Exklusiv

Holvi legt Vollbremsung beim Marketing hin. Was ist da los?

24. Januar 2021

Von Heinz-Roger Dohms und Thomas Borgwerth

Rund 90.000 Geschäftskunden hierzulande vertrauen auf die Dienste der Finnen-Startups Holvi, ist immer wieder zu lesen (z.B. neulich im „Handelsblatt“). Nur mal zur Einordnung: Das wären rund 50 Prozent mehr als die DKB in diesem Segment hat. Es wären mehr als 3x so viele wie das Berliner KMU-Banking-Startup Penta zählt. Und es wären sogar 7x so viele wie beim Deutsche-Bank-Angebot Fyrst. Wow!!!

Interessant, dass so ein Player (Holvi ist übrigens eine 100%-ige Tochter der spanischen Großbank BBVA) urplötzlich sein Affiliate-Marketing radikal auf Null fährt und gegenüber Partnern eine „neue Produktstrategie“ ankündigt, wie Finanz-Szene erfahren hat. Was ist da los? Wir haben uns dieses Holvi einfach mal ein bisschen näher angeschaut – und dem Unternehmen ein paar Fragen gestellt.

1.). Wir haben gesicherte Informationen, dass Sie zum Ende der vergangenen Woche Ihre Affiliate-Angebote zumindest über die Netzwerke von Tune und financeAds bis auf weiteres ausgesetzt haben. Gilt das auch für andere Marketing-Aktivitäten?

„Wir überprüfen unsere Marketingaktivitäten laufend, um sie den Marktbedingungen entsprechend anpassen zu können. Im Rahmen unseres Marketingplans für 2021 haben wir unser Affiliate-Programm vorerst eingestellt.“

2.) In einer uns vorliegenden Nachricht an Affiliate-Partner heißt es: „We’re developing our product strategy in an exciting new direction“. Was ist damit konkret gemeint?

„Wir überprüfen unser Produktangebot laufend, um den Bedürfnissen des Marktes und unserer Kunden gerecht zu werden. Der Kern unseres Produktangebots bleibt weiterhin bestehen. Wir werden Teile davon weiterentwickeln. Unsere Zielgruppe sind weiterhin Selbstständige in Europa, und wir werden unseren Kunden Änderungen mitteilen, sobald wir etwas zu kommunizieren haben.“

3.) Am 4. Februar 2020 berichtete „Finance Fwd“ unter Berufung auf dem Medium vorliegende „neuen Unternehmenszahlen“: „In absoluten Zahlen liegt Holvi, das sich vor allem auf Solo-Selbständige fokussiert, nun bei 90.000 deutschen Kunden.“ Da wir davon ausgehen, dass den Kollegen die besagten Zahlen von Holvi selber vorgelegt wurden, habe ich folgende Fragen: Würden Sie auch uns diese Zahlen zur Verfügung stellen? Oder uns wenigstens sagen, um was für eine Art von Zahlen es sich da handelte? Stammten diese beispielsweise aus einem testieren Abschluss?

„Wir haben zuletzt im Januar 2020 Kundenzahlen veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt meldeten wir 200.000 Kunden in ganz Europa und rund 90.000 Kunden in Deutschland.“

4.) Nochmal zu den 90.000 deutschen Kunden: Wie definieren Sie Kunde? Ist das gleich Downloads der App? Oder sind das diejenigen, die den KYC-Prozess durchlaufen und ein Konto eröffnet haben? Oder beginnt die Zählung womöglich noch später, zB bei der Aktivierung der Karte, ersten Transaktionen …? Da würde uns eine konkrete Antworten helfen, die Zahl besser einordnen zu können.

„Wir definieren einen Kunden als ein Unternehmen, das erfolgreich ein Konto bei uns eröffnet hat.“

5.) Im aktuellen Fact-Sheet wird die Zahl der Mitarbeiter mit „150+“ angegeben. Laut 2019er-Abschluss Ihrer Mutter BBVA waren es Ende 2019 jedoch erst 112. Heißt das, dass Sie 2020 dermaßen stark gewachsen sind? Oder hat die Diskrepanz einen anderen Grund, beispielsweise unterschiedliche Definition?

