbstverständlich. Wir können feststellen, dass unsere Sparkasse bei allem, was wir selber beeinflussen können, gut abgeschnitten hat.”

In Wirklichkeit wimmelt die GuV der LBB/BSK auch jenseits der skizzierten 340f/340g-Transaktion von Anomalien. So kam der entscheidende Gewinnbeitrag im abgelaufenen Geschäftsjahr nicht etwa aus aus dem Zinsertrag – sondern absurderweise aus dem Zinsaufwand. Surreal anmutende 121 Mio. Euro “positive Zinsen” buchte die Berliner Sparkasse in diese Position, ein Ergebnisbeitrag, der sich unserem Verständnis nach vor allem aus Negativzinsen für Kundeneinlagen (plus 437% auf 102 Mio. Euro) speisen dürfte. Daneben zog das Institut auch 46 Mio. Euro aus TLTRO-Effekten – wobei uns nicht ganz klar ist, ob diese Einmaleffekte ebenfalls beim Zinsaufwand oder beim Zinsertrag zu Buche schlugen.

Ein Zinsaufwand im klassischen Sinn (also eine Refinanzierung, für die man bezahlt) scheint die LBB/BSK kaum noch zu belasten. Das ist auch insofern bemerkenswert, als zwei andere Großsparkassen, nämlich die beiden Kölner Institute, im vergangenen Jahr trotz anhaltenden Zinstiefs noch immer ganz erheblich Zinsaufwendungen zu schultern hatten und dies vor allem auf Kosten für Zinssicherungs-Geschäfte zurückführten (siehe hier und hier). Zwar hat auch die Berliner Sparkasse Zins-Swaps im Nominalvolumen von fast 20 Mrd. Euro auf der Bilanz. Sie allerdings verdiente an ihrem Zinsaufwand (den positiven Zinsen von 121 Mio. Euro stand ein tatsächlicher Aufwand von 40 Mio. Euro gegenüber) trotzdem saldiert 81 Mio. Euro.

Ohne jetzt jede Auffälligkeit einzeln durchzunudeln: Ihr Betriebsergebnis vor Bewertung bezifferte die LBB/BSK auf 148 Mio. Euro an (inklusive den 46 Mio. Euro TLTRO). Gemessen an der (wegen TLTRO freilich ebenfalls aufgeblähten) durchschnittlichen Bilanzsumme ergab das einen Wert von 0,29%. Was hieraus wird, wenn in zwei, drei Jahren dann ein Viertel der Zinserlöse fehlt? Offen.

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