Exklusiv

Deutsche Banken fürchten Target2-Chaos. Brandbrief an die Bundesbank

Unter Banken und Sparkassen wächst die Sorge, dass das für die Branche so wichtige IT-Großprojekt “Target2-Migration” im Chaos endet. Hintergrund: Schon im vergangenen Jahr hatte Finanz-Szene auf fortgesetzte Probleme bei dem Mammutvorhaben aufmerksam gemacht, siehe zum Beispiel im März 2021 unseren Exklusiv-Bericht -> “Auftragsstopp! Der Knatsch beim EZB-Großprojekt Target2”. Seitdem sind nun weitere anderthalb Jahre vergangenen, und längst drängt die Zeit. Denn: Nachdem Mitte 2020 der ursprüngliche Zeitplan für die Target2-Umstellung gekippt wurde, visieren die hinter Target2 stehenden europäischen Notenbanken für die Migration seit langem schon den 21. November an. Es sind also nicht mal mehr zweieinhalb Monate Zeit – ob die aber reicht, steht mehr denn je infrage.

Laut Recherchen von Finanz-Szene türmen sich die Probleme derzeit regelrecht: So sollen die vom “Eurosystem” (also von den Notenbanken) zur Verfügung gestellten Testumgebungen seit Monaten Dutzende von unbearbeiteten Fehlern aufweisen. Auch wird in der Branche hinter vorgehaltener Hand moniert, dass Banken und Sparkassen das neue System wegen Fehlern in der Testumgebung bislang kaum testen könnten – dabei seien ausreichende Probeläufe für einen glatten Übergang existenziell. Eigentlich sah der Projektzeitplan vor, den seit Monaten laufenden Testbetrieb bis zum 30. September abzuschließen. Insider indes berichten übereinstimmend, diese Deadline sei kaum zu halten.

In einem Finanz-Szene vorliegenden Brandbrief – Adressat ist der für Zahlungsverkehr zuständige Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz – schlägt die Deutsche Kreditwirtschaft (also die gemeinsame Vertretung der großen Bankenverbände) nunmehr Alarm. Die Befürchtungen, dass die Target2-Migration scheitert, hätten “leider erheblich zugenommen” heißt es in dem Anfang September abgesandten Schreiben. Die Zahl der Systemfehler sei “besorgniserregend” – mit der Folge “[erheblicher] Risiken für die Funktionsfähigkeit des Zahlungsverkehrs und damit der gesamten Wirtschaft”. Die Bundesbank wird aufgefordert, mit den Geschäftsbanken in den Dialog zu treten, um eine “gemeinsame Bewertung über den Projektstand und die weiteren Schritte zu erzielen”. Dabei verweist der Brief auch auf einen internen Fortschrittsbericht, der auf europäischer Ebene kursieren soll und angeblich ein düsteres Bild der Lage zeichnet.

Wobei es bei der Target2-Migration geht

Zum Verständnis: Bei der Target2-Migration (im Fachjargon auch  „Target2/T2S-Konsolidierung“ genannt) ist zwar im Kern ein Projekt der Notenbanken – die Auswirkungen allerdings betreffen in erster Linie die mehr als 5.000 Geschäftsbanken in der Eurozone und damit auch die 340 Millionen Bürger. Allein in Deutschland hängen um die 1.700 Banken und Sparkassen direkt oder indirekt an dem System. Ziel der Konsolidierung ist es, drei parallel betriebene, seit den Neunzigerjahren schrittweise entwickelte und damit teils veraltete Systeme in Gänze zu ersetzen. Konkret sind das

  • das Target2-System für Zahlungsabwicklungen
  • das Target2-Securities-System für die Wertpapierabwicklung und
  • das TIPS-System für Instant-Payment-Abwicklungen.

An die Stelle dieser drei Teilsysteme soll künftig ein komplett neues System inklusive einer völlig neuen Marktinfrastruktur treten. Wer die Migration auf das neue Target2-System allerdings nicht packe, dem droht im Extremfall vom SEPA-Massenzahlungsverkehr ebenso abgeschnitten zu werden wie von der Abwicklung geldpolitischer Geschäfte. Pro Tag werden allein über das bisherige Target2-System Transaktionen über 1700 Mrd. Euro abgewickelt. Gelingt die Migration hingegen, winken im täglichen Geschäft enorme Effizienzgewinne. So versprechen die Notenbanken

  • Abwicklungen auch in der Nacht (was bislang nicht möglich ist),
  • einfachere und einheitliche technische Schnittstellen
  • und eine verbesserte Sicherheit gegenüber Hacker-Attacken und anderen Cyber-Gefahren.

