Rückblick (I)

Was während unserer Pause in der Fintech-Branche passiert ist

2. August 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Die Funding-Sause in der europäischen Fintech-Branche hat sich während unserer Sommerpause nahtlos fortgesetzt. Dabei sticht aus deutscher Sicht die Solarisbank hervor, die sich (wie von uns im Juni bereits angedeutet) in ihrer jüngsten Finanzierungsrunde stolze 190 Mio. Euro gesichert hat und mit einer Bewertung von 1,4 Mrd. Euro nunmehr in den Kreis der Unicorns aufgestiegen ist …

… Fast noch spannender als das Funding ist allerdings, was der Berliner Banking-as-a-Service-Spezialist mit dem Geld vorhat. Wie Kollege Caspar Schlenk von „Finance Forward“ als erster berichtete, fließt mehr als die Hälfte der eingeworbenen Summe in die Übernahme des britischen Wettbewerbs Contis, dessen Whitelabel-Geschäftsmodell dem von Solaris ähnelt, auch wenn der Schwerpunkt etwas stärker auf dem Zahlungsverkehr liegt. Contis kam zuletzt auf umgerechnet 20 Mio. Euro Umsatz, beschäftigt rund 90 Mitarbeiter* und soll vorerst als eigenständige Marke erhalten bleiben. Solarisbank-Chef Roland Folz begründete die Akquisition gegenüber „Finance Forward“ wie folgt: „Contis hilft uns etwa als Payment-Processor und mit der E-Money-Lizenz in Großbritannien und Litauen, die Wertschöpfungskette zu erweitern.“

Zwar nicht perfekt, aber in der Mache ist derweil das nächste Funding von N26. Laut „Bloomberg“ (Paywall) strebt die Berliner Neobank eine (früher hätte man gesagt: surreale) Bewertung von 8-11 Mrd. Dollar an – verglichen mit einer Taxierung von 3,5 Mrd. Dollar bei den bislang letzten beiden großen Finanzierungsrunde zunächst 2019 und dann während der Corona-Krise im vergangenen Jahr.

Indes: Selbst wenn N26 der angestrebte Funding-Coup gelingen sollte, sind die Berliner im Vergleich zu ihrem Rivalen Revolut vorerst ins Hintertreffen geraten. Die britische Challenger-Bank (auch das hatte sich ja schon vor unserer Sommerpause angedeutet) vermeldete Mitte Juli eine Finanzierung von 800 Mio. Dollar zu einer Bewertung von 33 Mrd. Dollar – mithin das Dreifache dessen, was N26 am oberen Ende aufzurufen scheint.

Die übrigen aus unserer Sicht besonders spannenden Finanzierungsrunden der zurückliegenden Wochen haben wir der Übersichtlichkeit halber in eine kleine Tabelle gepackt; aus deutscher Sicht ist (nachdem wir die Solarisbank ja weiter oben bereits gewürdigt hatten) noch das Funding des Berliner Digital-Vermögensverwalters Liqid hervorzuheben. Genau das haben wir fettenderweise gemacht:

Name Land Segment Funding (in Mio. $)
Soldo UK Ausgaben-Management 180
Tide UK Neobank 140
Spendesk F Ausgaben-Management 118
Zilch UK Buy now pay later 110
Liqid D Digitale Vermögensverwaltung 104
Yapily UK API-Spezialist 51

In unserer letzten Ausgabe vor der Sommerpause hatten wir Sie exklusiv über den unvermittelten Abgang von Acatus-Chefin Marie-Louise Seelig in Kenntnis gesetzt – eine Demission, die unseren Informationen zufolge auf Druck einiger Investoren erfolgte. Inzwischen hat das Berliner Verbriefungs-Fintech Insolvenz angemeldet. „Das beantragte Insolvenzverfahren ist nicht auf eine Zerschlagung des Unternehmens ausgelegt, sondern soll der Fortsetzung des von Acatus bis zuletzt vorangetriebenen Umstrukturierungsprozesses dienen“, lässt sich der Insolvenzverwalter zitieren. Ob die Investoren bereit sind, tatsächlich noch einmal Geld nachzuschießen, wird sich zeigen. Finance Forward

Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA erhöht den Druck auf Online- bzw. Neobroker wie Trade Republic. In einer Mitte Juli veröffentlichten Stellungnahme heißt es, bei den Rückvergütungen, die die Broker von den Handelsplätzen erhalten (Fachbegriff: „Payment for Order Flow“), sei die Kompatibilität mit Mifid II „in den meisten Fällen unwahrscheinlich“. Börsen-Zeitung (Paywall)

Der skandinavische Investor Kinnevik billigt dem aus dem Zusammenschluss von Raisin und Deposit Solutions hervorgegangenen neuen deutschen Einlagen-Broker Raisin DS einen „Fair Value“ von 1,3 Mrd. Euro zu. Damit gibt es in der deutschen Fintech-Branche nun sieben offizielle (Trade Republic, N26, Wefox, Scalable Capital, Mambu, Solarisbank, Raisin DS) und ein inoffizielles (SumUp) Unicorn zu bestaunen.

Der Open-Banking-Spezialist Finleap Connect, der einst aus dem Zusammenschluss von Figo und Finreach hervorgegangen war, nutzt sein neulich vermeldetes 22-Mio.-Euro-Funding zur Expansion: Die Berliner übernehmen den spanischen Wettbewerber MyValue Solutions. Der Kaufpreis wurde nicht kommuniziert, dürfte aber im einstelligen Millionenbereich liegen.

Kurz-Rückblick

Der US-Neobroker Robinhood, der als Vorbild für hiesige Anbieter wie Trade Republic oder Gratisbroker gilt, ist am unteren Ende der Preisspanne zu einer Bewertung von 32 Mrd. Dollar an die Börse gegangen. Am ersten Handelstag verlor die Aktie rund 10% an Wert +++ Das Berliner Mischwaren-Fintech Kapilendo hat mit dem finnischen Crowdfinanzierer Invesdor fusioniert, zu dem auch der österreichische Anbieter Finnest gehört +++ Das hochgewettete österreichische Krypto-Trading-Fintech Bitpanda hat eine Dependance in Berlin eröffnet +++ Das Münchner Investment-Fintech Scalable Capital steigt mithilfe seiner Kooperationspartner HSBC und Hypo-Vereinsbank Onemarkets in den Derivatehandel sein +++ Die weiter oben schon erwähnte britische Neobank Revolut will über ein „Stays“ genanntes neues Feature in Zukunft auch Hotelbuchungen anbieten +++ Der deutsche Arm der auf Venture-Debt für Startups spezialisierten Silicon Valley Bank hat 2020 Unternehmenskredite im Umfang von 60 Mio. Euro vergeben und weitere 100 Mio. Euro zugesagt (Finance Fwd) +++ Die (ehemalige?) Nummer zwei unter den Londoner-Challenger-Banken, nämlich Monzo, sondiert ein IPO (Sifted) +++ Auxmoney-Chef Raffael Johnen hat sich an der jüngsten 83-Mio.-Dollar-Runde des südafrikanischen Payment-Fintechs Yoco beteiligt


Hinweis: Weitere Meldungen mit Fintech-Bezug finden Sie in den nächsten Tagen in unseren Rückblicken aus den Rubriken „Digital Banking“ und Payments“.


*Korrekturhinweis: In der ursprünglichen Fassung war an dieser Stelle von 550 Mitarbeitern die Rede gewesen, so viele allerdings beschäftigt nicht Contis, sondern die Solarisbank und Contis zusammen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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