Exklusiv

Erstmals überhaupt entschlüsselt: Das Geschäftsmodell von SumUp

27. November 2020

Von Thomas Borgwerth

Mit vielem da draußen haben wir uns abgefunden. Dass Fintechs ihre Geschäftsberichte verspätet veröffentlichen – geschenkt. Dass Fintechs ihre Geschäftsberichte überhaupt nicht veröffentlichen – ist halt so. Und, um das ganz klar zusagen: Natürlich kann es vorkommen, dass ein Abschluss im Nachhinein korrigiert werden muss. Nicht nur Fintechs passiert das!

Und damit zu SumUp, dem größten deutschen bzw. deutschstämmigen Fintech überhaupt. Bei SumUp nämlich liegen die Dinge ein wenig anders. So hat die mutmaßliche operative Kerngesellschaft des Payment-Darlings für 2018 nicht nur einen, sondern zwei (!) Abschlüsse veröffentlicht. Wobei die Zahlen des einen mit den Zahlen des anderen nicht die geringste Ähnlichkeit aufweisen; manche Kennziffern weichen grob gesagt um den Faktor 1000 voneinander ab. Ein Täuschungsmanöver? Wir wissen es nicht. Was wir dagegen wissen: Der glaubwürdigere der beiden Abschlüsse ist so etwas wie der heilige Fintech-Gral!!!

Denn: Er erlaubt (anknüpfend an unsere letztwöchige Story „SumUp gesteht schwere Umsatzeinbußen – und verletzt Kreditklauseln“) erstmals überhaupt einen tiefen, tiefen Einblick in das Geschäftsmodell eines der geheimnisvollsten und zugleich höchstgewetteten europäischen Finanz-Startups.

Unser „Deep Dive“:

1.) Wie hoch sind die Erträge von SumUp?

Nach übereinstimmenden Medienberichten, die mutmaßlich auf Indikationen seitens des Unternehmens beruhen, erwirtschaftete SumUp 2018 Erträge in Höhe von rund 200 Mio. Euro – und damit mehr als viermal so viel wie N26. Der von Finanz-Szene.de entdeckte Abschluss der SumUp Payments Limited (also der mutmaßlichen operativen Kerngesellschaft) weist dagegen nur Erträge in Höhe von 60,4 Mio. Euro aus. Ob und wie die Diskrepanz zu erklären ist – dazu weiter unten mehr.

2.) Wo kommen diese Erträge her?

SumUp stellt kleinen, meist stationären Händlern Kartenlesegeräte zur Abwicklung von Kredit- oder EC-Kartenzahlungen zur Verfügung. Anders als klassische Terminalbetreiber erhebt SumUp für die Nutzung der Geräte keine Grundgebühr, sondern lediglich Transaktiongebühren („Service Fees“). Weitere Erträge kommen aus dem Verkauf der Mini-Terminals.

Bei der SumUp-Payments Limited verteilten sich die Erträge 2018 wie folgt:

  • Geräteverkauf: 8,9 Mio. Euro
  • Transaktionsgebühren: 50,6 Mio. Euro

SumUp gesteht schwere Umsatzeinbußen – und verletzt Kreditklauseln

3.) Ist SumUp profitabel – und wenn ja, wie profitabel?

Die SumUp Payments Limited weist für 2018 tatsächlich einen Gewinn aus, und zwar in Höhe von 3,8 Mio. Euro. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass die gesamte Gruppe profitabel arbeitet. Auch hierzu weiter unten mehr.

Interessant ist nun, wie stark sich dabei das Servicegeschäft (ungemein profitabel) vom Geräteverkauf (ungemein unprofitabel) unterscheidet. Zunächst einmal kommt diese Abweichung nicht überraschend. Von Druckerhersteller beispielsweise heißt es ja auch, dass sie nicht an den Geräten, sondern an den Patronen verdienen. Trotzdem lohnt ein näherer Blick auf die Zahlen …

4.) Wie viel Geld verliert SumUp mit dem Verkauf der Kartenlesegeräte?

Für die SumUp Payments Limited ist der Verkauf der Kartenlesegeräte allem Anschein nach ein gigantisches Verlustgeschäft. Umsatzerlösen in Höhe von 8,9 Mio. Euro stehen Aufwendungen für bezogene Waren von 28,3 Mio. Euro und Versandkosten von 3,5 Mio. Euro gegenüber. Hieraus ergibt sich ein negativer Rohertrag von 23 Mio. Euro.