„Wir sind ein Wachstumsunternehmen und haben trotz der Corona-Pandemie auch im Jahr 2020 neue Mitarbeiter rekrutiert.“

6.) Ein „Handelsblatt“-Artikel vom 20.12.2020, der auf einem Gespräch mit einem der Holvi-Gründer zu basieren scheint, beginnt mit den Worten:  „Der Primus ist ein Finne. Unter dem Slogan ‚Mehr selbst, weniger ständig‘ umwirbt Holvi mit Hauptsitz in Helsinki und Berlin erfolgreich vor allem Selbstständige. Mit insgesamt 90.000 Geschäftskunden in Deutschland ist das Fintech-Unternehmen der Platzhirsch in diesem Segment unter den Neobanken.“ Verstehen wir richtig, dass Holvi also zwischen Anfang Februar 2020 und Mitte Dezember 2020 in Deutschland keinerlei Netto-Wachstum verzeichnet hat? Und wie kommt das, wo gemessen an der Mitarbeiterzahl doch offenbar ein weiterhin sehr aggressiver Expansionskurs gefahren wurde in den zurückliegenden rund zwölf Monaten?

„Die anhaltende Pandemie stellt eine Herausforderung für die Weltwirtschaft dar. Und trotz aller Bemühungen sind auch wir nicht verschont geblieben. Dennoch konnten wir im vergangenen Jahr Kundenwachstum verzeichnen.

Zuletzt haben wir im Januar 2020 Kundenzahlen veröffentlicht. Damals meldeten wir 200.000 Kunden in ganz Europa und rund 90.000 Kunden in Deutschland. Der vorliegende Bericht basiert auf diesen Zahlen.“

7.) Anhand der Abschlüsse der BBVA lässt sich nachvollziehen, dass Holvis sogenannter „Net carrying amount“ (also der Nettobuchwert) seit der Übernahme durch die BBVA 2016 deutlich gestiegen ist; so lag diese Kennziffer per Ende 2019 bei 55 Mio. Euro. Ohne es jetzt zu kompliziert machen zu wollen: Wir schließen aus den Veränderungen des Nettobuchwerts, dass Holvi durch die BBVA seit 2016 mindestens 46 Mio. Euro in Form von Kapitalerhöhungen zugeführt worden sind. Ist das richtig?

„Als Teil von BBVA, einem börsennotierten Unternehmen, kommentieren wir keine Unternehmenszahlen.“

8.) Aus dem 2016er-Abschluss geht nach unserer Lesart hervor, dass die BBVA damals für Holvi lediglich 9 Mio. Euro bezahlt hat [nachträgliche Anm. der Redaktion: „TechCrunch“ sprach damals von rund 100 Mio. Dollar]. Ist das richtig? Und schließt die Formulierung „Price Paid in the Transactions + Expenses directly attributable to the Transactions“ auch eine evtl. Übernahme von Schulden mit ein? Wir gehen davon aus – bitte korrigeren Sie uns, wenn wir da falsch liegen.

„Als Teil von BBVA, einem börsennotierten Unternehmen, kommentieren wir keine Unternehmenszahlen.“

9.) Im 2019er-Abschluss der BBVA ist im Zusammenhang mit der Tochter Holvi von einem „PBT cons.“ von minus 20 Mio. Euro die Rede. Dürfen wir also davon ausgehen, dass Holvi einen Vorsteuerverlust von 20 Mio. Euro erlitten hat? Und sehen wir richtig, dass das die 2019er-Zahl ist – und nicht etwa die 2018er-Zahl?

„Als Teil von BBVA, einem börsennotierten Unternehmen, kommentieren wir keine Unternehmenszahlen.“

10.) Können Sie uns irgendetwas zu ihren 2020er-Zahlen sagen? Gibt es irgendwelche Geschäftsberichte, die Sie uns zur Verfügung stellen können oder die möglicherweise sogar öffentlich zugänglich sind?

„Als Teil von BBVA, einem börsennotierten Unternehmen, kommentieren wir keine Unternehmenszahlen.“

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