Exklusiv

Tomorrow: Ein Kunde bringt 14€ – und wird mit 760€ bewertet

20. Oktober 2021

Von Christian Kirchner

Wären wir ein Verbraucher-Magazin, dann hätten wir zu den Begleitumständen der Schwarmfinanzierung bei der Hamburger Neobank Tomorrow sicherlich die ein oder andere Anmerkung zu machen. Etwa: Warum veröffentlicht, wer den Leuten einen hohen einstelligen Millionenbetrag aus ihren Taschen labert, kein ordentliches Prospekt? Oder wenigstens ein testiertes Zahlenwerk?

Andererseits:

  1. Wir sind kein Verbraucher-Magazin
  2. Könnte der Zeitgeist sprechen, würde er uns vermutlich ins Ohr flüstern: Wer fundet, hat Recht (im konkreten Fall wurden bei 6413 Schwarmeanlegern übrigens exakt 8 Mio. Euro eingesammelt)
  3. Was manche Volksbank heutzutage in puncto Mitgliederwerbung veranstaltet, ist sooooo viel fürsorglicher auch nicht
  4. (und fünftens) Die Gesetzeslage gibt’s her – und auszuschließen ist ja nicht, dass die Schwarminvestoren (von denen viele durchaus wissen, was sie da tun) am Ende tatsächlich Reibach machen, wie man früher gesagt hätte

Gleichwohl: Damit das mit dem Reibach wirklich klappt, muss schon einiges zusammenkommen. Denn: Wenn man sich die Werbebroschüre, die anstelle eines Prospekts veröffentlicht wurde, mal ganz genau durchliest, dann entdeckt man zwischen reichlich grünem Chichi (Tomorrow positioniert sich ja als ökologisch motivierter Gegenentwurf zu N26) ein paar interessante Kennzahlen. So haben Finanz-Szene und Finance Forward beim Durchwühlen der Broschüre unter anderem entdeckt, dass die bei der Funding-Runde aufgerufene Bewertung pro Kunde den annualisierten Ertrag pro Kunde um den Faktor 54 übersteigt.

Hier unsere kleine Analyse:

1.) Kundenwachstum

Per Ende Q3 kam Tomorrow auf 92.000 Kunden. Da die Zahlen auch für die Vorquartale veröffentlicht wurden, lässt sich die Entwicklung des Kundenwachstums nachvollziehen – und die ist durchaus dynamisch:

2.) Cashburn

2019 verbrannte Tomorrow 3,1 Mio. Euro, ein Jahr später lag der Jahresfehlbetrag bei 7,1 Mio. Euro, im laufenden Jahr waren die Hamburger per Ende August bei 8,9 Mio. Euro angelangt. Der monatliche Cashburn dürfte momentan also bei ganz grob 1 Mio. Euro liegen.

3.) Kosten

Zu den Kosten äußert sich Tomorrow eher vage. Und zwar wie folgt: 2020 seien ...

  • 34% der Aufwendungen in Personal
  • 35 % in "Banking-Kosten"
  • 21% in "sonstige Kosten"
  • und nur 10% in Marketing

... geflossen. Da der Cashburn in jenem Jahr bei (siehe oben) 7,1 Mio. Euro lag und die Erträge (siehe unten) bei 360.000 Euro, müssten die Aufwendungen folglich bei etwa 7,5 Mio. Euro gelegen haben. Es juckt natürlich in den Fingern, hieraus nun die Kosten für die Kundenakquise abzuleiten. Denn (siehe ganz oben): Die Zahl der 2020 gewonnenen Kunden kennen wir ja auch, es waren rund 30.000. Teilte man nun die Marketingkosten (10% von 7,5 Mio. Euro) durch die neu gewonnen Kunden, käme man auf sehr konkurrenzfähige 25 Euro pro Kunde ...

Indes, nur, damit unsere Pi-mal-Daumen-Berechnungen nicht zur irgendeiner Form von Euphorie führen ...

