Analyse

Warum die Zins-Entscheidung der ING Diba die Branche aufwühlt

Bei der ING Diba hat man ja den Eindruck, sie mache die Dinge manchmal auch um des Andersmachens willen anders als der Rest der Branche.

Nur zur Erinnerung: Als unzählige Banken und Sparkassen längst Minuszinsen erhoben, zeigt man sich bei der Oranje-Bank noch ziemlich überzeugt, diesen Weg nicht gehen zu müssen. Als man es schließlich aber doch tat – dann auch so richtig. Lag der Freibetrag anfangs noch bei 100.000 Euro, wurde er bald schon auf 50.000 Euro gesenkt. Und mussten anfangs nur Neukunden das Verwahrentgelt berappen, wurde bald auch die Bestandsklientel zur Kasse gebeten. Letzten Herbst ging die ING Diba in ihrem Furor sogar so weit, bestehenden Kunden, die keinen Strafzins akzeptieren wollten, unverhohlen mit dem Rauswurf zu drohen.

So gesehen ist es dann doch ein ziemlicher U-Turn, den die größte deutsche Direktbank da gestern vollführt hat. Denn: Nicht nur schafft sie die Minuszinsen im Retail-Geschäft ab Juli faktisch ab, siehe unsere News –> Zinswende erreicht Sparer: ING Diba streicht Verwahrentgelte. Sondern: Obendrein (und das ist fast die größere Sensation) reanimiert die Frankfurter Onlinebank auch noch das totgeglaubte Extra-Konto – fast schon ein Aufruf, seine Einlagen von Sommer an wieder zur ING Diba zu tragen.

All das lässt eigentlich nur eine Deutung zu: Nein, das hier ist kein Marketing-Gag. Und nein, die ING Diba macht die Dinge diesmal nicht nur um des Andersmachens willen anders. Da muss mehr dahinterstecken! Aber was? Glaubt die Oranje-Bank an eine rasche und kräftige Zinswende und will sich hierfür in Position bringen? Fest steht: Wenn es das Ansinnen der ING Diba gewesen sein sollte, die Konkurrenz zu schocken, dann ist ihr das gelungen. Wie reagiert der Rest der Branche? Wer könnte folgen, wer kann sich das überhaupt leisten? Und ist das Verwahrentgelt bald schon branchenweit Geschichte?

Unsere Analyse:

1.) Was genau die ING Diba gestern verkündet hat

Ab 1. Juli steigt der Freibetrag, ab dem das Verwahrentgelt erhoben wird, von bislang 50.000 Euro auf dann 500.000 Euro. Und zwar pro Konto. Heißt: De facto steigt die Minuszins-Grenze sogar auf 1 Mio. Euro (500.000 Euro auf dem Girokonto plus 500.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto). Interessanterweise gilt diese Regelung nicht nur für Bestandskunden, sondern auch für Neukunden – denn auch die dürfen bei der ING Diba ab Juli wieder ein Tagesgeldkonto eröffnen (was sie zuletzt nicht mehr durften).


2.) Warum der Schritt so überraschend kommt

Strategisch wie kommunikativ: nein, überhaupt nicht. Denn die ING Diba führte zwar erst recht spät Verwahrentgelte ein, weitete ihre Strafzins-Regeln dann aber im vergangenen Jahr drastisch aus. Ein kurzer Abriss:

  • Die Ankündigung, einen Minuszins von 0,5% ab 100.000 Euro zunächst nur für Neukunden erfolgte im November 2020.
  • Im Juni 2021 teilte die deutsche ING mit, das Verwahrentgelt auf Bestandskunden auszuweiten. Zudem sank der Freibetrag auf 50.000 Euro.
  • Eingeflogen wurde das Ganze parallel zur erbetenen Zustimmung zu den neuen AGBs – garniert mit der recht unverhohlene Drohung, die Geschäftsbeziehung ende, wenn ein Kunde nicht zustimme.

