Analyse

5 Mrd. Euro! Ist Trade Republic bald mehr wert als Robinhood?

7. Juni 2022

Von Caspar Schlenk und Christian Kirchner

Nach den schlechten Nachrichten der vergangenen Wochen war die Meldung am Freitagmittag fast wie ein Befreiungsschlag für die deutsche Fintech-Szene: Das Geldanlage-Startup Trade Republic gab eine Finanzierungsrunde über 250 Mio. Euro bekannt. Die Bewertung stieg dabei leicht von 4,3 Mrd. Euro bei der letzten Runde im Mai 2021 auf nunmehr fünf Mrd. Euro. Vor dem Hintergrund der Entlassungswellen bei anderen prominenten Finanz-Startups und der miesen Stimmung unter Startup-Investoren ließ sich jeder Anstieg als ein Erfolg verbuchen. Einstige Fintech-Stars wie Klarna stehen aktuell vor Abwertungen durch ihre Geldgeber, sogenannte Downrounds.

Die Erfolgsnews in einer schwierigen Zeit führt nun zu einer sonderbaren Situation: Während das US-Vorbild Robinhood mit grundlegenden Problemen zu kämpfen hat und an der Börse zurzeit noch mit 7,6 Mrd. Dollar (7,2 Mrd. Euro) bewertet wird, nähert sich Trade Republic mit seinem neuen Firmenwert der amerikanischen Firma an. Zur Erinnerung: Vor weniger als einem Jahr brachte es Robinhood an der Börse noch auf 45 Mrd. Dollar Firmenwert – seitdem ging es rasant bergab.

Der Berliner Konkurrent konnte seine Firmenbewertung in diesem Zeitraum hingegen von besagten 4,3 Mrd. Euro auf fünf Mrd. Euro steigern. Das ist allerdings ein Wert, der das neu investierte Geld allerdings mit einschließt. Dabei ist Trade Republic zurzeit noch wesentlich kleiner. Es dürfte bei den Kundenzahlen bei schätzungsweise zwischen zwei und drei Millionen liegen. Robinhood bringt es dagegen auf 22,8 Millionen.

Wachstum hält bei Trade Republic an

Schon länger haben sich die öffentlichen Finanzmärkte und die sogenannten privaten Märkte entkoppelt, die Wagniskapitalgeber bezahlen teilweise noch immer höhere Firmenbewertungen als die Geldgeber der börsennotierten Digital-Firmen. Langsam nähern sich die Werte jedoch an. Denn die Market Caps der börsennotierten Firmen gelten als Orientierung für Venture Capitalists. Denn irgendwann müssen die Startups an die Börse gehen oder werden verkauft. Komplett lässt sich der Unterschied also nicht damit erklären.

Das Problem der Analyse: Trade Republic veröffentlicht nur wenige Geschäftszahlen. In der aktuellen Pressemitteilung verzichtet es komplett auf neue Zahlen, die Hinweise zur Entwicklung geben. Letzte kommunizierte Kundenzahl ist „mehr als eine Million“ Kunden und mehr als sechs Milliarden Euro an Vermögen, das das Unternehmen für seine Kunden verwaltet.

Aus der Branche ist jedoch zu hören, dass das Wachstum bei Trade Republic anhält. Die Zwei-Millionen-Kunden-Grenze dürfte das Unternehmen schon längst geknackt haben. Gerade die Expansion in neue Märkte kann zu einem schnellen Wachstum führen. Denn in anderen Ländern ist es einfacher für das Fintech, eine digitalaffine Zielgruppe zuerst zu erreichen. Diese Kundengruppe ist in Deutschland schon stärker abgegrast. Die Berliner Firma ist mittlerweile in sechs europäischen Märkten aktiv.

