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Wie Hauck & Aufhäuser nach der Lampe-Integration dasteht

Als die notorisch bullische Frankfurter Privatbank Hauck & Aufhäuser (jetzt: Hauck Aufhäuser Lampe) vor einigen Wochen einen kleinen Einblick in ihr 2021er-Ergebnis gewährte – da tat sie dies mit imposanten Headlinern (Zinsüberschuss +40%, Provisionsüberschuss +39%, Rekordjahr im Investment Banking sowie im Asset Servicing) und einem kleinen Disclaimer: So ganz seien die Zahlen wegen der Lampe-Übernahme nicht mit denen des Vorjahres vergleichbar.

Und so blieb offen, ob der sehr ordentliche Jahresüberschuss von 46 Mio. Euro denn nun wirklich operativ erwirtschaftet worden war (wohlgemerkt trotz Integrationskosten, die zu einem Anstieg der Verwaltungsaufwendungen um 70% auf 277 Mio. Euro beitrugen) – oder ob man nicht doch eher die Spielräume des Bilanzrechts ausgetestet hatte. Um es kurz zu machen: Beides scheint richtig zu sein. Und zwar beides in erstaunlichen Umfängen.

Hier unsere Tiefenanalyse des mittlerweile zugänglichen Konzern-Geschäftsberichts:

1.) Wie die Lampe-Integration bilanziell gehandhabt wurde

Die Übernahme der Lampe-Bank wurde zum 1. Oktober 2021 abgeschlossen. Entsprechend erhält der Abschluss zwar 100% Hauck & Aufhäuser (nämlich das komplette Geschäftsjahr) – aber nur 25% Lampe (nämlich das vierte Quartal). Das erschwert unser Unterfangen, macht es aber nicht unmöglich. 


2.) Der Zinsüberschuss: Kommt aus dem Aufwand

Nicht nur das weiter oben beschriebene Plus beim Zinsergebnis erstaunt – sondern auch, woher es kommt. Hauck & Aufhäuser hat seinen Zinsüberschuss von 45,5 Mio. Euro nämlich ganz überwiegend aus den Zinsaufwendungen bezogen. Die dort aufgeführten “positiven Zinsen aus dem Bankgeschäft” belaufen sich auf plus 38,3 Mio. Euro. Mit anderen Worten: Es sind die Verwahrentgelte, die hier für beträchtliche Einnahmen gesorgt haben.

Gemessen an den Kundeneinlagen in Höhe von 9,5 Mrd. Euro entspricht dies einem durchschnittlichen Verwahrentgelt von 0,4% – üppig! Dazu muss man wissen: Schon im Vorjahr hatte Hauck & Aufhäuser mit 5,6 Mrd. Euro Kundeneinlagen 26,6 Mio. Euro an positiven Zinsaufwendungen verbucht, was auch schon einem durchschnittlichen Verwahrentgelt von 0,4% entsprach. Dagegen hatte Lampe aus seinen Einlagen in Höhe von 3,0 Mrd. Euro keinen Ertrag, sondern tatsächlich einen Aufwand (also ein Minus) in Höhe von 2,1 Mio. Euro verbucht. Sieht so aus, als wären die Negativzinsen im Zuge der Fusion auch mehr und mehr gegenüber (ursprünglichem) Lampe-Kunden durchgesetzt worden.

Was ebenfalls auffällt: Lampe hat ins fusionierte Unternehmen eingebracht, was Hauck & Aufhäuser fehlt – nämlich ein veritables Kreditbuch. 2020 war das Düsseldorfer Institut auf 40,9 Mio. Euro Zinsertrag bei rund 1,7 Mrd. Euro Kreditvolumen gekommen. H&A kam im gleichen Jahr nur auf rund 9 Mio. Euro. Die 2021er-Zinserträge liegen sogar nur bei 7 Mio. Euro – obwohl hier bereits ein Quartal Lampe eingeflossen ist.

Hier könnte sich als Steigerungspotenzial fürs laufende Geschäftsjahr ergeben, wenn das Lampe-Kreditbuch die GuV der fusionierten Bank komplette zwölf Monate füttert. Im Prognoseteil des Geschäftsberichts heißt es, man gehe durch die Integration der Kreditvolumina zwar von einer “stark ansteigenden Risikovorsorge” aus – gleichzeitig verspricht der Vorstand durch den Zugang allerdings eine “deutliche Steigerung des Zinsergebnis”. 

in Mio. Euro Ergebnis HAL 2021* “Pro forma”-Ergebnis 2020 H&A 2020 Lampe 2020
Zinsertrag 7,0 49,8 8,9 40,9
Zinsaufwand 38,5 21,4 23,5 -2,1
Zinsüberschuss 45,5 71,2 32,4 38,8