Sprich: Drohten Bestandskunden, die kein Verwahrentgelt akzeptieren, kürzlich noch der Rauswurf, werden jetzt plötzlich Neukunden mit dem Versprechen gelockt, bis zu 1 Mio. Euro strafzinsfrei zur ING Diba tragen zu dürfen. Und das in einer Phase, in der sich zum Beispiel die Apobank gerade erst durchgerungen hat, erstmals überhaupt Strafzinsen zu erheben, siehe hier. Und in einer Phase, da manche Banken merken, dass Verwahrentgelte ein durchaus einträgliches Geschäft sein können. So steigerte die Deutsche Bank im Q1 ihre Erträge aus Negativzinsen (bezogen rein aufs Privatkundengeschäft) um 14% verglichen mit dem unmittelbaren Vorjahresquartal.

Die ING Diba bewegt sich hier entgegen der Laufrichtung des übrigen deutschen Bankenmarkts.


3.) Was genau steckt hinter der Entscheidung?

  • Erstens: Die bisherige Strategie war in gewisser Hinsicht erstaunlich erfolgreich. So hat die ING Diba binnen zwölf Monaten rund 19 Mrd. an Kundengeldern verloren. Folge: Die Einlagen (129 Mrd. Euro) entsprechen jetzt wieder grob der Höhe der ausgereichten Kredite (127 Mrd. Euro), der Passivüberhang ist also abgebaut
  • Zweitens: Die Kapitalmarktzinsen sind seit Dezember deutlich angestiegen.  So rentieren 10-jährige Bundesanleihen aktuell mit plus 1,1% – nachdem es vor einem halben Jahr nach minus 0,4% gewesen waren

Das heißt: Da der Einlagenüberhang abgeschmolzen ist, braucht die ING Diba im Moment nicht übermäßig viel Geld zu negativen Zinsen bei der EZB zu parken. Zugleich verbessern sich die Aussichten, überschüssige Einlagen künftig wieder zu positiven Zinsen anlegen zu können – spätestens dann, wenn die Zinsen nicht mehr nur am langen Ende, sondern auch am kurzen Ende über die 0%-Marke klettern).

Am Geldmarkt wird momentan damit gerechnet, dass der EZB-Einlagenzins in maximal eineinhalb Jahren wieder ins Positive dreht. Dadurch könnten sich die Parameter im Zinsgeschäft fundamental verändern. Je nachdem, wie weit die Zinsen klettern, würden Einlagen nicht mehr abgewehrt – sondern plötzlich wieder gesucht. Genau auf dieses Szenario scheint die ING Diba ein Stück weit zu wetten.


4.) Ist die ING Diba allein mit ihrer Einschätzung?

Nein – denn wie in unserem Newsletter prominent berichtet (siehe hier), kündigte Ende April bereits die mit 625.000 Kunden freilich weniger relevante Oldenburgische Landesbank an, die Verwahrentgelte bei Privatkunden faktisch abzuschaffen.

Was hieran interessant ist:

  • Auch bei der OLB dürfte es sich nicht um einen Marketing-Gag handeln (das könnten sie sich im Vorfeld ihres Börsengangs kaum leisten). Sondern: Auch in Oldenburg geht man offenbar davon aus, Einlagen in Zukunft wieder rentabel verwenden zu können, sei es zur Refinanzierung von Kreditgeschäft oder um Zinsarbitrage am Geld- bzw. Kapitalmarkt zu betreiben.
  • OLB wie ING Diba gehören zu den Kostenführern im deutschen Banking. Die Cost-Income-Ratio in Oldenburg lag zuletzt bei 45% (siehe hier), bei der Frankfurter Oranje-Bank waren es 50% (siehe hier) – verglichen mit 72% für die deutsche Bankenbranche per Ende 2020 insgesamt. Womöglich führt diese Effizienz dazu, dass die Schwelle, ab der sich Zinsarbitrage und Fristentransformationen lohnen, bei beiden Häusern besonders niedrig liegt.

5.) Was heißt das alles für andere Banken?

Das hängt entscheidend vom Geschäftsmodell ab – und natürlich davon, wie sich die Zinsen tatsächlich entwickeln werden in den kommenden Monaten. Finanz-Szene fragte gestern bei einem halben Dutzend namhafter hiesiger Banken an, ob sie der ING Diba zeitnah folgen werden. Kein einziges Institut wollte dieses Versprechen abgeben.

