Jahresausblick (#1)

Worauf es 2022 für unsere Banken und Sparkassen ankommt

Das Jahr war noch relativ jung – und scheinbar trotzdem schon gelaufen. „Bis zu minus 16%! Warum unseren Banken gerade jetzt das Zinsergebnis wegbricht„, titelten wir, als im Frühjahr die ersten Q1-Ergebnisse eintrudelten. Der Ton schien damit gesetzt: Alles, was ohnehin schon schlimm genug ist, wird jetzt noch viel, viel schlimmer! Und eigentlich können sie doch auch gleich einpacken, unsere Banken und Sparkassen!!!

Irgendwie drehte sich dann aber, zunächst schleichend und schließlich immer deutlicher, das Sentiment, wie man an der Börse sagen würde. Anstelle immer neuer Horror-Zahlen kamen plötzlich veritable Hoffnungs-Zahlen hereingeschneit, und zwar nicht mehr nur von den üblichen Verdächtigen, sondern auf fast schon breiter Flur. Klar: Die Freude war nicht ungetrübt. Schließlich galt es das vermaledeite BGH-Urteil zur Zustimmungsfiktion zu verkraften. Wie sich die filialgestützten Retailbanken überhaupt fragen mussten, ob das mit dem drehenden Sentiment auch für sie galt, oder nur für die anderen. Die vordergründige Antwort lautete leider: Gilt nur für die anderen! Doch wer ganz genau hinsah, der konnte selbst im Retailgeschäft von Sparkassen und Genobanken einen Silberstreif erkennen.

Und als wären das der – aus Bankenperspektive – guten Nachrichten noch nicht genug gewesen, kam im Laufe des Jahres sogar noch eine – aus Bankenperspektive – positive Deutung des BGH-Urteils zum Vorschein. Aber selbst dies war noch nicht alles. Denn gen Jahresende riefen einige unserer Banken sogar noch eine neue Ära der Effizienz und Profitabilität aus. Kann das alles überhaupt sein? Und wird 2022 vor diesem Hintergrund ein – zumindest für einen Teil der Branche – richtig gutes Jahr? Nicht ausgeschlossen! Unser großer Ausblick in acht Thesen (dem morgen der Fintech-Ausblick folgt):

1.) Beim Zinsergebnis liegt das Schlimmste hinter der Branche

Hinter Banken und Sparkassen liegen mit Blick aufs Zinsergebnis üble Jahre. Besonders heftig erwischte es die Institut im H1 2021, als die Zinsüberschüsse teils um zweistellige Prozentwerte sanken – trotz TLTRO-Spritzen, kräftiger Volumenausweitung sowie faktischer Staatshilfen.

Seit dem dritten Quartal allerdings zeigen sich Stabilisierungstendenzen, etwa bei der Deutschen Bank (siehe hier), der Commerzbank (siehe hier), der HVB (siehe hier) und der ING Diba (siehe hier). Eine schon in unserer großen Zinsanalyse von November gezeigte Grafik der DB Research legt zudem nahe, dass es sich um einen nachhaltigen Trend handeln könnte: So stiegen die Zinsergebnisse im Q3 2021 gemessen am Vorjahr so stark wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Ein Ausreißer? Wohl kaum. So sprach zum Beispiel Deutsche-Bank-CFO James von Moltke jüngst von einem deutlich nachlassenden Zinsdruck. Die positiven Effekte, die sich in den letzten Monaten zeigten, dürften den deutschen Banken in 2022 erhalten bleiben. Dazu gehört eine immer umfassendere Bepreisung von Einlagen sowohl bei Retail- als auch Firmenkunden – bei zugleich schwächer werdenden Basiseffekten bei Refinanzierungen.

Und: Wer weiß, vielleicht kommt die große Zinswende ja doch. Noch nicht zu 2022. Aber möglicherweise 2023 oder 2024?


