Deep Dive

HGB? Pfff. Wie die Sparda BaWü den Comeco-Flop totschweigt

7. Juli 2021

Von Christian Kirchner

Über die ernüchternden 2020er-Zahlen der Sparda Baden-Württemberg hatten wir Sie ja neulich schon in Kenntnis gesetzt (siehe hier): Zinsüberschuss -12%; Provisionsüberschuss -4%, operatives Ergebnis -33%; Überschuss minus 47%.

Mindestens so spannend wie das, was im Geschäftsbericht steht, ist allerdings, was nicht im Geschäftsbericht steht. Nämlich Details über das Engagement des Instituts bei der Comeco GmbH & Co. KG.

Comeco? Genau, das war jenes Fintech, dass die neue, mit etlichen Pannen gestartete neue Sparda-App „TEO“ entwickelt hat.

Wie Finanz-Szene schon vor einigen Monate aufgedeckt hatte (siehe hier), hat die Sparda Baden-Württemberg allein seit August 2019 stolze 36 Mio. Euro in Comeco investiert. 43% der Anteile gehören der Bank mittlerweile. Doch wer im Geschäftsbericht nach finanziellen Details der Beteiligung sucht, der findet dort: nichts – außer ein paar dürren Worten im Bericht des Aufsichtsrats, „die Beteiligung an der Comeco GmbH & Co. KG zeigt erste Ergebnisse“.

Aber welche Ergebnisse genau? Und: Darf man das überhaupt? Ein so wichtiges, umfangreiches Engagement weitgehend totschweigen?

Laut „Handelsgesetzbuch“ gibt es eine grundsätzliche Pflicht, Beteiligungen im Anhang des Jahresabschlusses aufzuführen. Samt investiertem Eigenkapital und dem Ergebnis des letzten Geschäftsjahres.

Diese Veröffentlichungspflicht gilt erst recht, wenn die Beteiligung die Anteilsschwelle von 20% überschreitet, eine Hürde, die die Sparda Baden-Württemberg bei Comeco ja locker nimmt. Trotzdem packt das Genossenschaftsinstitut das Engagement nonchalant – saldiert mit weiteren Beteiligungen – in den Posten „Beteiligungen und Geschäftsguthaben bei Genossenschaften“, der Ende 2020 insgesamt 87,5 Mio. Euro betrug.

Nun könnten Sie sagen: Stellen Sie nicht so an, sind doch nur 36 Mio. Euro! Bloß: Für die Sparda Baden-Württemberg sind 36 Mio. Euro eben keine „Peanuts“. Ein paar Einordnungen:

  • Da ist die Höhe der Beteiligung: Die 36 Mio. Euro entsprechen dem 3,5-fachen des letzten Jahresüberschusses – und gar dem 16-fachen der letzten an die Mitglieder ausgeschütteten Dividende.
  • Da ist das schwindelerregende Tempo, mit dem die Comeco das ihr zur Verfügung gestellte Eigenkapital verbrennt. Im Jahr 2018 betrug der Fehlbetrag 10,1 Mio. Euro, im Jahr 2019 dann 31,4 Mio. Euro, macht in der Summe 41,5 Mio. Euro. Wie hoch der Cashburn 2020 war, wollen weder die Comeco noch die Sparda Baden-Württemberg auf Nachfrage mitteilen. Dabei wäre diese Information von fundamentaler Bedeutung, gemessen an der Tatsache, dass das Eigenkapital der Comeco bereits per Ende 2019 nur noch 24 Mio. Euro betrug und die Zahl der Spardas sinkt, die bei den Kapitalrunden noch mitziehen. So ließen die Spardas West, Ostbayern und Hessen sowie die ebenfalls beteiligte Technologieberatung Sopra Steria ihrem initialen Engagement keine weiteren Einschüsse folgen. Bekannt ist (auch das hatten wir neulich berichtet): Im März 2021 folgte stattdessen eine Kapitalrunde mit der DEVK und der Süddeutschen Krankenversicherung über zusammen 11 Mio. Euro.
  • Da ist die Tatsache, dass die Comeco GmbH & Co. KG – im Mai 2018 gegründet von mehreren Sparda-Banken (mit der Sparda Baden-Württemberg als einem der Startinvestoren) – mit erheblichen Problemen kämpft; „TEO“ erntete bei Kunden teils heftige Kritik, die Nutzerzahl soll aktuell bei 500.000 liegen und damit immer noch weit unter dem einst ausgerufenen Ziel von einer Million; die Einführung der App im vergangenen Jahr „ruckelig“ zu nennen, wäre eine Untertreibung (siehe z.B. hier, hier oder hier).
  • Und da ist die Tatsache, dass andere Sparda-Banken bei einem – absolut wie relativ – deutlich kleineren Engagement ihre Comeco-Beteiligung im Geschäftsbericht sehr wohl ausweisen …

