Exklusiv

Wall Street vs. N26? Das Berliner Banking-Projekt von J.P. Morgan

9. Mai 2022

Von Georgia Hädicke

Natürlich können auch wir mal danebenliegen. Bei der Geschichte “J.P. Morgan plant Eintritt in deutschen Robo-Advisor-Markt” allerdings waren wir uns doch recht sicher, dass uns unsere Quellen keinen Blödsinn erzählt hatten. Umso erstaunlicher, das Deutschland-Chef Stefan Povaly in unserem gestrigen Podcast erst mal Luft aus der Sache ließ. Digitale Vermögensverwaltung? Das sei erstmal ein reines UK-Thema, betonte Povaly. Eventuell würde man es später dann auch in “anderen Märkten inklusive Deutschland” probieren. Aber nix Akutes.

Okay – nahmen wir erstmal so hin. Bis wir gestern Morgen dank dezenter Hinweise aus unserer Podcast-Hörerschaft des Umstands gewahr wurden, dass J.P. Morgan in Deutschland kürzlich eine Reihe neuer, hochspannender Stellen ausgeschrieben hat. Und zwar nicht am “neuen europäischen Banking-Hub” Frankfurt (über den Povaly im Podcast ja viele lobende Worte verloren hat), sondern: in Berlin. Was uns an dieser Stelle einigermaßen fundiert vermuten lässt: Irgendwas plant J.P. Morgan da weiterhin – und zwar so konkret, dass dafür allem Anschein nach ein neuer Standort in der deutschen Fintech-Metropole entstehen soll.

Um es gleich zu vorwegzunehmen: J.P. Morgan wollte Fragen zu dem Berliner Vorhaben gestern nicht kommentieren. Weswegen uns an dieser Stelle nur die Exegese der Stellen-Ausschreibungen bleibt. Die erweisen sich indes als spannende Lektüre.    

  • Ausgeschrieben sind – zu finden sowohl auf J.P. Morgans hauseigener als auch auf diversen externen Jobbörsen – derzeit sechs Stellenangebote. Davon alleine drei Management-Positionen sowie eine HR-Rolle, die laut Aufgabenprofil den Aufbau “einer Talent-Strategie für ein schnell skalierendes Startup” verantworten soll. Klingt also schon mal nach mehr als einem Auffangbecken für ein paar pendelunwillige IT’ler. Sondern nach dem strategischen Plan, sich eher früher als später (auch) räumlich nahe an den hiesigen Fintechs wie N26 oder Trade Republic zu positionieren.    
  • Bleibt die Frage: Mit was denn nun genau? Führungskräfte werden jeweils für die Bereiche “Banking Operations”, “Fraud Operations” und “Everyday Banking” gesucht – Positionen also, die sich in leichten Abwandlungen durchaus auch in einer Neobank finden. Der konkreteste Hinweis auf das bzw. ein Produkt findet sich in Gestalt einer Aufgabenbeschreibung für die Produktentwicklung: “Establish and manage the German card portfolio and steer the Girocard integration from scratch for the German market as part of the ‘Move Money’ product tribe.” Oha, ein Wall-Street-Player, der sich über die Girocard Gedanken macht.
  • An dieser Stelle müssen wir nun doch  ins Spekulative abdriften: Könnte es sein, dass J.P. Morgan da keinen bzw. nicht nur einen Robo-Advisor, sondern fürwahr eine deutsche Neobank baut? Mit Blick auf die “Erstmal UK, dann andere Märkte inklusive Deutschland”-Reihenfolge wäre das zumindest plausibel: Nutmeg, der UK-Robo-Advisor, wurde von J.P. Morgan vor rund einem Jahr mit dem Ziel übernommen, das Angebot der digitalen Retailbank Chase um eine Investment-Lösung zu erweitern. Chase ging im Herbst 2021 im Vereinigten Königreich an den Start, in Konkurrenz zu lokalen Challenger-Banken wie Monzo oder Starling.
  • In unserem Podcast tätigte Povaly lediglich die Aussage, man sehe bei deutschen Fintechs ein “Wachstumsgebiet, wo wir neue Leute einstellen und sicherstellen, dass wir nahe dran sind“. So nahe immerhin, dass die Berliner Adresse in einem Co-Workingspace angesiedelt ist – das auch bereits das ein oder andere Fintechs beherbergt, Penta zum Beispiel. 

Wie J.P. Morgan zur fünftgrößten deutschen Bank aufstieg

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