IDnow steht zum Verkauf – es wäre der größte deutsche Fintech-Exit

18. März 2022

Von Heinz-Roger Dohms und Caspar Schlenk

Der deutschen Fintech-Branche könnte ihr bislang größter Exit bevorstehen. So sondiert Goldman Sachs nach Informationen von Finanz-Szene und Finance Forward derzeit einen möglichen Verkauf des Münchner KYC-Spezialisten IDnow – zunächst hatte der Fachdienst “Mergermarkets” hierüber berichtet. IDnow ist (neben WebID Solutions aus Berlin) einer der beiden großen hiesigen Spezialisten für Video-Ident und andere Verfahren zur Kunden-Identifikation bei Banken. Zu den Auftraggebern des 2014 gegründeten Fintechs gehören beispielsweise Sparkassen, Volksbanken, N26, die Solarisbank oder auch die Erste Group aus Österreich.

Insidern zufolge soll der mögliche Verkaufspreis auf Basis eines Umsatzes in Höhe von 70 Mio. Euro ermittelt werden. Diese Angabe überrascht auf den ersten Blick, da IDnow laut seines dieser Tage im Bundesanzeiger veröffentlichten Geschäftsberichts im Jahr 2020 erst auf Erlöse in Höhe von 21 Mio. Euro gekommen war. Allerdings: IDnow soll organisch angeblich mit grob 40% pro Jahr wachsen – womit die Münchner stand-alone für 2021 bereits auf einen Wert von etwa 30 Mio. Euro kämen. Zudem verfolgt IDnow, finanziert vom amerikanischen Private-Equity-Anbieter Corsair Capital, eine aggressive M&A-Politik und übernahm im vergangenen Jahr unter anderem den nicht viel kleineren französischen Wettbewerber Ariadnext. In Finanzkreisen wird der aggregierte 2021er-Umsatz daher auf grob 50 Mio. Euro geschätzt. Hieraus sollen sich dann für dieses Jahren basierend auf dem organischen Wachstumspotenzial von 40% die in Rede stehenden 70 Mio. Euro ergeben.

Die große Frage ist nun, welche Bewertung auf dieser Grundlage möglich ist. “Mergermarkets” nennt als mögliche Referenzgröße einen börsennotierten Spezialisten für Zugriffsmanagements namens Okta aus San Francisco. Übertrage man dessen Umsatz-Multiple auf IDnow, kämen die Münchner auf eine Taxierung von rund 900 Mio. Euro – was andere Quellen allerdings als zu hoch einschätzen. Dazu muss man wissen:

  • Für die Firmenbewertung wird essentiell sein, welcher Anteil der Umsätze durch automatisierte Identifizierungen kommen und wie viel auf den Service entfällt. Bei einer Videoidentifizierung braucht es große Callcenter mit Menschen. Potentielle Käufer werden Erträge von Diensten höher bewerten, die sich technisch automatisieren lassen
  • In Zahlen: Auch wenn IDnow für 2021 Umsatzerlöse von 21,3 Mio. Euro auswies – das Rohergebnis belief sich gerade mal auf etwas mehr als die Hälfte, nämlich auf 11,2 Mio. Euro. Sprich: Der (bilanziell gesprochen) Materialaufwand scheint bislang relativ hoch zu sein. Von Profitabilität war IDnow in 2020 entsprechend noch weit entfernt. Dem Rohergebnis von 11,2 Mio. Euro standen Personalaufwendungen von 13,7 Mio. Euro und sonstige betriebliche Aufwendungen (vor allem für Marketing und Vertrieb) in Höhe von 9,4 Mio. Euro gegenüber; unterm Strich stand ein Jahresfehlbetrag in Höhe von 12,6 Mio. Euro

Mithin: Ein höherer dreistelliger Millionenerlös (zum Vergleich: Beim Exit von Finanzcheck waren es 285 Mio. Euro, bei FintecSystems 120 Mio. Euro, bei Stocard 110 Mio. Euro) erscheint allemal realistisch – ein Milliardenerlös indes kommt uns eher ambitioniert vor.