… siehe diese Tabelle hier:

Comeco-Beteiligung
in % des eig. Eigenkapitals Comeco ausgewiesen?
Sparda Baden-Württemberg 5,32 nein
Sparda Augsburg 4,38 nein
Sparda Nürnberg 3,67 ja
Sparda München 2,15 ja
Sparda Ostbayern 1,94 ja
Sparda Hessen 1,20 ja
Sparda West 0,69 nein

Quellen: jeweils jüngste verfügbare Geschäftsberichte (2020 oder 2019)

Auf Nachfrage, warum sie die Beteiligung im Geschäftsbericht nicht detaillierter aufführe, teilt die Sparda Baden-Württemberg lapidar mit: „Die Angaben (…) können unterbleiben, wenn sie für die Darstellung der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage von untergeordneter Bedeutung sind“. Nun, es gibt diese Ausnahmeregelung tatsächlich. Aber nochmal: Sind 36 Mio. Euro bei einem Eigenkapital von 669 Mio. Euro und zuletzt nur noch 10 Mio. Euro Überschuss „von untergeordneter Bedeutung“?

Und, nur ganz nebenbei: Wieso weisen die Stuttgarter dann im Abschluss den „Sparda Versicherungsservice“ separat aus, mit einem Eigenkapital von gerade mal 1 Mio. Euro?

Die Kommentierung der HGB-Gesetze zur Bilanzierung gibt weite Spannen an, bis zu welchem Punkt eine Beteiligung unbedeutend ist (in diesem Fall gemessen an den gesamten übrigen Beteiligungen). Diese Spanne liegt laut einem von Finanz-Szene.de befragten Bilanzexperten einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zwischen 0,2% und 8,7% aller Beteiligungen. Die Comeco-Beteiligung aber? Steht rechnerisch für 41% (36 Mio. Euro vs. 87,5 Mio. Euro insgesamt).

Die Sparda Baden-Württemberg selbst teilt mit, laut Kommentierung habe sich „die diesbezüglich vorzunehmende Beurteilung der Bedeutung an den wirtschaftlich relevanten Kriterien wie Umsatzerlöse, Eigenkapital, Bilanzsumme, Jahresergebnis der Beteiligungsgesellschaft in Bezug zum Beteiligten zu orientieren“, und dies habe zum Ergebnis geführt, die Comeco sei nicht bedeutend. Gut, dass Comecos Umsatzerlöse sich noch sehr im Rahmen halten, das glauben wir sofort. Doch wie groß der (etwaige) Fehlbetrag 2020 war, wäre das nicht von Interesse? Auch bezogen auf den Großgesellschafter Sparda BaWü?

Finanz-Szene.de hat drei Bankbilanzexperten großer Prüfungsgesellschaften gefragt. Diese gaben sich über diese Einschätzungen der Sparda-Bank äußerst erstaunt. „Es besteht zunächst einmal eine Angabepflicht, das heißt, die entsprechende Beteiligung als unbedeutend zu klassifizieren, muss sehr gut begründet sein“, so ein Prüfer. Soll heißen: Es braucht nicht besondere Gründe, um Angaben in den Geschäftsbericht aufzunehmen, nein, es braucht besondere Gründe, sie wegzulassen.

