Fintech unplugged (#2)

FintecSystems legt uns nach dem Exit exklusiv die Zahlen offen

7. Juli 2021

Von Heinz-Roger Dohms

In unserer neuen Serie „Fintech unplugged“ legen namhafte deutsche Fintechs exklusiv für Finanz-Szene.de ihre Geschäftszahlen offen. Heute am Start: FintecSystems, der Münchner API-Spezialist, der jüngst durch seinen 120-Mio.-Euro-Exit von sich reden gemacht hat. Wie viel Umsatz macht FintecSystems? Aus welchen Geschäften und Produkten stammen die Erträge? Ist die Gewinnschwelle schon erreicht? Und rechtfertigt all das den stattlichen Exit-Preis neulich? 

Was macht FintecSystems?

Im Lagebericht heißt es unter „Grundlagen der Gesellschaft, Geschäftsmodell, Strategie“:

„Die FinTecSystems GmbH unterstützt ihre Kunden mit den oben genannten Diensten (Anm.: Kontoinformationen und Zahlungsauslösung), damit diese ihre Prozesse wie z.B. Kreditanträge digitalisieren und automatisieren können. Weiterhin bietet die FinTecSystems GmbH ihren Kunden (vorwiegend Online-Shops) die Bezahlart ‚Onlineüberweisen‘ an.“

Tatsächlich ist das Geschäftsmodell mit diesen beiden Sätzen gut umrissen. FintecSystems, gegründet 2014, gehört neben Wettbewerbern wie Figo (heute: Finleap Connect), finAPI (inzwischen eine Tochter der Schufa) oder BANKSapi zu den typischen deutschen API/Open Banking-Fintechs. Das Produktangebot beruht im Kern auf der Fähigkeit, über „API“ genannte Programmier-Schnittstellen auf Bankkonten zuzugreifen und auf diesem Wege entweder Daten zu generieren („Kontoinformation“) oder einen Bezahlvorgang zu initiieren („Zahlungsauslösung“). Die Kunden der API-Fintechs sind typischerweise …

  • Bei der Kontoinformation: Banken, Fintechs, Versicherungen und andere Finanzdienstleister
  • Bei der Zahlungsauslösung: E-Commerce-Händler und Payment Service Provider 

Wichtig: Hinter den einzelnen Transaktionen steht immer ein Endkunde. Dieser veranlasst die Bank (z.B. beim Antrag eines Online-Kredite) oder einen anderen Finanzdienstleister (etwa einen „Personal Finance Manager“), auf das Konto bei seiner Hausbank zuzugreifen. Zwar sind es letztlich die API-Fintechs wie FintecSystems, die diesen Vorgang technisch ermöglichen. Für den Endkunden sind die Dienstleister aber kaum sichtbar.

Was machen die Zahlen von Fintecsystems?

Hier kommt exklusiv die 2020er-GuV. Sie ermöglicht erstmals überhaupt einen detaillierten Blick in die Ertragskraft der Münchner API-Spezialisten (Hinweis: Wir bilden nur die wesentlichen GuV-Positionen ab):

in Mio. Euro

2020

2019

Zinserträge

0,0

0,0

Zinsaufwendungen

0,0

0,0

Provisionserträge

5,5

3,1

Provisionsaufwendungen

0,0

0,0

Personalaufwand

-4,1

-3,1

Andere Verwaltungsaufwendungen

-1,3

-0,9

Jahresfehlbetrag

-0,1

-1,0

Verlustvortrag

-4,9

-3,9

Bilanzverlust

-5,0

-4,9

Man sieht: FintecSystems hat die Erträge im abgelaufenen Geschäftsjahr trotz Corona um drei Viertel auf 5,5 Mio. Euro steigern können, während umgekehrt die Verwaltungsaufwendungen nur um ein Drittel auf 5,4 Mio. Euro zulegten. Ein paar kleinere, in der Tabelle nicht aufgeführte Aufwendungen hinzugerechnet, blieb unterm Strich ein Jahresfehlbetrag von lediglich 134.000 Euro, eine markante Verbesserung im Vergleich zum Vorjahr (935.000 Euro). Als eines der wenigen deutschen Fintechs kratzte FintecSystems 2020 also bereits an der Profitabilität. Laut Finanzchef Rene Sauer sind die Münchner inzwischen sogar Ebit-positiv.  