Bei dieser Dynamik unterscheiden sich die Rivalen: Robinhood enttäuschte zuletzt bei den Geschäftszahlen. Die Zahl der monatlich aktiven Nutzer sank im Vergleich zum starken Vorjahresquartal auf 15,9 Mio. Nutzer. Mitte des vergangenen Jahres waren es rund fünf Millionen mehr – und auch andere wichtige Kennzahlen wie beispielsweise die Umsätze fielen. Denn Robinhood ist zum einen größer, dabei wird das Wachstum zunehmend schwieriger. Zum anderen ist es von Hypes wie um die Aktie des Computerspiele-Verkäufer Gamestop oder die Spaßwährung Dogecoin abhängig. Eine schrumpfende und gleichzeitig verlustreiche Firma kommt an allen Geldgebern nicht gut an.

Trade Republic dürfte weiter wachsen und versucht schon länger stärker seine Sparplan-Funktionen in den Vordergrund zu stellen. Eine Funktion, die die Abhängigkeit von Börsen-Hypes kleiner machen. Die schlechten Zahlen des Rivalen können auch ein Signal für den neue Geldgeber sein: Wir sind besser aufgestellt.

Dreht die Stimmung?

Allerdings: Auch bei Trade Republic wird sich die aktuelle Börsenentwicklung in den Geschäftszahlen bemerkbar machen. Inoffizielle, allerdings von Marktteilnehmern als glaubwürdig etikettierte Handelszahlen der LS Exchange zeigen, dass die Aktivitäten seit Beginn des Jahres abgenommen haben. Es ist der Handelsplatz, über den einen Großteil der Trades des Berliner Startups abgewickelt werden. Anfang des Jahres lag das durchschnittliche Handelsvolumen pro Tag noch bei 263 Millionen Euro und 171.000 Trades. Die Werte sanken im vergangenen Monat immer weiter: auf durchschnittlich 169 Mio. Euro pro Tag an Handelsvolumen und 103.000 Trades. Es handelt sich dabei um den schwächsten Monat seit Oktober 2020 bei der Anzahl und dem niedrigsten Volumen seit September 2021. Jeder Broker ist von den Marktphasen abhängig, es wird schwierig sein, für das Unternehmen dagegen zu steuern.

Ursprünglich visierte das Team um Gründer Christian Hecker eine weitaus höhere Unternehmensbewertung an, wie Deutsche Startups berichtete. Zudem soll ein Geldgeber bei einem Investment-Angebot, das die Firma im Mai diskutierte, eine Mindestverzinsung von „mindestens rund 8 bis 10 Prozent pro Jahr“ gefordert haben, um sein Risiko abzusichern, berichtete das Manager Magazin. Welche Zugeständnisse die Firma im Hintergrund gemacht, ist derweil nicht bekannt.

Das Geld gibt Trade Republic nun einen Puffer, sich zu beweisen. Die steigenden Zinsen spielen Trade Republic dabei in die Karten. Bislang war es ein Wettbewerbsvorteil, dass Robinhood das Geld auf den Kundenkontos anlegen konnte und einen kleinen Zins dafür bekam. Durch die Zinswende könnte dies nun auch für das Berliner Fintech eine weitere Einnahmequellewerden. Damit wäre das Startup nicht mehr so abhängig von den Rückvergütungen. Die Europäische Union diskutiert zurzeit ein Verbot des sogenannten „Payment for Orderflow“. Deutschland hat sich allerdings dagegen positioniert. Ob es kommt, ist unklar.

Ein Showdown steht bevor

Auch hat sich Robinhood nie nach Europa getraut – ein Wettbewerbsvorteil für Trade Republic. In einer der Phase der Stärke brach der US-Player die geplante Expansion nach Großbritannien ab. Damals testete das Unternehmen auch den deutschen Markt. Amerikanische Fintech-Anbieter tun sich traditionell schwer, nach Europa zu kommen.

Doch Robinhood wagt nun einen neuen Anlauf: Es hat den britischen Kryptoanbieter Ziglu für 170 Mio. Dollar gekauft und will damit auch stärker nach Europa expandieren, wie es in einer Mitteilung heißt. Dann werden sich die beiden Unternehmen direkt miteinander messen können.

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