*Enthält nur die Q4-Ergebnisse des Bankhaus Lampe 


3.) Provisionsüberschuss: Kommt von H&A 

Hauck Aufhäuser Lampe hat 2021 praktisch genauso viel Provisionsergebnis generiert (231 Mio. Euro), wie die beiden Vorgängerinstitute ein Jahr zuvor addiert – und das, obwohl das Lampe-Ergebnis ja nur zu einem Viertel in die neue GuV mit eingeflossen ist. Krass. 

in Mio. Euro Ergebnis HAL 2021* “Pro-forma”-Ergebnis 2020 H&A 2020 Lampe 2020
Provisions-Ertrag 260,8 267,9 193,8 74,1
Provisions-Aufwand -29,9 -36,8 -28 -8,8
Provisions-Überschuss 230,9 231,1 165,8 65,3

*Enthält nur die Q4-Ergebnisse des Bankhaus Lampe 

Worauf diese Explosion zurückzuführen ist, wenn offensichtlich nicht auf Lampe, dazu macht HAL im Geschäftsbericht keine konkreten Angaben. Umso aussagefreudiger ist der betont offensive Ausblick aufs laufende Geschäftsjahr:

“Durch die in den Vorjahren vorgenommenen Erweiterungen der Produktpalette, weitere geplante Einführungen neuer Produkte und die anorganische Ergebnissteigerung erwarten wir einen deutlichen Anstieg im Provisionsergebnis gegenüber dem Vorjahr. Infolge des anorganischen Wachstums gehen wir in den Kerngeschäftsfeldern Private & Corporate Banking und Asset Management von einer deutlichen Steigerung gegenüber dem Vorjahr aus. Im Asset Servicing dürfte sich unser bisheriger Wachstumskurs ebenfalls fortsetzen.”


4.) Kosten: Kommen aus der Integration

Nun ist es ja nicht unbedingt überraschend oder verwerflich, wenn bei einem Unterfangen wie der Integration zweier Privatbanken zunächst einmal die Kosten in die Höhe schnellen. So ist es denn auch bei HAL: Personalkosten von 102,6 Mio. Euro rauf auf 166,3 Mio. Euro, die sonstigen Verwaltungsausgaben gestiegen von 59 Mio. Euro auf 110,4 Mio. Euro.

Aber auch hier gilt ja: Die laufenden Kosten, die das Bankhaus Lampe mitbringt, sind ja nur zu einem Viertel enthalten, was die Steigerung allein noch nicht erklärt. Stattdessen hat der HAL-Vorstand offenkundig schon mal einen nennenswerten Teil der Integrationskosten in die 2021er-Bilanz gebucht. So spricht der Geschäftsbericht von …

  • Kosten der Digitalisierungsprojekte,
  • Migrationskosten durch den Zugang der Bankhaus Lampe KG und sämtlicher ihrer Tochtergesellschaften sowie von
  • Personalaufbau

Komplett sind die Integrationskosten allerdings noch nicht geschluckt. Die gestiegene Cost-Income-Ratio auf 78,1% ist noch nicht das Ende der Fahnenstange, für 2022 kalkuliert der Vorstand sogar mit 85%, begründet durch die “weitere Integration sowie damit verbundene Investitionen in unsere Plattformen.” 

Dazu muss man wissen: Die Belegschaft wuchs 2021 nicht nur infolge des Zusammenschlusses, sondern auch durch zusätzliche Recruiting-Maßnahmen um 75% auf 1.360 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zudem war die alte Lampe-Bank ja eher nicht effizientes Kostenmanagement bekannt (wie Finanz-Szene schon vor Jahren nachgewiesen hatte, siehe etwa unser Uralt-Stück -> Verschweigt das Bankhaus Lampe operative Verluste?). So kam die Oetker-Tochter 2020 allein auf 126,4 Mio. Euro an allgemeinen Verwaltungsaufwendungen.

in Mio. Euro Ergebnis HAL 2021 “Pro-forma”-Ergebnis 2020 H&A 2020 Lampe 2020
Personal-Aufwendungen -166,3 -177,5 -102,6 -74,9
Sonst. Aufwendungen -110,4 -110,5 -59 -51,5
Allg. Verwaltungs-Aufwendungen -276,7 -288 -161,6 -126,4

Und wie weiter? Hauck Aufhäuser Lampe wird “auch im Jahr 2022 darauf abzielen, weiteres Wachstum zu generieren – organisch und anorganisch”, heißt es im Geschäftsbericht. Gemeint ist damit unter anderem die bereits 2021 angekündigte Übernahme des Berliner Krypto-Verwahrers Kapilendo Custodian AG.


