Analyse

Nach 100-Mio.-Euro-Runde: Wie sich Vivid Money von N26 abgrenzt

7. Februar 2022

Von Caspar Schlenk

Auch wenn N26 außerhalb Kontinentaleuropas gescheitert ist – innerhalb ist die Ausgangsposition weiterhin formidabel. Die Berliner sind (jedenfalls bezogen auf die Peer-Group der Neobanken) Marktführer in Frankreich. Sie sind Marktführer in Österreich. Und Marktführer in Deutschland sind sie sowieso.

Seit einigen Wochen allerdings hat man – erstmals – das Gefühl, das Milliarden-Fintech könnte in seinem Heimatmarkt ernsthaft herausgefordert werden. Denn während N26 aufgrund seines von der Bafin verhängten Neukunden-Limits momentan kaum wachsen darf, ist 1.) Revolut hierzulande seit Mitte Januar mit richtiger Banklizenz unterwegs; Bunq hat 2.) sein Marketing zuletzt sichtbar hochgefahren (Flughäfen, Linear-TV, Youtube …) – und Vivid Money ist 3.) ohnehin ernst zu nehmen, wie sich gestern mal wieder zeigte. Da nämlich hat der direkteste aller N26-Herausforderer seine nächste Finanzierungsrunde annonciert: 100 Mio. Euro zu einer Bewertung von 750 Mio. Euro. Beachtlich angesichts der äußeren Umstände.

Lesen Sie hier, wie sich Vivid Money von N26 abheben will:

1. Innovation

Vivid Money lanciert seit dem Launch vor anderthalb Jahren in großem Tempo immer neue Features:

  • Eine Cashback-Funktion, die das gesparte Geld in Aktien investiert
  • Hohe Rabattangebote
  • Aktien- und Krypto-Handel
  • Hotelbuchungen

Das Motto scheint zu sein: Schnelligkeit vor Perfektion. So wurden beispielsweise die Rabatt-Programme wiederholt angepasst.

N26 hingegen? Hat sein Produkt schon seit Längerem nicht mehr grundlegend weiterentwickelt. Zurzeit arbeitet der Platzhirsch an den Themen Aktienhandel und Krypto-Trading. Kenner rechnen mit dem Launch erst in einigen Monaten.


2. Setup

N26 setzt stärker auf Eigen-Entwicklungen – auch was die neuen Brokerage-Features betrifft.

Vivid? Stützt sich nicht nur auf Lizenz und Infrastruktur der Solarisbank – sondern hat sich zum Beispiel für sein Trading-Tool mit dem Münchner Anbieter CM Equity zusammengetan. Der bietet den Handel von sogenannten Teilaktien an. Ein eigenwilliges Konstrukt. Das allerdings einen raschen Marktstart ermöglichte.


3. Geschäftsmodell

Durch den Rückgriff auf Partner wie die Solarisbank oder CM Equity hat Vivid Money zwar den zeitlichen Rückstand auf N26 (Launch: 2015) in rasender Geschwindigkeit wettgemacht. Allerdings um den Preis, dass deutlich weniger Erträge hängen bleiben. Die Kundenzahl wurde gestern mit 500.000 Euro angegeben. Allein dafür dürfte die Neobank pro Jahr zwischen 10 Mio. und 15 Mio. Euro an die Solarisbank überweisen (die pro Konto grob zwischen 25 Euro und 30 Euro in Rechnung stellt, siehe hier). Wie viel Geld Vivid Money an CM Equity überweist, ist unklar. Doch auch dieser “Revenue Share” dürfte nicht billig sein. Und: Bei den Rabatt-Angeboten legt der Newcomer teilweise sogar Geld drauf, um die Kunden anzulocken.

Auf Nachfrage hieß es gestern, rund 10% der Kunden seien Premium-Kunden. Diese Zahlen 10 Euro Kontoführungsgebühr pro Monat, also 120 Euro im Jahr. Macht, wenn man das Ganze mit 50.000 Kunden multipliziert, also rund 6 Mio. Euro Umsatz.

Zum Vergleich: N26 hat 2020 nach eigenen Angaben 44 Mio. Euro Kontoführungsgebühren erlöst. Ein gewaltiger Vorsprung. Zumal, wenn man bedenkt, dass der Platzhirsch diese Erlöse mit keinem “Banking-Partner” teilen muss. Die solide Aufbauarbeit von N26 zahlt sich an der Stelle für den Moment aus. Ob das auch langfristig gilt, wird man sehen.


4. Vision

Beide Neobanken wollen mehr externe Dienste integrieren, ihre Banking-Apps zu sogenannten Super-Apps ausbauen.

So spricht N26-Gründer Valentin Stalf davon, sein Taxi irgendwann mit der eigenen App zu bestellen. Während Vivid dank einer Kooperation mit dem Reiseportal Booking schon heute Hotelbuchungen anbietet. Bislang habe eine „hohe vierstellige Anzahl“ an Kunden edas Angebot genutzt, sagt ein Sprecher. Also noch kein Massen-Feature. Aber immerhin.

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