Analyse

Volksbanken: Auf >800 Institute kommen nur 88 Vorstandsfrauen

1. Oktober 2020

Von Christian Kirchner

Eigentlich wollen wir Ihnen jeden Morgen eine neue Geschichte erzählen. Und keine aufgewärmte. Allerdings waren die Reaktionen auf unsere Recherche zur VR Bank Rhein-Neckar so überwältigend, dass wir heute Morgen einfach mal eine Ausnahme machen möchten. Denn offenbar haben wir mit dem Thema „Die Genos und die Frauen“ einen wunden Punkt getroffen.

Also kurz gefragt: Ist die VR Bank Rhein-Neckar eher die Ausnahme, oder ist sie eher die Regel? Oder anders gefragt: Was passiert, wenn man sich durch die Impressen (Impressums?) aller 839 deutschen Genossenschaftsbanken pflügt, um dort die Vornamen der Vorstände rauszukopieren und das Ganze dann auszuwerten? Genau das hat einer unserer Leser nämlich vor ein paar Wochen mal gemacht (Stand 30. Juni) und uns gestern dankenswerterweise seine Daten zur Verfügung gestellt.

Unter diesem Link hier finden Sie die Liste mit sämtlichen Banken und sämtlichen Frauenquoten zum fröhlichen Durchscrollen.

Und die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick bzw. zur Geschlechter-Verteilung bei den Genobanken generell? Finden Sie hier:

  • 57% aller Beschäftigten bei den Genobanken sind Frauen
  • Auf Vorstandsebene ist das Verhältnis jedoch krass umgekehrt. Auf nur 88 Frauen (4,4%) kommen 1905 Männer.
  • Es gibt sogar mehr Vorstände mit dem Vornamen Thomas (93) als weibliche Vorstände. Nicht weit dahinter sind die Michaels (68 Vorstandsposten), Martins (62), Jürgens (58)
  • In 90,3% aller Vorstände sitzt gar keine Frau.
  • Eine gesonderte Erwähnung verdient die VR-Bank Eisenach-Ronshausen. Beide Vorstandsposten und eine der beiden Prokurastellen sind mit Frauen besetzt.
  • Es ist mitnichten so, dass es sich bei dem Männerüberhang um ein „Das sind halt kleine Volksbanken in der Provinz“-Phänomen handelt. Im Gegenteil: Der Median der Bilanzsummen liegt bei etwa 520 Mio. Euro. Bei den Instituten mit weniger Geschäft sind 50 Frauen in Vorständen, bei Instituten mit mehr Geschäft nur 38.
  • Einen genauen Blick haben wir auf die 20 größten Genoinstitute geworfen, auch mit Blick auf die Ziele auf Vorstands- und erster Führungsebene. Ergebnis: In 14 Fällen sind die Männer im Vorstand unter sich; allerdings formulieren neun der Banken Ziel, bis 2022 wenigstens ein weibliches Vorstandsmitglied zu haben
  • Zwischen den 20 großen Geno-Banken klaffen aber auch erhebliche strategische Unterschiede. Während die GLS Bank schon heute ihr Ziel von 50% Frauen im Vorstand erfüllt, will sie bis 2022 zudem auf 40% Frauen auf der ersten Führungsebene kommen. Bei der Sparda München und der Berliner Volksbank ist der Vorstand schon jetzt hälftig mit Frauen besetzt und sollen es bis 2022 28% bzw. 30% Frauen in der ersten Führungsebene sein (wobei die Sparda München dieses Ziel sogar schon erreicht hat). Auf Quoten von mindestens 25% und mehr in der ersten Führungsebene wollen auch die BBBank, Sparda Baden Württemberg, Sparda Berlin und Sparda Südwest kommen.
  • Am anderen Ende der Ambitionsskala (0% Frauen im Vorstand und auch keine höheren Ziele) befinden sich die Volksbank Stuttgart, die Mainzer Volksbank und die Hannoversche Volksbank. Sie alle haben für die 1. Führungsebene auch nur Zielquoten von 9-12%. Die Sparda Hessen veröffentlicht keine Quoten und Ziele (muss sie als nicht mitbestimmungspflichtige Bank auch nicht) und auch keinen Nachhaltigkeitsbericht, auf Nachfrage teilt sie mit, derlei Quoten würden auch nicht erhoben.
  • Die Volksbank Stuttgart (7,5 Mrd. Euro Bilanzsumme, 986 MitarbeiterInnen) sticht aus der Spitzengruppe gleich mehrfach heraus. Im Geschäftsbericht 2019 heißt es wörtlich: „Die Erklärung zur Unternehmensführung im Hinblick auf die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft wird auf der Homepage der Volksbank Stuttgart unter der Adresse https://www.volksbank-stuttgart.de/ wir-fuer-sie/die-volksbank-stuttgart/erklaerung-zur-unternehmensfuehrung.html publiziert.“ Ansonsten kein Wort im Geschäftsbericht oder Nachhaltigkeitsbericht zu Quoten und Zielen. Auf der genannten Seite prangt dann der letzte Status quo (2017!) und die Ziele für 2022: Quote im Vorstand: 0%. Ziel 2022 für den Vorstand: 0%. Quote in der ersten Führungsebene: 3% (!). Ziel für 2022: 10%. Finanz-Szene.de bat die Volksbank Stuttgart per E-Mail zweimal um einen aktuellen Status quo, erhielt aber keine Antwort.

Der Geno-Verband BVR (der die Frauenquote übrigens mit 4,1% angibt, während die Zählung per 30. Juni auf 4,4% kam) teilte gestern Abend auf Anfrage mit:

In der Tat entspricht die aktuelle Situation der Besetzung von Vorstandsposten durch Frauen bei Genossenschaftsbanken nicht unseren Vorstellungen in der FinanzGruppe. Das Thema wird innerhalb der dezentralen genossenschaftlichen FinanzGruppe an vielen Stellen genau beobachtet und es werden Maßnahmen entwickelt und umgesetzt, um den Frauenanteil auf Vorstandsebene zu erhöhen. Die Entscheidung über die Benennung in den Vorstand trifft immer der jeweilige Aufsichtsrat der Bank. […]

Um die Zahl weiblicher Führungskräfte zu erhöhen, führen viele Häuser aus der genossenschaftlichen FinanzGruppe seit Längerem Frauenförderprogramme durch. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken selbst befassen sich intensiv mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch ein weites Spektrum an betrieblichen Maßnahmen: Teilzeitangebote, Arbeitsflexibilisierung und gezielte Weiterbildungsangebote. Übrigens werben auch die Tarifparteien im genossenschaftlichen Bankensektor im Rahmen des Demografievertrags für betriebliche Initiativen, die qualifizierte Frauen an Führungsaufgaben heranführen und binden und die Beschäftigten im Bedarfsfall bei der Pflege / Betreuung von Familienangehörigen unterstützen oder Fachkräfte während und nach der Elternzeit fördern.

In Folge dieser Bemühungen ist in der Zeit von 2009 bis 2019 der Anteil der weiblichen Führungskräfte in unserem Sektor von 16,2% auf 26,8% gestiegen. Dies zeigt, dass es Veränderungen gibt, die sich mittel- bis langfristig auch auf der obersten Leitungsebene durchsetzen werden.“

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