Exklusiv

Volksbanken kaufen Berliner KMU-Kreditportal Fincompare

13. Dezember 2021

Von Caspar Schlenk und Heinz-Roger Dohms

Es ist die bislang prominenteste Übernahme eines deutschen Fintechs durch einen klassischen Player: Laut exklusiven Recherchen von “Finance Forward” und “Finanz-Szene.de” hat ein Genobanken-Konsortium (dem die DZ Bank, der genossenschaftlichen IT-Dienstleister Atruvia sowie diverse Volksbanken angehören) den namhaften Berliner Kreditvermittler Fincompare übernommen. Es gehe um die Schaffung eines “neuen Marktplatzes für KMU-Finanzierungen”, schreibt das Konsortium in einem Brief, der am Freitagabend den Vorständen sämtlicher Volks- und Raiffeisenbanken hierzulande zuging. Zum Kaufpreis macht das Schreiben keine Angaben. Laut unseren Recherchen soll dieser jedoch bei angeblich rund 15 Mio. Euro liegen – was wie ein Schnäppchen anmutet, nachdem Fincompare bei früheren Finanzierungsrunden schon einmal deutlich höher bewertet worden war.

Fincompare ist ein Vergleichsportal, das kleinen und mittleren Unternehmen einen digitalen Zugang zu Krediten von Banken und sonstigen Finanzdienstleistern verspricht. Seit der Gründung 2016 wurden über das Berliner Fintech laut unseren Informationen gut 2.000 Finanzierungen mit einem Volumen von mehr als 200 Mio. Euro vermittelt – im Schnitt belaufen sich die Finanzierungen also auf ein Volumen von rund 100.000 Euro. Fincompare gilt unter den digitalen KMU-Kreditvermittlern hierzulande als Nummer zwei, liegt hinter dem Düsseldorfer Erzrivalen Compeon allerdings deutlich zurück. Der hatte allein 2019 Finanzierungen im Umfang von rund 450 Mio. Euro vermittelt und strebte – nach einem leichten Corona-Knick 2020 – für dieses Jahr ein Volumen von 750 Mio. Euro an (siehe unsere entsprechende Analyse aus dem Mai).

Dass Fincompare sich in den vergangenen Jahren schwächer entwickelt hat als Compeon (wo sich übrigens zu Jahresbeginn die NRW Bank beteiligt hatte), dürfte ein wesentlicher Grund sein, warum die Genobanken jetzt vergleichsweise günstig zuschlagen können. Zur Einordnung: Vor drei Jahren hatten sich die ING Groep (also die niederländische Mutter der ING Diba) und weitere Investoren für damals rund 10 Mio. Euro lediglich einen Minderheitsanteil an Fincompare gesichert. Die Amsterdamer Großbank scheidet genauso wie sämtliche anderen Altgesellschafter im Zuge der aktuellen Transaktion aus.

Ist “Genopace” die Blaupause für “Geno-Fincompare”?

In dem Brief an die Volksbank-Vorstände begründet das Käuferkonsortium den Erwerb von Fincompare damit, dass es um die Besetzung einer “strategisch sehr wichtigen Kundenschnittstelle” gehe. Dadurch könne die genossenschaftlichen Finanzgruppe ihre Position “als führender Mittelstandsfinanzierer nachhaltig stärken”. Im weiteren Verlauf des Schreibens heißt es dann noch: “Mit dem Erwerb dieses Marktplatzes wollen wir die vielversprechende Chance nutzen, uns vom Plattformnutzer zum führenden Betreiber eines Marktplatzes sowie Anbieters für die Mittelstandsfinanzierung weiterzuentwickeln. Damit ergibt sich für die Zukunft ein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Bankengruppen.” 

Interessanterweise gibt es innerhalb des Genosektors eine Blaupause für die jetzige Transaktion. Denn: Schon seit Jahren betreiben die Volks- und Raiffeisenbanken gemeinsam mit dem Berliner Fintech-Riesen Hypoport die sogenannte “Genopace”-Plattform. Dabei handelt es sich um einen Marktplatz, über den Genobanken private Baufinanzierungen an andere Genobanken weiterreichen. Wie rasant sich dieses Geschäftsmodell entwickelt, offenbarten zuletzt die Halbjahreszahlen von Hypoport: Demnach wurden über Genopace allein von Januar bis Juni Kredite mit einem Volumen von 6,3 Mrd. Euro vermittelt – im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eine Steigerung von 83%.