2.) Der Filialabbau wird sich drastisch beschleunigen

Was den Filialabbau betrifft, liegen zwar noch keine aggregierten Daten für 2021 vor. Wohl aber für 2020. Und schon da zeigt sich, dass die Corona-Krise allem Anschein für eine wahrnehmbare Beschleunigung gesorgt hat ...

... alles, aber auch wirklich alles deutet darauf hin, dass sich diese Entwicklungen in diesem Jahr verschärft hat und im kommenden Jahr nochmals verschärfen wird. Beispielhaft sei die Oldenburgische Landesbank ins Feld geführt, die per Mitte dieses Jahres (und damit: nach der ersten Schließungsorgie) noch 74 Filialen und 86 SB-Standorte betrieb – und die als künftige Zielgrößen 40 Filialen und 14 SB-Standorte vorgibt. Das sind nochmalige Reduzierungen von 46% bzw. 84% . Oder anders gesagt: Das ist eine neue Dimension.


3.) Im Wertpapiergeschäft droht ein echter Dämpfer

Zugegeben: Das ist eine reichlich glaskugelige Prognose. Allerdings finden sich tatsächlich eine Reihe von Indizien, die darauf hindeuten, dass es 2022 deutlich schwieriger werden wird, Menschen zur Wertpapieranlage zu bewegen. Im Einzelnen:

  • Schon in diesem Jahr zeigte sich, dass der Wertpapier-Boom relativ schnell abzuebben droht, wenn es an der Börse eher mau zugeht (siehe hier)
  • Wenn die EU ernst macht und "Payment for Order Flow" tatsächlich verbietet, dürfte es mit dem Null-Gebühren-Handel bald vorbei sein (siehe hier)
  • Ein der Haupttreiber des Booms, nämlich der gebührenfreie ETF-Sparplan, ist inzwischen Standard bei vielen Anbietern – was in der Ableitung bedeutet: Noch attraktiver wird's kaum werden.
  • Selbst boomende Anbieter wie der Smartbroker zeigen in der Neukundengewinnung bereits Schwächen (siehe etwa hier)
  • Die große Aktienhausse hat in wenigen Tagen ihre 13. Jahr (!) hinter sich. Irgendwann wird auch wieder ein schlechtes Jahr kommen.

Wenn eine mögliche Trendumkehr besonders treffen wird? Schwer zu sagen. Gut möglich allerdings, dass ausgerechnet Sparkassen und Genobanken weniger stark betroffen wären. Denen nämlich ist es zuletzt gelungen, die Nettozuflüsse durch den Neuabschluss von Millionen Sparplänen zu verstetigen (siehe auch hier).


4.) Die Deutsche Bank muss mit "was Großem" um die Ecke kommen

Die Deutsche Bank Bank ist zuletzt vor allem dadurch auffällig geworden, dass sie sich von zahlreichen ihrer für 2019-2022 aufgestellten Zielen schon wieder verabschiedet hat. Zwei Marken gelten allerdings weiterhin: 8% Eigenkapitalrendite und 70% Cost Income-Ratio. Die Analysten bezweifeln indes weiterhin, dass diese beiden Ziele zu erreichen sind – selbst wenn der Boom im Investmentbanking weitergehen sollte.

Das Problem ist nun, dass die Peer-Group inzwischen Maßstäbe vorgibt, die über die Ziele, die die Deutsche Bank voraussichtlich verfehlen wird, noch deutlich hinausgehen. Die ING Groep oder die BNP Paribas verdienen schon jetzt 10% Eigenkapitalrendite. Und die Unicredit hat kürzlich – unter dem Applaus der Börse – bekanntgegeben, dass sie bis 2024 bei 11% sein will.