Laut Internetseite gibt es die Mini-Terminals in drei Varianten zu 29 Euro, 99 Euro und 159 Euro. Mal ein wenig rumgerechnet: Bei einem geschätzten mittleren Verkaufspreis von 50 Euro ergäbe sich (8,9 Mio. Euro Umsatz geteilt durch 50 Euro …) ein Verkaufsvolumen von grob 180.000 Geräten. Und selbst wenn man davon ausginge, dass ausschließlich die billigste Variante (die allerdings ohne Nachlass) verkauft würde, käme man lediglich auf (8,9 Mio. Euro Umsatz geteilt durch 29 Euro) rund 300.000 Stück.

Laut einer Pressemitteilung vom 21. November 2017 verzeichnete SumUp zu diesem Zeitpunkt aber bereits 2.000 Neukunden pro Tag; legt man diese Zahl auch für 2018 zugrunde (ohne von weiterem Wachstum auszugehen), landet man bei etwa 250 Arbeitstagen bei einer Größenordnung von rund 500.000 Lesegeräten pro Jahr.

Wir baten SumUp diese Woche, uns die Zahlen doch bitteschön zu erklären (bzw. sie in Einklang zu bringen), erhielten hierzu aber wie auch auf alle anderen Fragen keine Antwort. Eine Sprecherin des Unternehmens schrieb uns lediglich per E-Mail:

„Wir sind jederzeit offen für Gespräche und Fragen bezüglich der Fintech-Szene, zu Fragen rund um Zahlungsthemen sowie zur allgemeinen strategischen Ausrichtung SumUps – dies tun wir regelmäßig mit zahlreichen Journalisten weltweit. Allerdings haben Sie sicherlich Verständnis dafür, dass wir – wie jedes andere private Unternehmen auch – keine Auskünfte zu konkreten finanziellen und rechtlichen Details geben. Daher können wir Ihre Fragen nicht weiter kommentieren.“

Kommen wir zu den Einkaufspreisen: Hier errechnet sich (wenn man von einem Einkaufsvolumen von 300.000 Geräten ausgeht) auf Basis besagter 28,3 Mio. Euro ein Durchschnittswert von gut 94 Euro pro Gerät; geht man von 500.000 Lesegeräten aus, wären es 57 Euro.

Ohne tiefere Kenntnisse des technischen Aufbaus eines solchen Lesegeräte zu besitzen, erscheint uns selbst der niedrigere Preis einigermaßen sportlich, da die Terminals in ihrer einfachsten Ausstattung lediglich eine Karte erkennen und identifizieren müssen – um diese Information dann mittels Drahtlosverbindung an ein Smartphone weiterzuleiten, auf dem eine App zur Zahlungsabwicklung installiert ist. Wie viel darf so ein Gerät im EK kosten? 50 Euro? Oder nicht doch eher 15 Euro? Auch zu dieser Frage hätten wir uns gerne von SumUp zumindest ganz grob aufschlauen lassen – aber wie gesagt, das gemessen an der Zahl der Mitarbeiter und dem kursierenden Umsatz größte aus Deutschland heraus gegründete Fintech antwortet auf solcherlei Fragen grundsätzlich nicht.

Interessanterweise werden die Lesegeräte ausschließlich gruppenintern über die in Berlin ansässige SumUp Services GmbH bezogen. Ein entsprechender Hinweis findet sich Im Anhang des besagten Abschlusses der besagten SumUp Payments Limited. Dort wird für die deutsche Service-Gesellschaft ein Einkaufsvolumen genannt wird, das exakt dem Einkaufsvolumen in der GuV der britischen Gesellschaft bentspricht. Leider veröffentlicht die SumUp Services GmbH schon seit Jahren keinen Abschluss mehr. Sonst könnte man die Gewinnspanne der Lesegeräte hier nachvollziehen.

