Analyse

Bis zu minus 16%! Warum unseren Banken gerade jetzt das Zinsergebnis wegbricht

25. Mai 2021

Von Christian Kirchner

Die Hypo-Vereinsbank gehört zweifelsohne zu den solideren Instituten da draußen. Umso stärker fiel die Horrorzahl ins Auge, die sich kürzlich in eine Präsentation zu den Q1-Zahlen des italienischen Mutterkonzerns Unicredit geschlichen hatte. In der Zeile zum Zinsergebnis fand sich bezogen auf das „Commercial Banking Germany“ allen Ernstes der Wert „16“ – und zwar mit einem Minuszeichen davor. Konnte das wirklich sein? Dass der Zinsüberschuss innerhalb nur eines Jahres dermaßen implodiert ist?

Und ob! Zumal es andere deutschen Banken zuletzt kaum besser ergangen ist. Bei den Sparkassen zum Beispiel bröckelte das Zinsgeschäft im abgelaufenen Geschäftsjahr um durchschnittlich 9%; die Commerzbank wiederum erlebte im Q4 einen Einbruch von 12%, die Deutsche Bank in ihrem Privatkundengeschäft (wobei hier auch Sonderfaktoren eine Rolle spielten) gar einen Rückgang von 14%.

Was ist da los? Denn: Dass die Zinsergebnisse im Zuge des allgemeinen Zinstief irgendwann unter Druck geraten würden, so viel war ja klar. Aber warum ausgerechnet jetzt? Warum so heftig? Und wird’s noch schlimmer – oder könnte sich der Trend bald abmildern? Eine Analyse:

1.) 2015 war ein Spitzenjahr – seither geht es bergab

Seine historische Höchstmarke erreichte das Zinsergebnis der hiesigen Banken im Jahr 2015: rund 95,9 Mrd. Euro an Zinsüberschuss erwirtschafteten die Institute in jenem Jahr – und das obwohl die Null- und Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) schon damals das große Thema war. Wer sich gerade nicht mehr genau erinnern kann: Einen Negativzins auf Überschussliquidität führte die EZB bereits im September 2014 ein.

Seit 2015 ist es mit der Herrlichkeit vorbei, der Zinsüberschuss fällt. Die Bundesbank kommt in ihrer Methodik auf einen durchschnittlichen Rückgang von 3,7% per anno. Die EZB kommt, wenn sie den Zinsüberschuss der 21 direkt von ihr beaufsichtigten, weil größten und bedeutsamsten deutschen Institute betrachtet, auf ähnliche Größenordnungen – in ihrer Berechnung beläuft sich der Rückgang auf durchschnittlich 2,9% per anno. In absolute Zahlen übersetzt, heißt das: Die 21 größten Banken hierzulande haben von 2015 bis 2020 rund 5 Mrd. Euro an Zinsüberschuss verloren, alle Banken laut Bundesbank 13,4 Mrd. Euro.

Wenn jetzt plötzlich signifikante Einbrüche sichtbar werden, so handelt es sich also um eine (teils starke) Beschleunigung eines bereits seit 2015 bestehenden Trends. Manche Institute konnten sich diesem Trend besser, andere schlechter entziehen.

2.) Die Angst der Banken vor den Privatkunden

Wenn denn die EZB vor fast sieben Jahren den ersten Negativzins einführte, wie war es den Banken dann möglich, ihren Zinsüberschuss über viele Jahre hinweg weitgehend zu verteidigen? Wer das verstehen will, muss zwei gegenläufige Effekte betrachten: den „Margeneffekt“ und den „Mengeneffekt“.

Der „Margeneffekt“ tritt ein, wenn die Banken die Einlagenzinsen, die sie zahlen müssen, nicht so schnell senken können wie die Kreditzinsen, die sie selbst erhalten. Dieser Effekt zehrt das Zinsergebnis auf. Viele Kredithäuser in Deutschland konnten ihn allerdings in den vergangenen Jahren in Grenzen halten. Dies zeigt ein Blick in den Bundesbank-Daten auf die Summe aller Zinserträge und aller Zinsaufwendungen deutscher Banken, deren Saldo den Zinsüberschuss darstellt.

in Mrd. Euro Zinserträge Zinsaufwendungen
2008 432 342
2019 163 80
Differenz -269 -262

Deutschlands Banken verloren demnach seit 2008 (dem Rekordjahr) 269 Mrd. Euro (!) an Zinserträgen. Allerdings konnten sie ihre Zinsaufwendungen im gleichen Zeitraum parallel um 262 Mrd. Euro (!)  reduzieren. Unterm Strich fiel das Minus somit weit, weit kleiner aus.

Daneben gibt es noch den „Mengeneffekt“: Weiten die Banken ihr Kreditvolumen kräftig aus, erhöht sich die Summe ihrer Kreditzinsen entsprechend. Dieser Effekt kommt dem Zinsergebnis zugute – und war in Deutschland, das im vergangenen Jahrzehnt über weite Strecken einen Boom des Kreditvolumens erlebte, gut zu beobachten.

Wer konnte, versuchte in den jüngsten Jahren dem (negativen) Margeneffekt mit dem (positiven) Mengeneffekt zu begegnen. Allerdings – so stellte die Bundesbank in einer Analyse von Oktober 2020 fest – reicht der „Mengeneffekt“ nur dafür aus, ungefähr die Hälfte des „Margeneffekts“ abzubremsen. Und ob es auch künftig gelingt, die Kreditvolumina so stark auszuweiten wie in den vergangenen Jahren, ist fraglich.

Was sich hingegen mit Sicherheit sagen lässt: Banken tun sich inzwischen sehr schwer damit, den Verfall der Kreditzinsen an Sparer weiterzureichen. Der Grund dafür ist, kurz gesagt: Der Mechanismus, sinkende Zinsen an Einleger weitergeben zu können, ist gestört. An dem Punkt, wo die Zinsen auf Einlagen ins Negative kippen müssten, schrecken viele Institute (noch) vor weitreichenden Schritten zurück.

Zwar sind „Strafzinsen“ oder „Verwahrentgelte“ für Privatkunden seit Jahren ein großes, präsentes Thema. Immer mehr Banken führen sie ein, zumindest für neue Einlagen, und vielen gelingt es auch sie durchzusetzen. Entsprechend hat sich der durchschnittliche Effektivzins, den Banken auf neue, täglich fällige Einlagen zahlen, über die Jahre der  „Null“ angenähert – doch dort verharrt er mehr oder minder bis heute. Die „Null“ erweist sich als magische Grenze, die nicht unterschritten wird.

Plausibel ist dies, weil viele Institute ihre Bestandskunden – die natürlich das Gros ausmachen – von der Entwicklung ausklammern. Aus diesem Grund sind zum Beispiel bei der Commerzbank laut jüngstem Quartalsbericht noch 140 Mrd. Euro der insgesamt 150 Mrd. Euro an Einlagen privater Haushalte (noch) unbepreist. Bei der Privatkundensparte der Deutschen Bank beträgt die Summe der Einlagen, auf die noch keine Negativzinsen erhoben werden, 230 Mrd Euro – von 242 Mrd. Euro!

Hinzu kommt, dass sich Negativzinsen bei kleineren Banken noch schwerer durchsetzen lassen. Zumal sie eine Vertragsänderung darstellen, mithin bei Bestandskunden nicht einfach über eine Änderung des Preisverzeichnisses eingeführt werden können.

Kurzum: Viele Banken scheuen bisher davor zurück, die sinkenden Zinsen im ganz großen Stil an private Einleger weiterzugeben. Aus psychologischen Gründen (da Privatkunden bei Negativzinsen tendenziell sehr empfindlich reagieren), aber auch aus rechtlichen Gründen. Und je höher der Anteil der Privatkunden bei den Einlagen ist, desto schwieriger wird es naturgemäß, den Zinsverfall weiterzugeben.

