Analyse

Wie viel Wirecard steckt im Fall der Bremer Greensill Bank?

4. März 2021

Von Christian Kirchner

Die Mitteilung kam um exakt 16.15 Uhr. Doch während man die Nachricht als solche erwartet hatte („Bafin ordnet Moratorium über die Greensill Bank AG an“), verblüffte die Begründung dann doch: „Die Bafin hat in einer forensischen Sonderprüfung festgestellt, dass die Greensill Bank AG nicht in der Lage ist, den Nachweis über die Existenz von bilanzierten Forderungen zu erbringen, die sie von der GFG Alliance Group angekauft hat.“

Anders gesagt: Die Aufsicht zweifelt also nicht nur an der Qualität der Vermögenswerte, nein: Sie stellt (wenn wir’s richtig verstehen) in Teilen sogar deren schieres Vorhandensein infrage.

Haben wir es möglicherweise mit einem zweiten Fall Wirecard zu tun? Zumal die Bafin ja gestern nicht nur das Moratorium verhängte (wodurch die Geschäfte der Greensill Bank de facto eingefroren sind), sondern – wie als erstes die „Financial Times“ berichtete – obendrein eine Strafanzeige wegen des Verdachts der Bilanzmanipulation stellte?

Der Reihe nach: Dass der „Fall Greensill Capital“ nach den Ereignissen vom Montag (siehe hier) und Dienstag (siehe hier) auch zu einem „Fall Greensill Bank“ werden würde, so viel stand ja mehr oder weniger fest. Schließlich ist das Bremer Geldhaus – in den Worten der Bafin ausgedrückt – ja nicht nur eine „Schwestergesellschaft“ der gleichnamigen, von der Insolvenz bedrohten britischen Investmentgesellschaft. Sondern: „Die Greensill Bank AG versteht sich als Refinanzierer für die Greensill-Gruppe“, wie die Bafin schreibt.

Die finanziellen Verflechtungen zwischen Bank und Investmentgesellschaft sind allerdings nur ein Strang, den die Bafin jetzt zu untersuchen hat. Ein zweiter sind die Kreditversicherungen, mit denen die Finanzierungsgeschäfte eigentlich abgesichert werden sollten. Zwar kommt das Thema in der Mitteilung der Bafin nicht explizit vor – allerdings hatte es schon in den vergangenen Tagen aus Aufsichtskreisen geheißen, diesem Sachverhalt werde man sich gegebenenfalls intensiver widmen müssen.

Und dann ist da schließlich noch (siehe das Zitat weiter oben) die besagte GFG Alliance Group. Diese gehört zum Wirkungskreis des indischen Stahlbarons Sanjeev Gupta. Und schon letzten Sommer hatte es ja geheißen, dass die Bafin hier womöglich das größte Problem sieht: Sind der Greensill Bank womöglich Klumpenrisiken aus Finanzierungen für Firmen aus dem Gupta-Imperium entstanden?

Jedenfalls: Die zumindest oberflächlichen Parallelen zwischen der Causa Greensill und der Causa Wirecard sind – wenngleich die Aufklärung noch am Anfang steht und selbstverständlich für alle handelnden Akteure die Unschuldsvermutung gilt – erstaunlich:

  • Wie bei Wirecard geht es um die Werthaltigkeit (bzw.: möglicherweise sogar um die bloße Existenz) mutmaßlich undurchsichtiger Forderungen. Was letztes Jahr die „Forderungen gegenüber Drittparteien“ waren, das sind sozusagen diesmal die Forderungen gegen ein Stahlkonglomerat
  • Wieder spielt der Fall an der Schnittmenge von alter (=analoger) und neuer (=digitaler) Finanzwelt
  • Wieder geht es um ein stark wachsendes, aber schwer verständliches Terrain, nämlich diesmal um das „Supply Chain Finance“-Geschäft (Erklärung siehe hier)
  • Wieder haben wir es mit einem international agierenden Konzern zu tun, der sich – so stellt sich der Fall jedenfalls momentan dar – bei seinen Geschäften eines regulierten deutschen Bankinstituts bedient
  • Auch die Greensill Bank war – glaubt man der Bafin – in Geschäften engagiert, die sich für externe Bilanzleser nicht erkennen lassen (wie etwa den Aufkauf von Forderungen der GFG Alliance Group)
  • Wie bei Wirecard ist der japanische Softbank-Konzern auch bei Greensill (genauer: der australischen Muttergesellschaft) als Investor mittendrin im Geschehen, in beiden Fällen ab Mitte 2019
  • Wie bei Wirecard ist es eine forensische Prüfung. die mutmaßliche bilanzielle Ungereimtheiten zu Tage fördert …
  • … und wie bei Wirecard handelt es sich bei dem Prüfer – so schreiben’s jedenfalls diverse Medien – um KPMG (wobei KMPG diesmal von der Bafin beauftragt wurde und nicht, wie im Fall Wirecard, vom Aufsichtsrat)

Und was auch an Wirecard erinnert, das sind auffällige Muster in der Bilanz …

… Wie kann es sein, dass eine Bank ihre Bilanz ebenso wie ihre Einlagen binnen eines Jahres versechsfacht? Ist das einfach nur das Resultat einer ambitionierten Wachstumspolitik? Oder hätten der Wirtschaftsprüfer (in diesem Fall: Ebner Stolz), der private Bankenverband (als Hüter der Einlagensicherung) und die Bafin nicht möglicherweise früher Verdacht schöpfen müssen?