Was lässt sich über die Erträge sagen?

Auch hierzu gibt der Jahresabschluss ein paar spannende Detailinformationen:

  • Zum Zwecke der Kontoinformation griff FintecSystems im vergangenen Jahr auf 1,8 Millionen Konten zu (wobei die Zahl der einzelnen Zugriffe ein Vielfaches betragen dürfte), Zahlungen wurden 3,1 Millionen ausgelöst. Wenn man alles in allem von vielleicht 15 Millionen bis 25 Millionen Vorgängen ausgeht (das ist jetzt eine seeeeehr grobe Schätzung unsererseits), dann ergibt sich gemessen an den Provisionserträgen ein durchschnittlicher Umsatz von vielleicht 20-30 Cent pro Vorgang
  • Der weit überwiegende Teil der Erträge entfällt auf die beiden Geschäftsfelder „Banking & Finance“ sowie „Payments / E-Commerce“. Dabei sei „Banking & Finance“ etwas größer als „Payments / E-Commerce, sagt Finanzchef Sauer.
  • Von den 5,5 Mio. Euro Umsatz entfallen rund 90% aufs Kerngeschäft (und also nicht auf Projektgeschäft). Die Chancen stehen also gut, dass sich diese Erträge verstetigen lassen.
  • Nicht einmal 50% der Provisionserträge (genauer: 2,6 Mio. Euro) entstammten aus inländischem Geschäft. 2,1 Mio. Euro wurden mit Kunden aus sonstigen EU-Ländern umgesetzt, 0,8 Mio. Euro mit Kunden aus Drittländern
  • FinTecSystems kam im Jahresmittel mit 45 Mitarbeitern aus, pro Kopf setzte das Fintech also gut 122.000 Euro um

120 Mio. Euro! Die wahre Dimension des Exits von FintecSystems

Was lässt sich über die Kunden sagen?

Zu den größten und bekanntesten Kunden von Fintecsystems gehören im Bereich der Kontoinformation …

  • Solarisbank
  • Check24
  • S-Kreditpartner
  • Smava
  • Santander Consumer Bank
  • Targobank
  • Erste Bank
  • Austrian Anadi Bank
  • Sberbank Europe

… sowie im Bereich der Zahlungsauslösung:

  • Bwin
  • WIRmachenDRUCK
  • Unzer
  • Trustly

Wie viel Geschäft der API-Spezialist mit solchen Partnern macht, gehört naturgemäß zu den Geschäftsgeheimnissen. Allerdings erscheint realistisch, dass die wirklich großen Kunden im Bereich der Kontoinformation inzwischen eine mittlere sechsstellige Summe jährlich an FintecSystems überweisen.

Wichtig hierbei: Die Münchner stehen mal mehr, mal weniger tief in der Wertschöpfung.  So kann ein großer Onlineshop, der die Whitelabel-Plattform von FintecSystems in seinen Checkout-Prozess integriert, vereinfacht ausgedrückt einfach nur die Zahlungsauslösung „bestellen“. Darüber hinaus bietet FintecSystems allerdings bei Bedarf auch diverse Analysefunktionen zur Unterstützung des Fraud- und Risk-Managements an.

Genauso ist es bei der Kontoinformation. Es gibt Banken (zum Beispiel die deutsche Santander), die sich im Rahmen ihrer Kreditprüfung von FintecSystems lediglich das Konto auslesen lassen. Es gibt aber auch Kreditanbieter, die die Berechnung der Kreditwürdigkeit als solche zum Teil an FintecSystems ausgelagert haben. So ist der „digitale Kontocheck“ von FintecSystems zum Beispiel integraler Bestandteil der Kreditantragsstrecke bei der DKB.

Herzstück der eigenen Risikoprüfung sei die sogenannte „Haushalts-Rechnung“, sagt René Sauer. Dabei handele es sich um eine Risikoeinschätzung, die sich auf den aus dem Kontodaten gewonnenen Cashflow des Kunden stütze. „Unsere Engine ist zum Beispiel in der Lage, in 99 von 100 Fällen den Gehaltseingang auf dem Kontoauszug exakt zu kategorisieren – sprich: Das normale Monatsgehalt von der Rente, vom Arbeitslosengeld, vom Bonuszahlung oder von den erstatteten Spesen zu unterscheiden.“ So zumindest sagt es Sauer.

Wie steht FintecSystems im Vergleich zur Konkurrenz dar?

Die Schufa-Tochter FinAPI kam laut dem Geschäftsbericht der Muttergesellschaft im Geschäftsjahr 2019 auf Umsätze in Höhe von 3,8 Mio. Euro, lag also vor Fintecsystems (3,1 Mio. Euro). Zudem erwirtschaftete finAPI (anders als FintecSystems) in jenem Jahr bereits einen Überschuss. Für 2020 haben bislang weder finAPI noch die Schufa Zahlen veröffentlicht.

Inwiefern sich die Zahlen von finAPI mit denen von FintecSytems vergleichen lassen, ist nicht ganz klar. Der Kaufpreis, den die Schufa Ende 2018 für finAPI auf den Tisch legte (geschätzte sehr grob 20 Mio. Euro zu einer Bewertung von geschätzten sehr grob 25 Mio. Euro) lag jedenfalls deutlich unter dem, den die FintecSystems-Eigner jetzt bei ihrem Exit erlösen (nach unseren Informationen rund 120 Mio. Euro). Freilich: Zwischen den beiden Unternehmensverkäufen liegen zweieinhalb Jahre.

Ein Vergleich der FintecSystems-Zahlen mit denen von Finleap Connect ist nur bedingt sinnig, da Finleap Connect in mehr bzw. anderen Feldern unterwegs ist als der Münchner Konkurrenz, darunter zum Beispiel der Kontowechsel-Service.

Stellt man die 2019er-Provisionerträge von Finleap Connect gegen die von FinTecSystems, dann waren die Berliner (4,9 Mio. Euro) seinerzeit deutlich größer als die Münchner (3,1 Mio. Euro). Oder anders gesagt: Finleap Connect erwirtschaftete 2019 schon fast so hohe Provisionserträge wie Fintecsytems ein Jahr später (5,5 Mio. Euro). Allerdings: Finleap Connect nahm hierfür auch ungleich höhere Verwaltungsaufwendungen (12,6 Mio. Euro) und einen Jahresfehlbetrag von 8,1 Mio. Euro in Kauf.

FintecSystems aus Sicht seiner Investoren: Hat sich der Exit gelohnt?

Die Kapitalrücklage (also quasi das Geld, das über die Jahre in FintecSystems investiert wurde) belief sich per Ende 2020 auf rund 5,5 Mio. Euro). Ausweislich des aktuellsten im Handelsregister einsehbaren Gesellschafterliste entfielen auf die externen Gesellschafter zuletzt 58% der Anteile. Wenn nun a) unsere Informationen, wonach der Kaufpreis bei rund 120 Mio. Euro gelegen haben dürfte, richtig sind, dann cashen die externen Gesellschafter nun also rund 70 Mio. Euro ein; geht man darüber hinaus b) davon aus, dass der überwiegende Anteil der eingezahlten 5,5 Mio. Euro komplett von den externen Investoren stammen, dann entspricht dies grob einer Ver-13-Fachung des investierten Kapitals.

Und wer sind die Glücklichen?

  • Der französischen Venture-Capital-Investor Ventech (29,56%)
  • Das deutsche Family Office Reimann Investors (24,85%)
  • Der Düsseldorfer Risikokapitalgeber Littlerock (3,60%)

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