Ein Leser beschreibt uns das Phänomen aus dem Alltag seiner Bank heraus wie folgt:

„Die Marktzinsen sind im 3. Quartal 2020 so weit gesunken, dass sämtliche Laufzeiten im negativen Bereich angelangt sind. Banken, die ihre Margen mit der so genannten Markzinsmethode nach dem Opportunitätsprinzip kalkulieren, geben bei stabilen Margen die gesunkenen Zinsen eins zu eins an den Kunden weiter – und das verbunden mit erhöhtem Volumen. Die Darlehenskondition wird mit deutlich negativen Einständen kalkuliert, zahlt ein Kunde also etwa einen effektiven Zins von 1,0%, bringt das so rechnerisch gerne noch 1,5% Bruttomarge. (Und tatsächlich gibt es „da draußen“ ja auch Geld zu minus 0,5%!). Der Haken ist aber: Die tatsächliche Refinanzierung einer „normalen“ Bank besteht aus Kundeneinlagen bei denen man sich aus verschiedenen Gründen sehr schwer damit tut Verwahrentgelte umzusetzen. In den Banken sieht sich niemand mehr für das gesamte Ergebnis verantwortlich, die Kreditseite feiert ihre Margen, die Einlagenseite, die jahrezehntelang den Großteil zum Zinsergebnis beigesteuert hat, leidet unter der Zinssituation.“

3.) Wer seinen Kreditvertrag kündigen kann, kündigt

Paragraf 489 Absatz 1 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) stellt fest, dass ein Kredit nach zehn Jahren gekündigt werden kann. Ob ein Darlehensnehmer dies auch tatsächlich tut, hängt natürlich davon ab, ob er aktuell am Markt bessere Konditionen erhält als zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses.

Vor rund zehn Jahren war dies in der Regel nicht der Fall.

Vor fünf Jahren war es in aller Regel der Fall.

Und inzwischen ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Fall, da die Kapitalmarkt- und Kreditzinsen näherungsweise rund 3,5 Prozentpunkte niedriger liegen als vor zehn Jahren.

Die Logik ist sehr simpel, in der Praxis aber von hoher Relevanz. Wer einen teuren Vertrag ablöst, weil er sich das Geld dafür heute billiger besorgen kann, oder einfach zur Konkurrenz geht, der ist als Kunde verloren. Damit entfallen die Einnahmen aus dem Kreditverhältnis, die Zinserträge schmelzen dahin.

Neu ist dieser Effekt nicht; er hat sich aber über die Jahre beschleunigt, seit etwa 2016 liegen die Zinsen kontinuierlich zwischen 3 und bis zu 4,5 Prozentpunkte unter jenen von vor zehn Jahren – aber noch zu Beginn des letzten Jahrzehnts betrug die Differenz 0%.

4.) Wer seinen Kreditvertrag neu verhandelt, zahlt weniger

Zum Teil erklären die Banken selbst explizit, warum ihr Zinsüberschuss plötzlich so deutlich nach unten geht. So stellt die ING Deutschland, die nach Kundenzahl größte Direktbank hierzulande, die Leser ihres neuen Geschäftsberichts im Ausblick für 2021 auf sinkende Zinsüberschüsse und sinkende Gewinne ein. Sie verweist dabei auf den „Margendruck sowohl im Geschäftsfeld Retail Banking als auch im Geschäftsfeld Wholesale Banking“,  da „auslaufende höherverzinsliche Kredite zumeist nur mit geringer verzinslichem Neugeschäft ersetzt werden können“.

Worauf diese Aussagen anspielen: Der Immobilienboom in Deutschland nahm erst ab den Jahren 2010/2011 so richtig Fahrt auf. Die Preise stiegen und mit ihnen die Kreditvolumina. So reichten Banken in Deutschland im März 2011 – als die Zinswelt zwar nicht blendend, aber doch noch besser aussah als heute – Immobilienkredite mit mindestens 10-jähriger Zinsbindung in Höhe von insgesamt 5,2 Mrd. Euro aus. Im März 2021 hingegen – in einer Welt niedrigster Zinsen – waren es rund 13,9 Mrd. Euro.

Üblicherweise wählen Kreditnehmer Zinsbindungen von zehn Jahren und mehr. Allerdings haben sie nach zehn Jahren das Recht, den Kredit neu zu verhandeln – was viele natürlich tun, zu erheblich niedrigeren Zinsen. Die Folge: Die hoch verzinsten Altkredite fallen allmählich aus der Bilanz. Und dieser Trend wird sich noch verstärken, da die Volumina dieser Altkredite wegen des Kreditbooms der Jahre nach 2010/2011 stetig steigen werden.