Ein Blick auf frühere Moratorien jedenfalls zeigt, dass die Causa Greensill Bank eindeutig zu den größeren Fällen zählt. Zumal es diesmal auch in erheblichem Anteil um Retail-Einlagen geht bzw. solche Einlagen, die von der Einlagensicherung abgedeckt werden …

Moratorien der letzten 20 Jahre

Jahr Bank Bilanzsumme (Mio. €) Einlagen (Mio. €) Retail-Gelder involviert?
2008 Lehman Brothers AG 16.200 11.000 nein *
2016 Maple Bank 5.000 2.600 nein
2020 Greensill Bank 4500 3300 ja
2002 Gontard&Metallbank 1.200 780 ja
2003 BFI Bank AG 560 216 ja
2002 BKMU Bank 358 125 ja
2008 Kaupthing Dtld. 308 308 ja
2006 Privatbk. Reithinger 200 86 ja
2010 Noa Bank 179 172 ja
2008 Weserbank 120 25 ja
2012 FXDirekt Bank 37 17 ja
2018 Dero Bank 27 nein
*jeweils letztverf. Zeitpunkt, gerundet

Quelle: EDB, eig. Recherche, * Retail-Zertifikate waren keine Einlagen, Bank nahm keine private Einlagen

… Laut „Financial Times“ sollen 85% der Einlagen in Gesamthöhe von 3,5 Mrd. Euro von den Sicherungssystemen gedeckt sein; das „Handelsblatt“ berichtet derweil, unter den institutionellen Investoren, die keinen Anspruch auf Deckung haben, seien auch rund 50 Kommunen.

Nun beginnt die Aufarbeitung zwar gerade erst. Was sich aber sagen lässt: Die Greensill Bank ist allem Anschein nach nicht kurzfristig und sozusagen durch eine Verkettung unglücklicher Ereignisse in ihre jetzige Lage geraten. Sondern: Die Probleme existieren offenbar schon erheblich länger. So hat die Bafin die forensische Untersuchung noch im alten Kalenderjahr bei KPMG in Auftrag gegeben, schreibt „Bloomberg“. Und: Auch die Bafin-Sonderbeauftagten waren offenbar nicht erst seit einigen Tagen, sondern schon deutlich länger in der Bank. Eingedenk der Tatsache, dass (siehe oben) die Bafin sich die Greensill Bank ja schon letzten Sommer intensiv angeguckt hatte: Wollte man auf Nummer sicher gehen? Oder hat man möglicherweise zu lange gewartet? Zumal die Bilanzsumme ja 2020 weiter angeschwollen ist, von 3,8 Mrd. Euro auf 4,5 Mrd. Euro, wie gestern bekannt wurde.

Und: Was ist mit dem Einlagensicherungsfonds, der organisatorisch beim BdB aufgehängt ist? Schließlich gehört zu dieser Einlagensicherung ja auch ein mächtiger Prüfungsverband, der kontrolliert, ob Mitglieder in Solvenzprobleme schlittern könnten oder ein zu großes Rad drehen. Er kann jederzeit bei seinen Mitgliedern einmarschieren, nach dem Rechten sehen und unter Umständen – wie es übrigens beim Greensill-Vorläufer Nordfinanz einst passierte – Restriktionen verhängen. Mit anderen Worten: Die BdB-Leute hätten theoretisch die Instrumente besessen, das Anschwellen der Einlagen zu verhindern. In einer Stellungnahme der Greensill Bank gestern hieß es,  Ende 2019 / Anfang 2020 habe die Einlagensicherung die Geschäfte der Bank geprüft und „keine Einwände gehabt“. Falls das stimmt: Wurden hier Dinge übersehen?

Kritischen Fragen werden auch auf den Wirtschaftsprüfer zukommen, also auf Ebner Stolz. Zumindest der 2019er-Bilanz hat dieser ja noch sein Testat erteilt. War damals noch alles in Ordnung? Oder wurde, was den laut Bafin nun fehlenden „Nachweis über die Existenz von bilanzierten Forderungen“ angeht, nicht genau genug hingeschaut? Fest steht: Bei den sogenannten Kreditversicherungen guckte Ebner Stolz sogar sehr genau hin – diese nämlich bildeten einen Prüfungsschwerpunkt. Zitat aus dem 2019er-Abschluss:

 „Die Forderungen an Kunden aus dem Working-Capital-Solutions-Geschäft stellen einen wesentlichen Teil der Bilanzsumme der Bank dar. Diese sind dabei vollständig durch Warenkreditversicherungen besichert. Im Rahmen der Rechnungslegung ist zur Bewertung der Förderungen aus dem Working-Capital-Solutions-Geschäft regelmäßig das Bestehen des Warenversicherungsschutzes von Bedeutung. Da dieser Bewertungsparameter einen bedeutsamen Einfluss auf die Bildung bzw. die Höhe der gegebenenfalls erforderlichen Wertberichtigungen hat und dieser mit operationellen Risiken behaftet ist, war dieser Sachverhalt im Rahmen unserer Prüfung besonders bedeutsam.“

„Wir werden unmittelbar mit den Behörden Kontakt aufnehmen, um innerhalb unserer rechtlichen Möglichkeiten unsere Unterstützung zur Aufklärung anzubieten“, zitiert die „Financial Times“ einen Ebner-Stolz-Partner. In der Stellungnahme der Greensill Bank heißt es derweil, bei der Bilanzierung von Assets seien alle gültigen Regeln befolgt worden. Die Prüfer hätten nichts zu beanstanden gehabt.


Hinweis: Wenn Sie von unserer Startseite aus zu diesem Artikel hier gelangt sind, dann haben Sie das Bild einer Gulfstream 650 gesehen. Ein solches Modell fand sich 2019 als Vermögenswert auch in der Bilanz der Greensill Bank.


Zweifel an Existenz von Forderungen! Greensill Bank ein 2. Fall Wirecard?

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing