Exklusiv

Warum werden die Warburgs ihre Degussa Bank nicht los?

5. Mai 2021

Von Christian Kirchner

Kann es sein, dass wir der Degussa Bank zuletzt ein bisschen zu wenig Aufmerksamkeit haben zuteil werden lassen? Immerhin…

  • … gehört die Degussa Bank mit ihren 129 sogenannten Bank Shops zu den filialstärksten Geldhäusern hierzulande
  • … wuchs sie 2020 sowohl bei der Kundenzahl (+108.000 auf 1,266 Mio. Kunden) als auch beim Kundenvolumen (+1,3 Mrd. Euro auf 16,3 Mrd. Euro) munter vor sich hin
  • … befindet sich das Institut inmitten eines spannenden M&A-Prozesses: Die Inhaber der Degussa Bank – Christian Olearius und Max Warburg, auch bekannt als die Eigner der Bank M.M. Warburg & Co – sind laut Wirtschaftswoche seit Monaten verkaufswillig …

… indes: Die geplante Veräußerung soll ins Stocken geraten sein. „Zum Verkaufsprozess können wir Ihnen keine Auskünfte geben, bitte wenden Sie sich hier direkt an den Eigentümer“, heißt es bei der Degussa Bank.

Dabei klang das kolportierte Erlösziel von 400 Mio. Euro doch eigentlich bescheiden. Oder?

Das Immobiliengeschäft als Retter – mal wieder

Blickt man in den neuerdings zugänglichen Geschäftsbericht für 2020, entdeckt man rasch ein paar Verdachtsmomente dafür, warum die Verkaufsverhandlungen schleppend verlaufen könnten. Nach Berechnungen von Finanz-Szene.de arbeitet die Degussa Bank trotz ihres scheinbar soliden Wachstums in ihrem Kernmetier (also im Bankgeschäft …) defizitär. Und das nicht erst seit Corona. Sondern schon seit 2018. In jenem Jahr wies die Gewinn- und Verlustrechnung zwar noch einen satten Überschuss aus. Doch schon damals schönte ein 73 Mio. Euro starker Sonderertrag aus dem parallel betriebenen Immobiliengeschäft das Ergebnis (siehe auch unserer damaliger Bericht). Und auch 2019 rettete ein Einmalerlös aus einem Immobilien-Deal das Ergebnis.

Und im vergangenen Jahr, 2020?

Standen bei der Degussa Bank gerade mal noch 3,5 Mio. Euro Überschuss zu Buche – im Grunde also eine „schwarze Null“…


… zu der überdies die Immobilien-Tochter Industria Wohnen mal wieder den Löwenanteil der laufenden Erträge von 16 Mio. Euro beitrug. Zieht man vom Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit die laufenden Erträge der Industria Wohnen ab, so war die Degussa Bank AG zuletzt 2017 operativ in den schwarzen Zahlen – mit 5,5 Mio. Euro. Seither: alles rot.

Nun ist das gewiss leicht unfair gegenüber dem Institut, denn dass die Ertragslage im Konzern „wesentlich von den Jahresüberschüssen der Degussa Bank AG und der Industria bestimmt“ ist, bedeutet nun mal: die Industria ist kein Anhängsel, sondern Teil des Kerngeschäfts. Allerdings wirft der Zustand der Bank, die sich vor allem auf sogenannte „On-Site“-Bank-Shops bei Unternehmen spezialisiert hat, doch einige Fragen auf.

Wertpapiere boomten 2020 – nur nicht bei der Degussa Bank

So bringt es die Degussa Bank fertig, im Provisionsergebnis Jahr für Jahr schlechter abzuschneiden. Und das gegen den Branchentrend.

Im Jahr 2020, als das Geschäft mit Wertpapieren boomte wie nur was, 28% zum Vorjahr zu verlieren, ist eine erstaunliche Leistung. Immerhin ist die Bank in der gesamten Palette der Wertpapier- und Versicherungsleistungen aktiv. Doch der Geschäftsbericht bleibt schmallippig, führt „krisenbedingt ausbleibende Provisionserträge im Kreditkartengeschäft“ und „hohe Aufwendungen für Vermittlungsgebühren, vor allem im Kreditgeschäft“ als Grund für die schlechten Zahlen an. Auf konkrete Nachfrage hin erklärt die Degussa Bank noch, dass „im Provisionsüberschuss keine Kontoführungsgebühren enthalten sind“. Zumindest daran wird gearbeitet: zum 1. Juli wird das Degussa-Girokonto gebührenpflichtig, sofern keine regelmäßigen Geldeingänge kommen. Und natürlich, sollte das überhaupt wie geplant klappen nach dem BGH-Hammer, der genau solche Manöver drastisch erschwert (siehe hier).

Und sonst? Konnte die Degussa Bank durch sinkende Zinskosten zumindest beim Zinsüberschuss 20% zulegen. Weil aber die Kosten der Bank seit Jahren in einem engen Band von 106 bis 118 Mio. Euro stagnieren, schlagen das immer schwächere Provisionsgeschäft und das Ausbleiben von Sondererträgen aus dem Immobiliengeschäft fast 1:1 auf die Ergebnisse durch. Mit traurige Folgen. Die Eigenkapitalrendite 2020: 1%. Die Cost-Income-Ratio: 113%. Auch im Zinsgeschäft sucht die Bank ihr Heil in Strafzinsen – beim Tagesgeldkonto werden die ab 1. Juli schon ab 5.000 Euro (!) fällig.

Viele Filialen sind zu – und viele Investitionen fällig

Wenig hoffnungsfroh stimmt die Tatsache, dass von den 129 verbliebenen Bank Shops ausweislich des Filialverzeichnisses aktuell über ein Drittel geschlossen sind (wegen Corona) – und das wird ausweislich der Homepage auch bis mindestens 30. Juni 2021 so bleiben. Durch die Pandemie hätten sich „die Kundenaktivität stark in den digitalen Raum“ verschoben, heißt es dazu ergänzen von der Degussa Bank. Aber ist das bei den anderen Banken die aktuell ihre Filialen offen lassen, anders?

Immerhin: In ihrem Ausblick stellt die Bank für 2021 ein „leicht steigendes Betriebsergebnis vor Steuern“ in Aussicht. Aber egal, wer Eigner des Hauses ist oder wird – für die operativ nahe der Nulllinie tänzelnde Bank sind schon bald wohl erst mal Investitionen fällig. „Das auf das Privatkundengeschäft fokussierte Geschäftsmodell bewährt sich als wachstumsfähig und chancenreich. Es erfordert jedoch hohe Investitionen in seine digitale Transformation“, heißt es im Ausblick.

(Angaben in Mio. Euro) 2015 2016 2017 2018 2019 2020 ’20 vs. ’19
Zinsüberschuss 85,3 81,3 79,7 82,8 72,1 86,2 + 20%
Provisionsüberschuss 32,1 27,5 28,2 24,5 19,2 13,9 – 28%
Personalkosten 59,3 53,6 49,9 50,5 50,9 49,7 – 2%
Sachkosten 49,5 48,7 51,1 49,7 62,5 64,3 + 3%
Gesamtkosten 116,9 115,3 110,1 106,2 118,5 114 – 4%
Bewertungsergebnis 15,6 24,5 5,9 -10,9 10,0 13,5 + 34%
Beteiligungserträge 11,3 9,4 10,9 55,5 40,4 16,2 – 60%
Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit 31,7 29,8 16,5 48,2 26,1 10,5 – 60%
Jahresüberschuss 16,0 20,8 13,0 47,0 25,3 3,5 – 86%

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