Exklusiv

So viel Umsatz macht das 1,3-Mio.-Kunden-Fintech Bonify

11. März 2021

Von Heinz-Roger Dohms und Caspar Schlenk

Als wir Ihnen neulich (wiewohl auch das schon wieder zwei Monate her ist, im Lockdown verliert man irgendwie das Gefühl für die Zeit …) die kundenreichsten deutschen Finanz-Startups vorgestellt haben, kamen einem die meisten Namen mehr als bekannt vor. Zum Beispiel: N26, SumUp, Dwins („Finanzguru“), Exporo … Indes: In die Top-10, nein, sogar in die Top-5 (!) hatte sich ein Fintech geschlichen, das zumindest wir hier zuvor nicht richtig auf dem Zettel hatten, nämlich der Berliner Bonitäts-Spezialist Bonify. Doch was macht der eigentlich genau? Wie funktioniert das Geschäftsmodell? Und – wie immer die Frage aller Fragen: Gibt’s von denen eigentlich irgendwelche handfesten Zahlen? Antwort: Jetzt ja!

Was war bislang bekannt über Bonify?

Ansässig in Berlin; gegründet 2015 von früheren McKinsey- und Zalando-Mitarbeitern; hat nach eigenen Angaben inzwischen 1,3 Millionen Nutzer und ist damit (jedenfalls gemessen an ebenjenen Nutzern) das viertgrößte deutsche Fintech, siehe unser großes Ranking aus dem Januar

Wie funktioniert das Geschäftsmodell?

Bei Bonify können sich Nutzer – nach einer Registrierung – kostenlos über ihre eigene Bonität informieren und Tools wie die sogenannte „Mieterauskunft“ nutzen. Durch TV-Werbung, Google-Anzeigen und geschicktes SEO-Marketing (sprich: durch die Produktion von Artikeln, die rund um das Thema Kreditwürdigkeit kreisen und dann bei Google-Suchen vergleichsweise hoch aufgelistet werden) hat es das Startup geschafft, in vergleichsweise kurzer Zeit und mit vergleichsweise bescheidenem Aufwand eine erstaunliche hohe Nutzerbasis zu generieren.

Geld verdient das Fintech, sobald die Nutzer über die kostenlosen Funktionen hinaus via Bonify auch Produkte abschließen – und zwar in erster Linie Konsumentenkredite. In diesen Fällen erhält das Fintech von den Anbietern eine Vermittlungsprovision. Dabei kooperiert Bonify mit den kreditgebenden Banken (bislang!) allerdings nicht direkt, sondern indirekt, mit Vergleichsportalen wie Smava oder Finanzcheck als dazwischen geschaltete Stufe.

Wie sehen die Zahlen aus?

So:

in Mio. Euro 2019 2018
1. Provisionserträge 0,751 0,275
2. Sonstige betriebliche Erträge 0,003 0,035
3. Allgemeine Verwaltungsaufwendungen -4,935 -3,512
3a. Personalaufwand -2,247 -2,138
3b. Sachaufwand -2,688 -1,374
4. Abschreibungen und Wertberichtigungen -0,073 -0,079
5. Sonstige betriebliche Aufwendungen -0,011 -0,012
6. Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit = 7. Jahresfehlbetrag -4,264 -3,293
8. Verlustvortrag -8,679 -0,539
9. Bilanzverlust -12,943 -8,679

Auf welche Zahlen gilt es zu achten?

Auf die oberste, die Provisionserträge, die 2019 mit rund 750.000 Euro zwar fast drei Mal so hoch wie noch im Vorjahr ausfielen, aber absolut betrachtet doch recht bescheiden daherkamen.

In einer Pressemitteilung im August 2020 hatte es noch geheißen:

„Wir sind in den zwölf Monaten zwischen Februar 2019 und Januar 2020 um mehr als 700 Prozent gewachsen und haben siebenstellige Umsätze erwirtschaftet. „

Wenn wir davon ausgehen, dass da nicht geflunkert wurde (und dass nicht geflunkert wird, davon gehen wir natürlich immer aus), so muss entweder der Januar 2020 exzeptionell gut gelaufen sein oder es wurde mit hochgerechneten Monatswerten gearbeitet (oder gleich beides).