5.) Operatives Ergebnis: Ist gleich wieder weg

Falls irgendwer mitgerechnet hat … Die gestiegenen Kosten fressen den Überschuss aus dem rein operativen Bankgeschäft (sprich Zins- und Provisionsüberschuss) in Höhe von 276 Mio. Euro komplett auf, … 


 6.) Jahresergebnis: Kommt aus dem “Lucky Buy”

… was die Frage aufwirft, wo dann die immer noch stattlichen 60,7 Mio. Euro Ergebnis aus der allgemeinen Geschäftstätigkeit (und in der Folge der Jahresüberschuss von rund 46 Mio. Euro) herkommen? Antwort: Der Gewinn speist sich im Wesentlichen aus den sonstigen betrieblichen Erträgen in Höhe von 83,7 Mio. Euro. In den Erläuterungen dazu heißt es, diese seien das Resultat “aus der höheren Auflösung von Rückstellungen und der Auflösung des passiven Unterschieds sowie Erträgen aus dem Devisengeschäft und Erträgen aus der jährlichen Umsatzsteuerberechnung.”  

Passiven Unterschiedsbetrag??? Dahinter verbirgt sich ein kleiner Bilanz-Coup, der uns in ähnlicher Form schon einmal aufgefallen war, als Hauck & Aufhäuser vor ein paar Jahren die Deutsche-Bank-Töchter Sal. Oppenheim jr. & Cie. Luxembourg S.A. und Sal. Oppenheim Asset Management Services S.à r.l. übernahm (siehe dazu unser Archiv-Stück -> Die bilanziellen Coups der Frankfurter Privatbank Hauck & Aufhäuser). 

Im Geschäftsbericht heißt es bezogen auf den Kauf vom Bankhaus Lampe:

Aufgrund der Komplexität der Transaktion wurden die Bewertungsparameter und Planungsprämissen für die Verteilung des Kaufpreises im vierten Quartal präzisiert und es wurden Rückstellungen für Restrukturierungen und belastende Verträge in Höhe von 62 Mio. EUR gebildet, für die in gleicher Höhe der passive Unterschiedsbetrag im Jahr 2021 aufgelöst wurde. Der aktuell am Jahresende verbliebene passive Unterschied in Höhe von 26 Mio. EUR spiegelt im Wesentlichen die zukünftig notwendigen Sanierungs- und Integrationskosten wider.” 

Es klingt also sehr danach, als hätte Hauck & Aufhäuser, wie schon bei Sal. Oppenheim, einen sogenannten “Lucky Buy” getätigt. Denn ein passiver Unterschiedsbetrag bedeutet nach unserem Verständnis, dass H&A weniger für das Bankhaus Lampe und dessen Töchter gezahlt hat, als die Firmen zusammen an Vermögen aufwiesen.


7.) Wie viel hat Hauck & Aufhäuser für Lampe bezahlt?

Auf Basis des Geschäftsberichts, so dachten wir, lasse sich der Kaufpreis recht einfach ermitteln. Fix den Casio rausgeholt und eingetippt: 301 Mio. (Eigenkapital Bankhaus Lampe) minus 62 Mio. (passiver Unterschied 2021) minus 26 Mio. (verbliebener passiver Unterschied zum Jahresende). Damit kamen wir auf einen Kaufpreis von 213 Mio. Euro.

Was, wie wir fanden, eigentlich schön zu den seinerzeit als Kaufpreis-Range kolportierten (und bislang unwidersprochenen) 200 Mio. bis 300 Mio. Euro (siehe hier) passen würde. Als wir diese Arithmetik stolz HAL präsentierten, konnten wir damit aber keinen Eindruck schinden: “Diese Zahl ist komplett falsch abgeleitet und stimmt daher nicht. Zum Kaufpreis können wir allerdings auch keine Rechenhilfe geben – wir bitten um Verständnis”, teilte uns die Privatbank mit. Somit können wir nur sagen: Dann wissen wir’s auch nicht.

Die 2021-Zahlen von HAL noch einmal in der Übersicht:

  in Mio. Euro
Zinsüberschuss 48,6
Provisions-Überschuss 231
Verwaltungs-Aufwand 284,9
Ergebnis vor Steuern 60,7
Jahres-Überschuss 46
   
Cost-Income-Ratio 78,1%
Eigenkapital-Rendite (nach Steuern) 12%
Kernkapitalquote 14,5%
Gesamt-Kapitalquote 14,7%
Leverage Ratio 6,6%
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