Vor allem Banken, die ihre ausgereichten Immobilienkredite nicht gleich über den Kapitalmarkt, sondern über Einlagen refinanzieren, sind davon betroffen. In Zahlen: Vor genau zehn Jahren betrug der durchschnittliche Zinssatz neuer Immobilienkredite mit mindestens 10-jähriger Zinsbeindung 4,1%, während der Einlagenzins bei 0,7% lag. Heute beträgt der Durchschnittszins bei neuen Immobilienkrediten nur noch gut 1%, während der Einlagenzins auf 0% gefallen ist. Heißt übersetzt: Die Spanne der Bank liegt heute statt bei 3,4 Prozentpunkten wie einst nur noch bei etwa einem Prozentpunkt!

(Anmerkung: Neugeschäft Immobilienkredite = Immobilienkredite an private Haushalte mit mehr als 10 Jahren Zinsbindung; Neugeschäft Kredite an Kapitalgesellschaften = Kredite von mehr als 1 Mio. Euro und mehr als 5 Jahren Laufzeit)

Die Zeit arbeitet gegen die Banken. Tag für Tag fliegen gut verzinste Altkredite weg und neue, margenschwache Kredite treten an ihre Stelle. Lange Zeit konnten die Institute diesen Effekt über die Ausweitung des Volumens ein Stück weit einfangen. So nahm zum Beispiel das ingesamt ausstehende Volumen an Immobilienkrediten für private Haushalte hierzulande binnen zehn Jahren um 48% auf knapp 1,4 Billionen Euro zu. Aber dieses Spiel funktioniert immer seltener.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Näherungsweise sollte zumindest bei Immobilienkrediten ab 2025 eine gewisse Beruhigung der Entwicklung eintreten. Denn schon ungefähr 2015 waren die Einlagenzinsen bei 0,1% angekommen und die Effektivzinsen im Neugeschäft unter 2% gesackt. Somit dürfte das Auslaufen der Altverträge zehn Jahre später nicht mehr so stark zu Buche schlagen wie es aktuell der Fall ist.

Dass die Banken mit den Jahren aus diesen Problemen herauswachsen werden, dafür liefert die Rede von CEO Christian Sewing ein Indiz, die die Deutsche Bank vor der Hauptversammlung in dieser Woche veröffentlichte. Darin bezifferte Sewing den negativen „Effekt, dass alte hochverzinsliche Aktiva durch neue niedrigverzinsliche Aktiva abgelöst werden“ für Privatkundenbank und Unternehmensbank zusammen auf aktuell jährlich mehr als 600 Mio. Euro an Erträgen. „Doch dieser Effekt wird sich nun abschwächen. In der Privatkundenbank wird er sich 2022 nahezu halbieren, und in der Unternehmensbank wird er fast vollständig verschwunden sein.“

5.) Viele kleine Banken können ihre Zinsprobleme kaschieren

Möglicherweise ist das „Problem“ von großen Instituten wie Deutscher Bank, HVB, Commerzbank & Co. auch einfach, dass sie ihre Zahlen transparent offen legen müssen, während kleine Häuser sich leichter tun, ihre Probleme zu kaschieren.  So scheinen Sparkassen und Genossenschaftsbanken ihren Zinsüberschuss zumindest auf den ersten Blick besser zu verteidigen: So sank er von 2015 bis 2019 bei Deutschlands Sparkassen um insgesamt 9%, bei den Genossenschaftsbanken um 5% – „nur“, verglichen mit den -14% aller Banken im selben Zeitraum.

Allerdings berücksichtigen diese Zahlen aus der Erhebung der Deutschen Bundesbank auch die sogenannten laufenden Erträge sowie die Erträge aus Beteiligungen, die viele kleine Institute (wenn auch nicht alle) dem Zinsergebnis zuschlagen. Gut möglich, ja wahrscheinlich also, dass vor allem diese Erträge einen schlimmeren Einbruch verhindern – weniger das originäre Zinsgeschäft.

20/05/21: Sewings Zinswende, Hoops‘ Payment-Deal, C24 Bank braucht 1 Mio. Kunden

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