Eine Idee der Finanz-Szene.de-Redaktion war es, die Angebote von SumUp mittels eines Quervergleichs mit den Angeboten des schwedischen Konkurrenten iZettle besser zu verstehen (die beiden Unternehmen werden im öffentlichen Diskurs gern miteinander verglichen). Wir stellten jedoch fest, dass iZettle nicht nur die Möglichkeit des mobilen Bezahlens anbietet, sondern regelrechte Kassensysteme auf dem Tablet. Ein Vergleich erschien uns daher nicht zweckmäßig, da man iZettle vielleicht eher in Konkurrenz zu einem Kassensystem-Anbieter wie z.B. Orderbird sehen sollte. Oder anders gesagt: Die von iZettle angebotene App sowie Lese- und Peripheriegeräte können nach unserem Verständnis deutlich mehr als die Kartenlesegeräte von SumUp, sind aber auch signifikant teurer.

5.) Wie viel Geld verdient SumUp mit den Transaktionen?

Laut Angaben im Anhang zum Jahresabschluss stehen den vereinnahmten „Service Fees“ in Höhe von 50,6 Mio. Euro gezahlte Gebühren (im wesentlichen Acquiring- und Interchange-Gebühren) von 20,5 Mio. Euro gegenüber. Es errechnet sich ein positiver Rohertrag von 30,1 Mio. Euro. Somit würde SumUp im Kerngeschäft eine Bruttomarge erwirtschaften, mit der sich durchaus große Kostenblöcke decken ließe.

Die Sache ist nur: Leider finden wir in der 2018er-Bilanz der SumUp Payments Limited diese Kostenblöcke nicht. Wir vermuten, dass sich diese Kostenblöcke eher auf diverse SumUp-Gesellschaften in Deutschland, Irland oder Bulgarien. Da auch diese Gesellschaften ihre Zahlen mit erheblichem zeitlichem Verzug publizieren bzw. das bulgarische Handelsregister für uns nicht zu lesen ist, läuft die Analyse an dieser Stelle in eine Sackgasse. Machen wir also anders weiter …

Den Angaben auf der Internetseite von SumUp folgend, beträgt die Gebühr, die der Terminal-Spezialist für Kreditkarten-Abrechnungen erhebt, bei 2,5%; für Zahlungen mit EC-Zahlungen werden 0,9% fällig. Fixe Gebühren, wie bei klassischen Terminal-Herstellern, fallen nicht an.

Setzt man bei den EC-Zahlungen als Aufwand für SumUp 0,2% an (also die Interchange), ergibt sich eine Marge von 0,7%. Die Aufwendungen für die Kreditkarten-Zahlungen zu schätzen, ist deutlich schwieriger. Diese dürften aber irgendwo zwischen 1% und 1,5% liegen. Womit für SumUp eine Marge zwischen 1% und 1,5% verbliebe.

Mal grob überschlägig gerechnet: Bei ausgewiesenen „Interchange fees“ (geschätzter Satz von ca. 0,4%) von 9,6 Mio. Euro und einem Umsatz von 50 Mio. Euro könnte das Transaktionsvolumen von SumUp grob in der Größenordnung zwischen 2,5 Mrd. und 3,0 Mrd. liegen. Klingt zumindest nicht unplausibel. Und wäre für ein derart junges Unternehmen (SumUp wurde 2012 in Berlin gegründet, sitzt aber mittlerweile in London) beachtlich.

6.) Ist SumUp eigentlich ein Terminal-Betreiber – oder nicht doch eher so etwas wie ein Acquirer?

Das ist in der Tat eine spannende Frage. Denn schauen Sie mal hier …

Die Transktionen, über die wir hier die ganze Zeit reden, stellen sich nach unserem Verständnis wie folgt dar: Die Zahlung des Konsumenten kommt beim Acquirer an, es entsteht eine Forderung bei SumUp gegenüber dem Acquirer und eine Verbindlichkeit gegenüber dem Händler (Merchant) …

[Exkurs: Weiß eigentlich irgendein Leser, wer der Acquirer von SumUp ist?]

Der Acquirer zahlt aber nicht an den Händler direkt, sondern zahlt auf ein Konto von SumUp ein. Bei SumUp verschwindet die Forderung und es entstehen liquide Mittel. Mit zeitlichem Nachlauf bezahlt SumUp den Händler, die liquiden Mittel reduzieren sich und die Verbindlichkeit gegenüber dem Händler verschwindet. Anders gesagt: Rein buchhalterisch betrachtet mutet das Geschäftsmodell von SumUp für uns wie das Geschäftsmodell eines „echten“ Acquirers an. Sprich: Anders als klassische Terminal-Betreiber steht SumUp selbst im Zahlungsfluss .