Dazu muss man nun wissen: Die Deutsche Bank hat ihren in den Vorjahren im Dezember abgehaltenen "Investor Deep Dive" diesmal auf den März 2022 geschoben – ein klares Indiz, dass dann auch die neue Strategie für die Jahre 2023ff vorgestellt werden wird. Auf Vorstandschef Christian Sewing könnte damit ein kommunikativer Drahtseilakt zukommen. Einerseits wird er die Investoren (möglicherweise) darauf vorbereiten müssen, dass die für 2022 angepeilten 8% nicht zu erreichen sind. Zugleich muss er für die Jahre danach (möglicherweise) Zielwerte präsentieren, die statt bei 8% eher bei 9%, 10% oder gar 11% liegen. Anders gesagt: Sewing wird sich (möglicherweise) genötigt sehen, mit "was Großem" um die Ecke kommen. Was könnte das sein? Der nächste große Umbau? Oder gar – siehe weiter unten – das nächste M&A-Projekt?


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5.) Die große Rausschmiss-Welle bei Retail-Kunden rollt an

Das BGH-Urteil zur Zustimmungsfiktion war aus Sicht von Banken und Sparkassen der juristisch-regulatorische Eingriff des Jahres (siehe unter anderem hier). Für die Branche war der Richterspruch zunächst einmal ...

  • teuer, weil für zu Unrecht erhobene Gebühren zumindest mal Rückstellungen zu bilden sind
  • administrativ herausfordernd, weil Kunden digital oder physisch angeschrieben und und um die Zustimmung zu alten und/oder neuen Gebühren gebeten werden mussten
  • und strategisch schmerzvoll, weil die Preissetzungsmacht erheblich eingeschränkt wird

Die Bedeutung des Karlsruher Urteils reicht über diese unmittelbaren Folgen allerdings deutlich hinaus – und wird auch das nächste Jahr kennzeichnen. Denn: Das BGH-Urteil verändert die Beziehung zwischen Kunde und Bank fundamental. Woran viele Banken und Sparkassen in ihrer Kommunikation übrigens keinen Zweifel lassen: Die Kunden müssen Preiserhöhungen, Negativzinsen und Ähnlichem jetzt zwar zustimmen – doch tun sie das nicht, droht unverhohlen der Rauswurf. Zumal viele Retail-Kontobeziehungen hierzulande schlicht nicht mehr profitabel sind. Übrigens auch dann nicht, wenn Gebühren und Verwahrentgelte fließen.

Bislang schreckten die deutschen Banken vor allzu offensichtlichen Rauswürfen zurück, weil sie keine öffentlichen Aufschrei riskieren wollte. Vorbei. Das BGH-Urteil ist eine Steilvorlage, "die Kundenstruktur zu optimieren", wie das im Beraterdeutsch heißt. Weil viele Fristen erst Ende diesen, Anfang nächsten Jahres auslaufen, könnte die große "Kundenbereinigung" eines der beherrschenden Themen des ersten Halbjahres werden.


6.) Das Depot, nicht das Konto entscheidet das Duell "Diba vs. DKB"

Die These, dass ETF-Sparpläne das neue Girokonto sind, hatten wir ja schon Anfang 2020 aufgestellt (siehe hier). Im Hinblick auf 2022 wollen wir noch einen Schritt weitergehen: Es ist in erster Linie das Depot, das im Retail-Massenmarkt künftig über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.

Für diese These spricht insbesondere das massive Potenzial, das hier insbesondere bei den kundenstarken Online-Banken ING Diba und DKB. Beide kommen unter ihren 9,5 Mio. (orange) bzw. 4,8 Mio. Kunden (blau) auf Depot-Durchdringungsraten von weniger als 20%. Dass hier Potenzial herrscht, zeigt die Consorsbank, die bei Girokonten gar nicht mehr unbedingt wachsen will, sondern eindeutig das Depots nicht nur zum Kernprodukt, sondern zum Akquise-Instrument erhoben hat.