Etwas diffus bleibt, warum Goldman Sachs ausgerechnet jetzt den Markt sondiert. Die Aktienkurse etlicher börsennotierter Fintechs sind in den vergangenen Monaten merklich gesunken, laut “Handelsblatt” haben zuletzt mehrere Fintechs (etwa: Pair Finance, Wikifolio) vergeblich den Exit gesucht. Viele potenzielle Investoren sind in Bezug auf Finanztechnologie-Startup bei weitem nicht mehr so euphorisch wie noch vor sechs oder zwölf Monaten.

Nicht ganz klar ist auch, in wessen Auftrag Goldman überhaupt unterwegs ist. Eine offizielle Mandatierung durch IDnow soll es noch nicht geben – wobei das auch nicht zwingend nötig sei, wie einer unserer Ansprechpartner sagt. Das gelte umso mehr für eine Gesellschaft wie IDnow, die sich zu rund 70% im Besitz von Finanzinvestoren befindet. Zumindest bei einigen, nicht zuletzt frühen Anteilseigner dürfe man ein zumindest latentes Verkaufsinteresse unterstellen. Daher seien die Grenzen zwischen offizieller Mandatierung und inoffizieller Sondierung des Marktes fließend – zumal es neben dem Komplettverkauf möglicherweise auch alternative Optionen auszuloten gilt. Auch der Zeitpunkt spreche nicht zwingend gegen einen Deal: “Gerade in schwierigen Phasen ist der ein oder andere Fonds sogar erpicht darauf, seinen eigenen Investoren durch einen Exit zu demonstrieren, dass es Rückflüsse gibt und das Beteiligungs-Portfolio insgesamt werthaltig ist”, so die Quelle.

So oder so: Dass es sich strukturell betrachtet bei IDnow um einen natürlich Verkaufskandidaten handelt – dafür sprechen mehrere Gründe:

  • Das Münchener Fintech ist ein typischer Private-Equity-Case – da ist das Exit-Szenario immer Teil der Kalkulation
  • Auch bei den Gründern um den Münchner Startup-Promi Felix Haas (“Bits & Pretzels”) würde es nicht verwundern, würden auch sie einen Ausstieg ins Auge fassen
  • Der Identity-Markt dürfte sich weiter konsolidieren. Zuletzt ist IDnow selber als Konsolidierer aufgetreten. Es gebe aber, sagt ein Kenner, “einige, deutliche größerer internationale Player, für die IDnow ein interessantes Akquisitionsziel sein könnte, um auf diesem Wege in den deutschen Markt vorzustoßen”
  • Womöglich wollen die aktuellen Investoren ihre Wette auch nicht überstrapazieren. “IDnow hat eine Größe erreicht, bei der es schwer ist, das aktuelle Wachstum aus eigener Kraft beizubehalten”, meint besagter Kenner
  • In eine ähnliche Richtung geht ein weiteres Argument: Im europäischen Identity-Markt verschieben sich regelmäßig die Rahmenbedingungen. Während die Finanzaufseher in den meisten anderen europäischen Ländern das Foto-Ident-Verfahren akzeptieren, beharrt die Bafin weiterhin auf dem deutlich aufwendigeren Video-Ident-Verfahren. Mag sein, dass WebID und IDnow hierdurch auf dem Heimatmarkt einen gewissen Schutz genießen. Zugleich ist das Video-Ident-Verfahren aufgrund der Personalintensität allerdings auch deutlich schwieriger zu skalieren als das Foto-Ident-Verfahren – wodurch sich für die hiesigen Player im europäischen Kontext womöglich ein Wettbewerbsnachteil ergibt. Plus: Niemand weiß, wie schnell sich der eAusweis durchsetzt. Zwar werden Anbieter wie IDnow durch den elektronischen Personalausweis nicht überflüssig, allerdings, so sagen es Experten, könnte sich ihr Anteil an der Wertschöpfung verringern. Sprich: IDnow ist zwar auch stand-alone ein potenter Player, eine narrensichere Wette ist das Unternehmen aus Investorensicht allerdings nicht.

Weder IDnow noch Goldman Sachs wollten unsere Informationen auf Anfrage kommentieren.

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