Womöglich wäre es noch einmal eine eigene Recherche wert (wobei: Das ist vermutlich eher was für die Feinschmecker unter den Feinschmeckern), wie das regulatorische Konstrukt dahinter aussieht. Denn klassischerweise wäre es doch eigentlich so, dass eine Gesellschaft wie SumUp (also eine Gesellschaft mit E-Money-Lizenz aber ohne Banklizenz) keinen Zugriff auf das Geld der Händler haben dürfte, oder sehen wir das falsch?

Jedenfalls, in den AGBs von SumUp steht:

„Der SumUp-Account wird auf einem der Server von SumUp registriert. In Übereinstimmung mit den regulatorischen Pflichten wird SumUp eine Summe in Höhe des dem Nutzer geschuldeten Betrags getrennt von dem übrigen, eigenen Guthaben von SumUp, aber zusammen mit im Namen anderer SumUp-Nutzer gehaltenen Guthaben, in einem separaten Bankkonto vorhalten.“

Daraus folgt nach unserem Verständnis, dass Forderungen, liquide Mittel sowie Verbindlichkeiten, die aus dem Zahlungsfluss entstehen, auf separaten Konten gebucht und auch im Abschluss separiert werden müssten. Genau dieses Procedere bildet der 2018er-Abschluss der SumUp Payments Limited aber buchhalterisch nicht ab. Und auch in der Cashflow-Rechnung werden die Zahlungsüberschüsse aus der verspäteten Zahlung der Händler als operativer Cash gezeigt, was so unserem Verständnis nach eigentlich nicht der Fall sein sollte.

Natürlich haben wir SumUp auch hierzu befragt, allerdings (siehe oben) auch hierzu keine Antwort erhalten.

7.) Wie viel Umsatz ist es denn jetzt? 60 Mio. Euro oder 200 Mio. Euro?

An dieser Frage hatten wir uns letztes Jahr schon abgekämpft, und die Antwort bleibt: Wir wissen es nicht. Nach unserem Verständnis ist die SumUp Payments Limited die Gesellschaft, die das operative Kerngeschäft in Europa abbildet. Wenn dieses Unternehmen in 2018 nun 60 Mio. Euro umsetzte, bleibt eine Lücke von 140 Mio. Euro zu den allseits kolportierten 200 Mio. Euro. Wie letztes Jahr schon geschrieben, könnte es sein, dass das Brasilien-Geschäft einen Teil dieser Lücke schließt … Aber all das bleibt Vermutung. Wissen tun wir es nicht.

8.) Stimmt das mit den widerstreitenden Jahresabschlüsse denn überhaupt?

Ja.

  • Der eine Abschlus stammt vom 24. Dezember 2019, der andere vom 30. Oktober dieses Jahres
  • Die Zahlen haben wirklich nichts miteinander zu tun
  • Es finden Sie sich (es sei denn, wir hätten’s übersehen) auch keine Hinweise, dass es sich bei dem ersten Abschluss z.B. um einen vorläufigen Abschluss handeln könnte – oder bei dem zweiten um eine Korrektur des ersten
  • Fest steht: Die Abschlüsse beziehen sich auf die gleiche Gesellschaft. Im „Companies House“, also im britischen Handelsregister, wird die  SumUp Payments Limited unter der Register-Nr. 07836562 geführt. Der erste Abschluss nennt die Register-Nr. 07836562 gleich auf dem Deckblatt des Abschlusses. Beim zweiten findet sich die Zahl auf Seite 2. Bei beiden Abschlüssen muss es sich also um Abschlüsse ein und derselben Gesellschaft handeln.

Vor allem der Abschluss vom 24. Dezember 2019 bleibt ein einziges Rätsel. Er war am 13. Dezember vom „Board of Directors“ genehmigt („approved“) worden. Allen Mitgliedern sollte der Inhalt des Abschlusses also bekannt gewesen sein.

SumUp-Schock: „Profitables“ Mega-Fintech tief in roten Zahlen

Woher, bitteschön, kommen die 200 Mio. Umsatz von SumUp?

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