Kurz gebloggt

Tomorrow: 90 Cent Ertrag – und demnächst dann ein Unicorn …

13. Oktober 2020

Von Christian Kirchner

Der Aufbau der Hamburger Neobank „Tomorrow“ hat in den vergangenen drei Jahren rund 8 Mio. Euro verschlungen – wogegen überschaubare Erlöse von 40.000 Euro im vergangenen Jahr und 220.000 Euro in den ersten acht Monaten dieses Jahres stehen. Das geht aus der sogenannten „Anlagebroschüre“ hervor, die Tomorrow gestern im Zuge seiner umstrittenen Crowdfunding-Kampagne veröffentliche hat. Weitere Eckdaten: Per Ende September verfügte Tomorrow über 53 Mitarbeiter sowie 40.200 Kunden, die wiederum 73 Mio. Euro Einlagen stellten, also rund 1.800 Euro im Schnitt.

Aus den Zahlen lassen sich näherungsweise Schlüsse auf das Kundenverhalten ziehen:

  • Im dritten Quartal belief sich das Transaktions-Volumen (inklusive Abhebungen) nach Angaben von Tomorrow auf 177 Mio. Euro. Macht 4.400 Euro pro Kunden. Nun bleibt unklar, ob es sich tendenziell eher um Transaktionen handelt, an denen das Fintech verdient (Kartenzahlungen), oder um solche, die das Fintech gegebenenfalls Geld kosten (Abhebungen). Aber immerhin: In jedem Fall scheinen die Kunden einigermaßen aktiv zu sein.
  • Das durchschnittliche Einlagevolumen beträgt rund 1.800 Euro je Kunde. Das ist sehr beachtlich, wenn man bedenkt, dass es bei N26, als N26 in etwa so lange am Markt war wie Tomorrow heute, nur rund 500 Euro waren.
  • Wenn es stimmt, dass (siehe weiter unten) nur 10% der Kosten (also rund 800.000 Euro) ins Marketing geflossen sind, dann hat Tomorrow überdies extrem überschaubare Kundenakquise-Kosten – nämlich nur rund 20 Euro pro Kunde. Freilich: Wir haben es hier (siehe ebenfalls weiter unten) mit untestierten Zahlen zu tun und (siehe nochmal weiter unten die „sonstigen Kosten“) Angaben, die alles in allem ein bisschen Pi-mal-Daumen-haft anmuten.
  • Unbefriedigend erscheint freilich, dass Tomorrow in diesem Jahr im Monatsschnitt erst 27.500 Euro Umsatz gemacht hat. Legt man die Kunden-Entwicklung dagegen, kommt man (wenn wir unterstellen, dass bei den Umsätzen der Trend unterjährig eher nach oben ging) auf irgendwas um die 80-90 Cent pro Kunde und Monat – wobei das monatlich 15 Euro teure Premium-Konto zugegebenermaßen erst im März eingeführt wurde. Laut Auskunft einer Sprecherin stammen die Erträge „zum großen Teil aus dem Premium-Produkt Zero und weiteren Kosten rund um das das Konto“ (wie etwa der Gebühr nach der dritten Abhebung). Ohne jetzt zu viel hin- und herrechnen zu wollen: Der Anteil der Premium-Kunden unter den insgesamt 40.200 Kunden dürfte zumindest nicht wesentlich höher als 10% sein. Da erstaunt das Selbstbewusstsein von Gründer Michael Schweikart, der den potenziellen Crowd-Anlegern neulich im Süddeutsche-Interview indirekt die Steigerung des Unternehmenswerts auf 1 Mrd. Euro in Aussicht stellte.

Kommen wir zur Crowd-Kampagne: Konkret wirbt Tomorrow für ein Investment zwischen 100 Euro und 25.000 Euro in ein „nachrangiges tokenbasiertes“ Genussrecht, das von der Crowdinvesting-Plattform Wiwin vermittelt und verwaltet wird. Das Fintech stellt den Kleinanlegern in Aussicht, entweder an ausgeschütteten Gewinnen bzw. einem Exit-Erlös zu partizipieren – oder aber im Falle einer Kündigung des Genussrechts rückwirkend 5% Zinsen per annum zu erhalten. Die Platzierung erfolgt zu einer Unternehmensbewertung von 50 Mio. Euro. Angaben über die Kosten der Platzierung gibt es weder in der Broschüre noch auf der Seite vom Crowdportal Wiwin.

Bemerkenswert: Die Tomorrow GmbH hat seit der Gründung 2017 noch keinen testierten Jahresabschluss im Bundesanzeiger veröffentlicht und plant nach eigener Aussage, dies auch erst mit dem 2020er-Abschluss erstmals zu tun. Um einen verbindlichen Wertpapierprospekt handelt es sich bei der nun vorgelegten Broschüre nicht – was vielleicht auch besser so ist. Denn bei der Aufschlüsselung der bisher aufgelaufenen Kosten hat sich Tomorrow grob verrechnet. So heißt es zum bisherigen Cashburn in Höhe besagter 8 Mio. Euro: „37% dieser Gelder sind in Personalkosten geflossen, 31% in Banking-Kosten, 10% in Marketing und 32% in sonstige Kosten“ – was in der Summe 110 Prozent ergibt. Auf Nachfrage von Finanz-Szene.de lieferte Tomorrow gestern eine Antwort, die sich mit „Upps“ zusammmenfassen lässt. Die sonstigen Kosten betrügen in Wirklichkeit nur 22%.

Tomorrow als reiner Dienstleister (Bank im Hintergrund ist die Solarisbank) bietet zwei Produkte an: Ein kostenloses Konto namens „Tomorrow Free“ sowie ein kostenpflichtiges namens „Tomorrow Zero“ für 15 Euro pro Monat mit unbegrenzt kostenfreien Abhebungen, einer Visa Debitkarte, sogenannten „Pockets“ (das sind Unterkonten) sowie dem Versprechen, einen Beitrag zu Klimaschutz zu leisten (Hintergrund: Tomorrow gibt sich schon vom Start weg ein „grünes“ Image). Interchange-Gebühren fließen nach Abzug der eigenen Kosten ebenfalls in Klimaschutzprojekte.

Sollte sich demnächst neuer Kapitalbedarf ergeben oder die Kampagne durchstarten: Laut Punkt 14, Satz 1 der Genussrechts-Bedingungen kann Tomorrow das Emissionsvolumen erhöhen, und zwar von den geplanten 2 Mio. Euro auf dann 8 Mio. Euro.

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