FAQ

Was will die OLB mit der Degussa Bank? Die wichtigsten Antworten

Natürlich ist vieles “Makro” da draußen. Wenn die Zinsen jahrelang fallen, und zwar so extrem, dass sie irgendwann sogar negativ sind – dann hat’s jede normale Bank (und Sparkasse) erst einmal schwer. Und wenn die Zinsen dann zwar wieder steigen, der Zinsanstieg allerdings flankiert wird von Krieg, Inflation und demnächst Rezession – dann macht’s das auch nicht leichter.

Was allerdings ebenfalls Teil der Wahrheit ist, wobei dieser Teil natürlich nicht allen Bankerinnen und Bankern gefällt: Nicht alles da draußen lässt sich mit “Makro” erklären. Sondern: Vieles ist auch einfach nur schlechtes Management. Oder eben gutes, je nachdem.

Nehmen wir zum Beispiel die Oldenburgische Landesbank einerseits und die Degussa Bank andererseits. Wäre man vor 5, 10 oder 15 Jahren gefragt worden, welches der beiden Institute besser aufgestellt ist, dann hätte man möglicherweise geantwortet: Naja, die Degussa Bank hat immerhin ein Alleinstellungsmerkmal, nämlich ihren Status als Deutschlands einzige sogenannte “Worksite-Bank”. Dagegen die OLB? Ist das nicht diese verkappte Großsparkasse, die infolge einer Verkettung von Missverständnissen zu einem Münchner Versicherungskonzern gehört, wovon dieser aber möglicherweise gar nichts weiß?

Jedenfalls, der Rest der Geschichte dürfte bekannt sein: Die OLB ist seit der Übernahme durch Apollo zu einer der profitabelsten Banken hierzulande mutiert. Wohingegen die zur Warburg-Olearius-Dynastie gehörende, seit längerem zum Verkauf stehende Degussa Bank zuletzt einen dermaßen abgerockten Eindruck machte, dass die Frage nahelag: Findet sich da überhaupt noch mal ein Interessent? Um es kurz zu machen: Ja, es hat sich, wie gestern als erstes “Reuters” berichtete, tatsächlich ein Käufer für die Degussa Bank gefunden. Nämlich: die OLB. Und nun? Dürfte es für die Belegschaft der Degussa Bank maximal ungemütlich werden.

Unser FAQ:

Was genau ist Gegenstand der Transaktion?

Die OLB kauft Max Warburg und Christian Olearius die Degussa Bank ab. Hierfür werden laut Mitteilung der OLB vom späten Mittwoch 220 Mio. Euro fällig, wobei die OLB den Kaufpreis komplett aus Bordmitteln stemmen will – also ohne Kapitalmaßnahme. Es dürfte sich um die größte Übernahme im deutschen Retail-Banking seit Jahren handeln.

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Wie sind die Größenverhältnisse?

Die Bilanzsumme der Oldenburgischen Landesbanken war mit 24,6 Mrd. Euro per Jahresende 2021 rund viermal so groß wie die der Degussa Bank, das Eigenkapital mit 1,2 Mrd. dreimal so hoch. Dass die Degussa Bank zuletzt einen leicht höheren Nettogewinn (101 Mio. Euro) als die OLB (86 Mio. Euro) verbuchte, war einem Einmaleffekt aus dem Verkauf von Anteilen an der Tochter Industria Wohnen geschuldet (siehe hier). Bei streng operativer Betrachtung wirtschaftete die Degussa Bank zuletzt defizitär.

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Warum kommt die Transaktion nicht überraschend?

Weil die Degussa Bank seit langem zum Verkauf stand – und den Eignern klar gewesen sein dürfte, dass ihre ursprüngliche Preisvorstellung (die laut “Wirtschaftswoche” bei 400 Mio. Euro gelegen haben soll) nicht durchzusetzen war.

Dass die Degussa Bank stand-alone nicht zukünftig war, räumt indirekt auch der Geschäftsbericht ein: “Das auf das Privatkundengeschäft fokussierte Geschäftsmodell […] erfordert […]  hohe Investitionen in seine digitale Transformation” – dieses Geld aber wollten Warburg und Oleariuss nicht mehr aufbringen.

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Welche Rationale steckt hinter der Übernahme?

Es geht um drei Motive, in absteigender Bedeutung;

  1. Der OLB dürfte es laut Finanzkreisen vor allem um die Kunden gehen, weniger um die Infrastruktur. Zusammen mit den laut Pressemitteilung rund 340.000 reinen Retail-Banking-Kunden der Degussa Bank kommt die Oldenburgische Landesbank künftig auf fast 1 Mio. Kunden insgesamt. Damit agiert das Institut in einer Gewichtsklasse zum Beispiel mit der Volkswagen Bank (zuletzt gut 800.000 Kunden) oder der Mercedes-Benz Bank (rund 1 Mio. Kunden). Überschneidungen in der Kundenstruktur dürfte es kaum geben. Die OLB ist im Nordwesten der Republik beheimatet, die Degussa Bank im Südwesten.
  2. Bei der Degussa Bank dürfte sich erheblich Kostensynergien heben lassen – die OLB und ihr Eigner Apollo sind genau hierauf spezialisiert.
  3. In Zeiten der Zinswende auch nicht uninteressant und von der OLB ebenfalls explizit als Kaufmotiv genannt: Mit der Transaktion gehen 5 Mrd. Euro Kundeneinlagen bzw. rechnerisch fast 15.000 Euro je Retailkunde an die Oldenburger über.

