Spezial

Nubank: Das Fintech, das schaffte, was N26 verwehrt blieb

Von Caspar Schlenk

Eine Zahl bleibt hängen, weil sie so unglaublich ist: Umgerechnet 5 Dollar muss die brasilianische Nubank im Schnitt ausgeben, um einen Kunden zu gewinnen. Rund 80-90% der Kunden eröffnen sogar ganz ohne Marketingausgaben ein Konto, heißt es in Firmenunterlagen, die aus Anlass des bevorstehenden Nubank-IPOs in New York erstmals öffentlich einsehbar sind. Unglaubliche Zahlen.

Denn: Westliche Fintechs können von solchen Werten nur träumen. Zum Vergleich: Deutschlands größte Neobank N26 kam zuletzt auf 22 Euro. Traditionelle Banken hierzulande zahlen teilweise sogar 200 Euro für einen Neukunden. Bei Geldanlage-Startups liegen die Akquisekosten sogar noch einmal deutlich drüber.

Mit dem New Yorker Börsengang erreicht die Erfolgsgeschichte von Nubank in den kommenden Tagen ihren vorläufigen Höhepunkt. Die Euphorie ist groß – auch wenn das Fintech seine Bewertung von geplanten 50 Mrd. auf 40 Mrd. Dollar runterschrauben musste, auch aufgrund der allgemeinen Unsicherheit an den Märkten. Die 40 Mrd. Dollar sind freilich immer noch eine stattliche Bewertung. Zum Vergleich: N26 wurde beim jüngsten Funding mit rund 9 Mrd. Dollar taxiert.

Nubank wurde 2013 von dem Kolumbianer David Vélez und der Brasilianerin Cristina Junqueira gegründet. Die Kernzielgruppe: Menschen, die bis dahin oft überhaupt kein Bankkonto besaßen. In Brasilien sind dies immer noch ungefähr 55 Mio. Menschen, in ganz Südamerika mehr als 200 Mio. Auch N26 startete im Jahr 2013, zählt im Vergleich zurzeit allerdings nicht einmal ein Viertel der Kunden. Dies liegt auch daran, dass die europäischen und westlichen Märkte ein Überangebot an Banken vorweisen. Das ist in Südamerika anders.

Und die Erträge? 4,90 pro Kunde und Monat

Gleichwohl: Die Fokussierung auf vergleichsweise einkommensschwache Kunden hat zur Folge, dass auch die durchschnittliche Ertrag mit  4,90 Dollar pro Nutzer und Monat vergleichsweise niedrig ist. Selbst mit sehr guten Kunden, die mehrere Produkte verwenden, erlöst Nubank kaum mehr als 30 Dollar. Traditionelle Banken in Brasilien kämen auf das Zehnfache, heißt es im Börsenprospekt.

Das hat Konsequenzen für die Geschäftszahlen: Trotz der niedrigen Kosten braucht Nubank rund zwölf Monate, um mit einem Kunden ein Plus zu machen. Nach 24 Monaten liege das Plus dann allerdings schon bei 13 Dollar, nach drei Jahren bei 37 Dollar. So rechnet Nubank mit einem Ertragspotential (Life-Time Value) des 30-fachen der initialen Marketingkosten. Bei 5 Dollar sind dies rund 150 Dollar. Dieser Wert dürfte bei Revolut und N26 weit höher liegen, dafür müssen die europäischen Neobanken aber auch viel mehr Marketingaufwand aufbringen, um einen Kunden zu überzeugen.

Auch bei der Ertragsstruktur gibt es enorme Unterschiede. Auf 1 Mrd. Dolkra summierten sich bei Nubank in den ersten neun Monaten dieses Jahres die Einnahmen. Davon entfielen rund 60% auf Zinsen und 40% auf Provisionen. Hiesigen Banken-Fintechs weisen oft fast gar keine Zinseinanhmen auf, weil sie kaum Kredite vergeben. Nubank kann an den Krediten verdienen, weil das Zinsniveau in Brasilien vergleichsweise hoch ist, etablierten Banken das Geld zu noch satteren Konditionen verleihen. Mehr als ein Drittel der Zinserträge bei Nubank kommt allein aus dem Kreditkarten-Geschäft.

Zusätzlich unterscheidet sich in Brasilien die sogenannte Interchange-Gebühr. So erhält Nubank ein ungleich höheres Entgelt, wenn der Kunde mit Kreditkarte bezahlt,  als in Europa. Dieser Posten macht allein die Hälfte der Provisionseinnahmen aus.

To top