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Auf den ersten Blick gewinnen bei diesem Ansatz alle Seiten: Die vermittelnde Volksbank erhält eine Provision (und stärkt also ihr Provisionsergebnis) – und die Volksbank, bei der die Finanzierung letztlich landet, erweitert ihr Kreditbuch (tut also was fürs Zinsergebnis). Zugleich sind es allerdings gerade Plattform-Modelle wie Genopace, die dazu beitragen, dass die Margen in der Baufinanzierung in den vergangenen Jahren merklich gesunken sind. Hinzu kommt: Auch der Marktplatz erhält natürlich eine Gebühr. Da die Genopace-Plattform zu 45% Hypoport gehört, fließt also ein Teil des Gesamtertrags letztlich aus dem Genosektor ab (die restlichen 55% verteilen sich übrigens auf insgesamt sechs Player, nämlich auf die Münchener Hypothekenbank, die Volksbank Düsseldorf Neuss, die Volksbank Münsterland Nord sowie auf die drei DZ-Bank-Töchter R+V, Schwäbisch Hall und DZ Hyp).

Das Schreiben an die Volksbank-Vorstände erwähnt das “Genopace”-Beispiel zwar nicht namentlich, stellt die Parallele aber zumindest implizit her. Dort nämlich heißt es:

“Bislang ist der digitale Markt rund um Finanzierungslösungen wie Kredite, Leasing, Factoring und alternative Firmenkunden-Finanzierungen stark fragmentiert, insbesondere im Vergleich zum deutlich entwickelteren Plattformmarkt für private Baufinanzierungen.”

Mit anderen Worten: Dem Konsortium (dem neben der DZ Bank Gruppe und der Atruvia auch noch die Berliner Volksbank, die Hannoversche Volksbank, die Volksbank Mittweida und die Raiffeisenbank im Hochtaunus angehören) scheint strategisch betrachtet tatsächlich vorzuschweben, eine Art “Genopace für KMU-Finanzierungen” aufzubauen. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass durch die Komplettübernahme von Fincompare – anders als bei dem Joint-Venture-Modell mit Hypoport – diesmal kein Fintech-Player mitverdienen soll.

Wird Fincompare zum Absatz-Booster der VR Smart Finanz?

Interessant vor diesem Hintergrund wird auf mittlere und lange Sicht sein, ob der Genosektor – ohne Fintech-Partner – in der Lage ist, die Fincompare-Plattform so weiterzuentwickeln, dass diese auch in technologischer Hinsicht dauerhaft im Wettbewerb bestehen kann. Ein auch schon kurzfristig höchst spannender Punkt ist derweil: Während es sich bei Genopace um eine geschlossene Plattform handelt, an die ausschließlich genossenschaftliche Banken angedockt sind, ist Fincompare als offenes Ökosystem konzipiert. Mehr als 250 Banken aller Couleur vertreiben dort bislang ihre Finanzierungen – von der Commerzbank bis zur ING-Diba-Tochter Lendico. Soll das so bleiben? Oder soll aus Fincompare analog zu “Genopace” ein geschlossener Club der Volks- und Raiffeisenbanken werden?

In besagtem Vorstandsbrief finden sich dazu folgende Formulierungen (Fettungen unsererseits):

“Über Fincompare können Finanzvermittler, sonstige Berater oder auch kleine und mittelständische Firmenkunden direkt künftig attraktive Finanzierungslösungen aus einer Hand erhalten, die eng mit den Produktangeboten der regionalen Ortsbanken und der VR Smart Finanz aber auch Dritter verzahnt sind. Umgekehrt können Banken auch Finanzierungsanfragen über diese Plattform einstellen und damit selbst als Nachfrager agieren. Die KMU-Finanzierungsplattform soll künftig von der gesamten Gruppe genutzt werden.”

Während die Formulierung “aber auch Dritter” andeutet, dass Fincompare auch nicht-genossenschaftlichen Banken weiterhin offenstehen wird, liest sich die Passage ansonsten eher so, als gehe es dann doch in erster Linie um den Aufbau eines digitalen Vertriebskanals für den eigenen Sektor. Ob das tatsächlich der Plan ist oder es sich bei der Formulierung eher um ein rhetorisches Zugeständnis an die Volksbanker vor Ort handelt, wird man sehen. Auffällig ist in jedem Fall die explizite Erwähnung der VR Smart Finanz – zumal deren Vorstandschef Markus Klintworth auch dem Aufsichtsrat der Beteiligungsgesellschaft angehört, die für den Erwerb von Fincompare gegründet wurde.

Die VR Smart Finanz, muss man dazu wissen, ist ein zur DZ Bank gehörender, auf KMU-Kredite spezialisierter Digitalfinanzierer, dessen Produkte für eine Plattform wie Fincompare geradezu prädestiniert erscheinen. Wie neulich exklusiv berichtet (siehe hier und hier), werden die Finanzierungen der VR Smart Finanz neuerdings auf Whitelabel-Basis auch den Gewerbekunden der Hypo-Vereinsbank angeboten – die dafür ihre eigenen Produkte in dem Bereich einstampft. Fincompare könnte nun zum nächsten spannenden Absatzkanal für die DZ-Bank-Tochter werden.


Weitere Informationen zur Übernahme – und wie der Deal im Hintergrund eingefädelt wurde lesen Sie heute Morgen bei unseren Kollegen von Finance Forward

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