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Wie ist der Kaufpreis zu bewerten?

Der Preis von 220 Mio. Euro entspricht einem Abschlag von 38% auf das bilanzielle Eigenkapital, also auf den “Buchwert” von 357 Mio. Euro (unter Berücksichtigung der Anrechnungsgrenzen: 353 Mio. Euro). Dieser Discount mutet fast niedrig an. So wird die Deutsche Bank an der Börse aktuell mit 73% Abschlag gehandelt und die Commerzbank sogar mit 77%.

Zieht man allein die von der OLB genannten 340.000 Retail-Kunden heran und lässt das übernommene Eigenkapital außen vor, beträgt die rechnerische Bewertung je Degussa-Kunde 647 Euro. Auch das ist durchaus üppig. Zum Vergleich: Bei der Einverleibung der Comdirect durch die Commerzbank kamen die Wertgutachter auf einen Preis von 563 Euro Kunde.

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Wie schlecht steht die Degussa Bank konkret da?

Die OLB holt sich einen operativen Sanierungsfall ins Haus, siehe unsere Analyse -> “Warum werden die Warburgs ihre Degussa Bank nicht los”.

Der kumulierte Zins- und Provisionsüberschuss (also die sozusagen bankoriginären Erträge) liegt seit 2019 stets unter den Kosten. Im vergangenen Jahr lag das Verhältnis bei 101 Mio. Euro vs. 112 Mio. Euro.

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Was passiert nun mit der Degussa Bank?

Auf die zuletzt gut 600 Beschäftigten dürften harte Zeiten zukommen. Die OLB peilt einen Börsengang an und hat Apollo eine Cost-Income-Ratio von unter 40% in Aussicht gestellt. Das geht nur, wenn bei der Degussa Bank massiv gespart wird. Denn: Angesichts einer CIR von zuletzt 98% kann die OLB ihre Ziele rein rechnerisch nur dann erreichen, wenn die Degussa Bank entweder ihre Erträge mehr als verdoppelt (was eher unwahrscheinlich ist) – oder wenn sie versucht (und darauf dürfte es hinauslaufen), die Verwaltungsaufwendungen um mehr als die Hälfte zu senken.

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Gibt es Alternativen zu einem radikalen Cost-Cutting?

Die OLB sieht offenbar keine – siehe die Mitteilung von gestern Abend:

“Aufbauend auf ihren Erfahrungen mit vorangegangenen Akquisitionen hat die OLB ein erhebliches Potenzial für Kostensynergien identifiziert, das sie zügig nach Abschluss der Transaktion heben will. Auf Basis dieser Kostensynergien sowie der geringen Komplexität des Geschäftsmodells der Degussa Bank erwartet die OLB, das kombinierte Unternehmen mittelfristig auf das angestrebte Kosten-Ertrags-Verhältnis von circa 40 Prozent zu bringen.”

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Was muss man noch zur Übernahme wissen?

Für OLB-CEO Stefan Barth ist der angepeilte Radikalumbau der Degussa Bank die vierte Sanierungsarbeit, an der er wesentlich beteiligt wäre nach seiner Tätigkeit als Risikochef der Hypo Alpe Adria Group, als Risikovorstand der Bawag in Österreich sowie seinem Tun als Vorstandschef der OLB selber (siehe auch unseren Podcast “Die radikale OLB-Agenda: Von der Regionalbank zum Rendite-Champ” aus dem Januar 2022).

Gelingt Barth (der übrigens erst 45 Jahre alt ist) die Sanierung und Integration der Degussa Bank, dürfte er sich damit endgültig für höhere Weihen im deutschen Bankenmarkt qualifiziert haben.

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Die wichtigsten Kennziffern beider Institute in der Übersicht

in Mio. Euro OLB Degussa Bank
Bilanzsumme 24.611 6.190
Mitarbeiter 1.388 613
Kunden 625.000 1.316.000 *
Filialen 51 57
Eigenkapital 1.213 357
Zins-+Prov-Überschuss 480 101
Kosten 300 112
Cost-Income-Ratio 63% 98%
Gewinn v. Steuern 137 110
Nettogewinn 86 101

* Laut OLB-Mitteilung sind es allerdings nur 340.000 reine Privatkunden; die Degussa Bank zählt auch die Kunden der Töchter Industria, Mivo und Prinas mit, die nicht klassische Bankkunden sind

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