Gut denkbar, dass das Gros der Branche abwartet und erst einmal weiterhin Verwahrentgelte ab 25.000 Euro (z.B: DKB, Deutsche Bank) bzw. 50.000 Euro (z.B: Commerzbank) erhebt. Doch wie sieht die Gemengelage konkret aus:

  • Die Deutsche Bank hat vergangenes Jahr 489 Mio. Erträge aus Negativzinsen erwirtschaftet, davon 44 Mio. Euro im Privatkundengeschäft (Tendenz, siehe oben, zuletzt steigend). Auf dieses Geld freiwillig zu verzichten, wäre ein gewaltiger, unmittelbar GuV-wirksamer Schritt. Es sei denn, die allgemeinen Zinsen steigen so rasant, dass die Deutsche Bank mit den Einlagen anderweitig ähnlich viel verdienen kann.
  • Die Ausgangsposition der Commerzbank ist ähnlich. Sie gab zuletzt an, im Privatkundengeschäft inzwischen 18 Mrd. Euro Guthaben mit Negativzinsen belegt zu haben. Zudem hieß es, das Zinsergebnis habe sich auch aufgrund "der Ausweitung des Guthabenentgelts für hohe Einlagen" verbessert. Gleichwohl gilt die Coba unter Analysten als gut positioniert für eine Zinswende. Denn dank ihres Passivüberhangs (im Firmenkundengeschäft standen Einlagen von 93 Mrd. Euro zuletzt Kredite von 83 Mrd. Euro gegenüber) verfügt die zweitgrößte deutsche Privatbank über eine ausreichende Liquidität, die bei einem Zinsanstieg rasch in rentable Assets geleitet werden könnte.
  • Bei der DKB, (siehe auch -> Zwei Banken, ein Produkt: Die Copycat-Moves von ING und DKB) halten sich Kundeneinlagen wie -forderungen mit je rund 84 Mrd. Euro die Waage. Ob die DKB es also auch diesmal wieder der ING Diba gleichtut, dürfte von der Frage abhängen, ob sie mit weiter steigenden Zinsen rechnet.
  • Bei Sparkassen wie Genobanken ist eine pauschale Antwort kaum möglich. Für den Moment dürfte es manchem Regionalinstitut durchaus recht sein, den ein oder anderen Euro an die ING Diba abzugeben. Andere Sparkassen und Volksbanken dürften hingegen darauf spekulieren, dass ihr im Zinstief angehäufter Passivüberhang (siehe oben das Beispiel Commerzbank) unvermittelt zum Trumpf wird. Es gibt freilich auch Primärinstitute, die überhaupt keine Strafzinsen verlangen, etwa die Frankfurter Volksbank. Diese könnten für den Moment ihren "USP" verlieren.

6.) Wann kommen Positivzinsen für Einlagen auf breiter Front?

Frühestens 2023, wenn wir die Kurven am Terminmarkt richtig deuten. Dazu muss man wissen: Normalerweise bewegen sich die Einlagenzinsen bei einem Zinsanstieg als allerletztes. Danach sieht es bzw. sah es auch diesmal aus. Hier ein kleiner Überblick über die Entwicklungen der durchschnittlichen Marktzinsen laut der Datenbank der FMH Finanzberatung;


7.) Was heißt das alles für die GuVs unserer Banken?

Auf den ersten Blick gewinnen bei einer Zinswende sowohl die Banken als auch deren Kunden. Zumindest im Einlagengeschäft. Eine andere Frage ist, was ein (möglicherweise zu rascher) Zinsanstieg beispielsweise in der privaten Baufinanzierung anrichtet. Lässt das Geschäft nach? Geraten gar Kreditnehmer unter Druck?

Unter Bankinvestoren jedenfalls überlagerten geopolitische und sonstige Sorgen zuletzt die Aussicht auf die etwaigen Segnungen einer etwaigen Zinswende. Der Euro Stoxx hat seit Mitte Dezember 12% verloren; die Aktien von Deutsche Bank und Commerzbank notieren je rund ein Drittel unter ihren Februar-Hochs.

Wie schnell Gewinne zerrinnen können in der schwierigen Lage, zeigt just dieser Tage ausgerechnet das Beispiel der größten deutschen Direktbank, siehe -> Hohe Risikovorsorge: ING Diba erleidet Quartalsverlust.

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