  • Die Angaben sind, wie gesagt, allesamt untestiert
  • Dass ein B2C-Fintech nur 10% seiner Aufwendungen für Marketing verwendet, klingt erstaunlich antriebslos, wer weiß, was sich in den 21% "sonstigen Kosten" verbirgt ...
  • So ein gewonnener "Kunde" ist ja was Schönes. Aber was sind die "Kunden" wirklich wert?

Gucken wir mal ...

4. Ertrag pro Kunden

Die Erträge von Tomorrow stammen (wie bei Neobanken üblich) aus Premium-Konten, Interchange-Gebühren und sonstigen Gebühren (z.B. Abhebungen).

Das Problem: All zu viel ist bislang nicht zusammengekommen. So summierten sich die Erträge vergangenes Jahr auf gerade einmal 360.000 Euro, in diesem Jahr bis Ende August auf 780.000 Euro.

Zieht man die jeweiligen Durchschnittswerte heran, kommt man zu folgender Tabelle (wobei es sich bei "bis Q3" um einen groben Näherungswert handelt, weil in der Werbebroschüre mal von August und mal von September die Rede ist ...) :

2019 2020 2021 (bis Q3)
Erträge je Kunde 3,76 Euro 9,62 Euro 10,16 Euro
Einlagen je Kunde 986 Euro 1742 Euro 2514 Eur0
Transaktions-Volumen je Kunde 2763 Euro 4675 Euro 6174 Euro

Man sieht: Die Richtung stimmt. Aber selbst wenn man hochrechnet, dass in diesem Jahr irgendwas um 13-15 Euro pro Kunde an Ertrag rumkommen sollte, wäre das weiterhin eher wenig. Zum Vergleich: N26 erwirtschaftete laut aktuellstem testierten Geschäftsbericht (2019) im Schnitt einen Ertrag von 60 Euro je Kunde. Bei einer ungleich, ungleich, ungleich größeren Kundenbasis, wohlgemerkt.

5. Ertrag je Kunde vs. Bewertung je Kunde

Letzten Endes legen die Zahlen nahe, dass weiterhin deutlich weniger als 10% der ausgewiesenen 92.000 Tomorrow-Kunden im bezahlpflichtigen Premium-Kontomodell stecken.

Denn: Im kürzlich noch gültigen alten Konto-Modell (inzwischen wurde das kostenlose Konto für Neukunden ja abgeschafft) kostete das Premium-Konto 15 Euro pro Monat. Bei einem Anteil von 10% zahlenden Kunden (also etwa 9.000 Kunden) wären das aktuell pro Monat knapp 140.000 Euro Umsatz – ohne Interchange und sonstiges Gedöns. Dabei hat Tomorrow dieses Jahr im Schnitt ja nur (780.000 Euro durch acht Monate) 97.500 Euro Ertrag pro Monat – mit Interchange und sonstigem Gedöns. Das heißt: Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass der aktuelle Monatsumsatz wegen des durchaus dynamischen Wachstums deutlich höher ist als durchschnittliche Monatsumsatz, dürfte man an die 10%-Quote eher nicht herankommen ...

... was dann doch enttäuschend ist. Denn aus der Bewertung von 70 Mio. Euro ergibt sich eine Bewertung je Kunden von 760 Euro. Ziemlich sportlich, wenn man bedenkt, dass mutmaßlicherweise >90% dieser Kunden nicht einmal eine monatliche Grundgebühr fürs Konto abdrücken.

Und wo bleibt das Positive?

  • Glaubt man Tomorrow, dann wurde die ja durchaus beachtliche Bewertung von 70 Mio. Euro nicht von den Schwarmanlegern, sondern auch von Profiinvestoren akzeptiert (siehe Artikel weiter unten)
  • Und die Strategie, Neukunden keine kostenlosen Kontos mehr anzubieten und die Produktpalette über "Bisschen Konto und Karte" endlich hinausgehen zu lassen (siehe den Artikel noch weiter unten), ist vermutlich nicht die allerdümmste

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