Dass die ING Diba zumindest ähnlich denkt, zeigt sich daran, dass sie das 10-Mio.-Kunden-Ziel nicht mehr wirklich verfolgt – jüngst aber stolz erklärte, in diesem Jahren 400.000 neue Depots hinzugewonnen zu haben. Und die DKB hält zwar (wobei: auch nicht mehr so richtig ...) an ihrem 8-Mio.-Kunden-Ziel fest. Erfolgskritischer könnte aber sein, dass Sie in den zurückliegenden 24 Monaten immerhin 250.000 neue Depots draufgepackt hat.

Was alle Akteure lockt, nicht nur die Online-Banken, sondern auch die Fintech-Player (unser Fintech-Ausblick folgt übrigens morgen): Gut zwei Drittel des Depotgeschäfts befinden sich noch in der Hand von "Legacy-Banken", die teils noch absurde Gebühren für Transaktionen verlangen. Das ist noch viel Potenzial – selbst wenn, siehe oben, der Wertpapierboom ein wenig abebben sollte.


7.) 50% ist das neue 70% (bei der Cost-Income-Ratio)

Als die Bundesbank neulich über die Performance der deutschen Banken im Jahr 2020 berichtete, gab es die Meckerei gratis dazu: Mit 72,3% liege die durchschnittliche Cost-Income-Ratio "weiterhin deutlich über dem langfristigen Mittel von 68% sowie über dem Mittel der Jahre nach der Finanzkrise (2010 bis 2018) von 68,4%", merkte die Buba an ...

... und als krisengestählter Beobachter dachte man: Ist halt so. Wer nicht gerade ING Diba heißt, muss sich mit Cost-Income-Ratios um die 60 (super!), 70 (schon okay!) oder gar 80 (kann passieren!) zufrieden geben.

Irrtum!, heißt es nun plötzlich.

Schon der Blick auf die H1-Ergebnisse zeigte ja, dass viele deutsche Banken urplötzlich wieder Geld verdienen (siehe u.a. -> Wieso machen ausgerechnet diese deutschen Banken jetzt Gewinn? und -> Provisions-Ergebnis? Plus 27%!!! Dt. Banken gelingt Ertragswende). Angetrieben von Sparrunden, Filialschließungen und Turbo-Digitalisierung soll aber sogar noch viel mehr gehen. Erträge rauf. Kosten runter. Mit der Folge, dass die Hypo-Vereinsbank sich jetzt eine Cost-Income-Ratio von unter 50% zum Ziel setzt, die Oldenburgische Landesbank sogar von 45%.

Ist das ein Paradigmenwechsel? Warten wir mal 2022 ab.

50% CI-Ratio! Wie will die Hypo-Vereinsbank das schaffen???


8.) Das große M&A-Ding wird kommen – jetzt aber wirklich

Dürfen wir noch einen raushauen? Ja? Gut, dann wagen wir die Prognose, dass 2022 das Jahr werden wird, in dem es zu mindestens einem großen Banken-M&A-Banken-Deal ein Europa kommen wird. Vielleicht sogar unter deutscher Beteiligung.

Warum? Nun, die Regulierer betonen seit Jahren, dass sie in der Konsolidierung eine Chance sehen, die Ertragsprobleme in den Griff zu kriegen. Dass allerdings nun auch die Bundesregierung in den Koalitionsvertrag schreibt, sie wolle "ermöglichen, dass innerhalb von EU-Bankengruppen Kapital und Liquidität flexibler eingesetzt werden können“ (siehe auch Punkt 12 hier), darf als klares Signal gewertet werden: Die Ampel steht, was dieses Thema betrifft, auf Grün.

Hinzu kommt noch ein weiterer Aspekt: Ein (mögliches) Ende der Nullzinspolitik ist in Sicht – siehe auch unsere große Zinsanalyse kürzlich. Die Wette, die zum Beispiel Cerberus schon vor etlichen Jahren eingegangen ist (und die Cerberus als Großaktionär von Deutsche Bank und Commerzbank grandios verloren hat ...), lockt jetzt wieder. Man würde sich wundern, wenn das keine M&A-Gelüste weckt.

Finanz-Szene geht ab Oktober hinter die Paywall ...

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