Oder: Sechsstellig ist das neue siebenstellig.

Wie ist 2020 gelaufen?

Nicht so gut wie erhofft. Im Ausblick des 2019er-Geschäftsberichts ist für 2020 von Provisionserträgen von 3,2 Mio. Euro die Rede (was einer Vervierfachung entsprochen hätte). Da sich der Markt für Konsumentenkredite aufgrund von Corona aber nicht so entwickelte, wie von Bonify erhofft, blieben die Erträge hinter der Zielmarke zurück – das berichtete CFO und Co-Gründer Andreas Bermig im Gespräch mit Finanz-Szene.de und Finance Forward. Genauere Angaben wollte Bermig nicht machen.

Was es zu beachten gilt: Im August 2020 hatte Bonify (oder genauer gesagt: Forteil. So heißt das Unternehmen in Wirklichkeit, ganz in echt, „Bonify“ ist nur der Markenname …) ein Funding im „hohen siebenstelligen Millionenbereich“ eingeheimst. Sooo schlecht kann 2020 daher nicht gelaufen sein. Zumal man davon ausgehen darf, dass „siebenstellig“ in diesem Fall tatsächlich siebenstellig heißt, und „im hohen siebenstelligen Millionenbereich“, dass es tatsächlich (merklich) mehr als 5 Mio. Euro waren.

Dass Bonify bei Investoren durchaus hoch im Kurs steht, zeigt sich daran, dass die Geldgeber 1.) schon bis Ende 2019 (also vor dem jüngsten Funding) rund 16 Mio. Euro in die Kapitalrücklage eingezahlt hatten und dass 2.) die 2020er-Kapitalerhöhung mit einer vergleichsweise geringen Verwässerung der bestehenden Anteile einher ging.

Stimmt das mit den 1,3 Millionen Nutzern?

Wir haben keinen Anlass, von etwas anderem auszugehen. Allerdings hätten wir schon gehofft, dass der Geschäftsbericht dazu etwas konkretere Angaben macht – doch Pustekuchen.

Was natürlich auffällt: Die Erträge sind gemessen an der Nutzerzahlen eher dünn. Geht man der Rechnung halber von einer durchschnittlichen Nutzerzahl im Geschäftsjahr 2019 von vielleicht 400.000 bis 500.000 aus, ergeben sich Einnahmen von 1-2 Euro pro Nutzer. Allerdings: Das ist bei anderen, entfernt vergleichbaren Fintechs (etwa bei Dwins a.k.a „Finanzguru“) ähnlich: Erst kommt der Aufbau der Nutzerbasis, dann (hoffentlich) die Monetarisierung.

Was den Aktivitätsgrad betrifft, ließ sich Bermig eine spannende und bislang unbekannt Zahl entlocken: Rund 50% der Nutzer würden sich – gerechnet auf einen Zeitraum von sechs Monaten – mindestens einmal bei Bonify einloggen. Nun schließt ein in diesem Sinne aktiver Nutzer natürlich nicht auch automatisch ein Produkt ab. Aber: 650.000 zumindest leidlich aktive Nutzer – das ist eine gute Basis.

Was ist für 2021 geplant?

Bonify hat kürzlich die Technologie des gescheiterten Check24-Herausforderers Joonko erworben. Damit ist es den Berlinern künftig möglich, kreditgebende Banken direkt bei sich einzubinden (also nicht mehr zwingend den Umweg zum Beispiel über Smava gehen zu müssen). Damit erweitert Bonify den eigenen Anteil an der Wertschöpfung. Viel wichtiger aber sei, so Gründer Bermig: „Damit können wir die User Experience weiter verbessern“. Die ersten Banken, die direkt angeschlossen werden, sind die SWK Bank, die Solarisbank und Consors Finanz.

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