Auch den tatsächlichen Prüfer der Bilanz der Sparda Baden-Württemberg haben wir gefragt (sprich den, der die Idee abgenickt hat, die Comeco nicht im Anhang auszuweisen, sondern im Saldo von Beteiligungen verschwinden zu lassen). Es handelt sich dabei um den Verband der Sparda-Banken, ein Dienstleister für alle Sparda-Banken in Sachen Beratung und Prüfung von Bilanzen. Die Antwort: Man habe den Lagebericht „nach den berufsrechtlichen Standards geprüft“ und einen „uneingeschränkten Bestätigungsvermerk erteilt“. Und: „Zu weiteren Fragen, die Sparda-Bank Baden-Württemberg sowie die Comeco betreffend,“ könne man „aufgrund der berufrechtlichen Verschwiegensheitsverpflichtung keine Auskunft geben“.

Dabei wäre eine Frage besonders spannend: Ist der bilanzierte Wert der Comeco-Beteiligung vor dem Hintergrund der Verluste in 2018, 2019 und möglicherweise 2020 tatsächlich noch angemessen? Folgt er wirklich dem strengen HGB-Prinzip, nach dem Beteiligungen mit den Anschaffungskosten abzüglich erforderlicher Abschreibungen auf den niedrigeren beizulegenden Wert am Abschlussstichtag bewertet werden?

Warum stellen wir diese Frage? Weil ein anderer Comeco-Gesellschafter, nämlich der schon erwähnte und mit diversen Sparda-Banken verbandelte französische Technologiekonzern Sopra Steria bei der Erstellung seiner 2020er Bilanz (genauer: dem „Universal Registration Document“) diese Frage für sich sehr klar beantwortete: Er schrieb kurzerhand 50% an der Comeco-Beteiligung ab. Man habe bei Abschreibungen „einen vorsichtigen Ansatz gewählt, wie er in den Bilanzregeln vorgeschrieben sei“, so eine Sprecherin auf Nachfrage.*

Die Sparda Baden-Württemberg? Bestätigt auf Nachfrage, bislang keinerlei Abschreibungen auf Comeco vorgenommen zu haben: „Es gab und gibt derzeit nach unserer Einschätzung eine ausreichende Zukunftsperspektive. Somit bestand 2020 auch keine Abschreibungsnotwendigkeit. Wie bei allen Beteiligungen sind in der Risikotragfähigkeit entsprechende Vorkehrungen getroffen.“

Hätten die 524.735 Mitglieder der Genossenschaftsbank nicht ein paar Informationen über die größte Beteiligung ihrer Sparda verdient? So bat Finanz-Szene.de die Sparda Baden-Württemberg auch um eine Stellungnahme, ob die Mitglieder denn wenigstens auf anderem Wege als dem Geschäftsbericht über Höhe des Comeco-Engagements und der operativen Lage ins Bild gesetzt wurden – auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass das Institut schon seit einiger Zeit massiv neue Geschäftsanteile ausgibt.

„Hierzu besteht mit Bezug auf den Umfang keine Notwendigkeit“, hieß es dazu von einem Sprecher nur.

Satte 54,5 Mio. Euro an neuen Geschäftsanteilen mit 109 Mio. Euro neuer Haftsumme sammelte das Institut im vergangenen Jahr zusätzlich ein, von Genossen, die sich mutmaßlich auch von der Aussicht auf 1,5% Dividende haben locken lassen. Wissen die Mitglieder, dass die Sparda BaWü vermutlich in die roten Zahlen gerutscht wäre, hätte sie auf die Comeco-Beteiligung eine 50%-ige Abschreibung vorgenommen?

 



*Transparenzhinweis: Sopra Steria gehört zu den sogenannten „Premium-Partnern“ von Finanz-Szene.de; auf unsere redaktionelle Berichterstattung hat dies keine Auswirkungen.

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