Bloß – hierfür müsste das “Eurosystem” erst einmal selber seine Hausaufgaben machen. Danach aber sieht es nach übereinstimmender Darstellung von Insidern momentan nicht aus. Was die Sache besonders kompliziert macht:

  1. Große IT-Migrationen vollziehen sich normalerweise in Etappen. Die “Target2-Umstellung” soll dagegen in einem regelrechten Big Bang erfolgen. Hierfür haben die Notenbanker nach mittlerweile mehr als fünf Jahren Vorlaufzeit das dritte November-Wochenende auserkoren – in der Hoffnung, dass die Migration am darauffolgenden Montag (das ist der besagte 21. November) komplett abgeschlossen ist. Es gebe für die Umstellung exakt einen Versuch, sagen Projektkenner. Gehe der schief, droht heilloses Durcheinander. Ein vorübergehender Parallelbetrieb der alten Systeme und des neuen Systems sei praktisch ausgeschlossen.
  2. Theoretisch wäre zwar eine Verschiebung des Herkules-Projekts denkbar. In der Praxis allerdings würde genau das zu Folgeproblemen führen. Denn: Parallel zur Target2-Konsolidierung steht für die Banken in diesem Herbst auch eine wichtige Umstellung rund um das globale Zahlungsverkehrssystem Swift an. So sollen von November an sämtliche Systeme für Auslandszahlungen weltweit auf den neuen Industriestandard “ISO 20022” überführt werden. Diese Umstellung funktioniert Experten zufolge aber nur dann, wenn sie parallel zur Target2-Konsolidierung vorgenommen wird. Sprich: Würde die eine Migration verschoben, müsste für die andere vermutlich dasselbe gelten.

Was die Bundesbank zu den Problemen sagt

Dementsprechend heißt es in der deutschen Finanzbranche unisono, an einer erneuten Verschiebung der Target2-Umstellung könne niemand ein Interesse haben, auch, damit sie nicht länger Kapazitäten und Budgets binde. Stattdessen wird gefordert, dass die Notenbanken endlich die Systemfehler angehen und – so drückt es ein Insider aus – “bei der Kommunikation an Klarheit gewinnen” sollen. Hintergrund: Dem Vernehmen nach fühlen sich Banken und Sparkassen vom “Eurosystem” unter anderem unzureichend informiert, wie der Projektstatus in anderen Ländern und insbesondere kleineren Banken ist.

Bei dem Target2-Projekt knirscht es schon lange. Nach dem von Finanz-Szene im März 2021 publik gemachten Auftragsstopp hatte eine Antwort des damaligen Bundesbank-Präsidenten Jens Weidmann auf eine parlamentarische Anfrage des FDP-Abgeordneten Frank Schäffler weitere Zweifel am Zeitplan geweckt. So betonte Weidmann seinerzeit, die Target2-Konsolidierung sei “wesentlich komplexer als vergleichbare Projekte aus der Vergangenheit”. Zudem sprach er von “Sonderfaktoren”, die eine “intensive Analyse und Bewertung des gegebenen Zeitplans und Kostenrahmens” erforderten. Trotzdem betonten Bundesbank und EZB damals und tun dies bis heute: Der Zeitplan werde selbstverständlich eingehalten.

Am Montag nun hieß vonseiten der Bundesbank auf Anfrage von Finanz-Szene:

“Im Eurosystem laufen die Projektarbeiten derzeit auf Hochtouren. Bereits seit einigen Monaten wird die Software unter Beteiligung von Banken und in Target2 verrechnenden Zahlungs- und Clearingsystemen getestet. Diese Phase dient dazu, noch vorhandene Mängel zu identifizieren und durch entsprechende Anpassungen zu beheben. Projektstatus, Vorbereitungsstand der Märkte und Testfortschritte werden engmaschig überwacht und analysiert. Wir arbeiten mit Hochdruck an dem Projekt. Dabei haben wir auch unsere Verantwortung hinsichtlich der Finanzmarktstabilität im Blick. Mit der Kreditwirtschaft stehen wir über unsere etablierten Arbeitsgruppen sowie im Rahmen regelmäßiger Zusammenkünfte und bilateraler Gespräche in ständigem Kontakt.” 

Laut unseren Informationen sollen Vertreter der Deutschen Kreditwirtschaft und der Bundesbank am 21. September zu einem erneuten Austausch zur Bewertung der Lage zusammenkommen.

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