Fintech unplugged (#1)

Wie aus Orderbird ein (nahezu) profitables Fintech wurde

16. März 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Wie oft haben wir das Klagelied eigentlich schon angestimmt? Dass viele hiesige Fintechs überhaupt keine Zahlen veröffentlichen … Und die, die es tun, meist mit üppiger Verspätung … Dabei stellt sich mittlerweile doch eigentlich die Frage: Braucht es das klandestine Gewese überhaupt noch?

Denn: Viele deutsche Fintechs haben inzwischen ihren fünften Geburtstag hinter sich. Manche sogar schon den zehnten. Aus fluffigen Startups sind in etlichen Fällen ernstzunehmende Grownups geworden, aus neureichen Cashverbrennern stocksolide Umsatzmacher. Mithin, liebe Fintech-Gründer: Was habt Ihr überhaupt noch zu verbergen???

Das haben wir zum Beispiel Jakob Schreyer gefragt, Gründer des Berliner Payment-Fintechs Orderbird. Und was hat Schreyer geantwortet? Gar nix habe er zu verbergen! Nur noch das Testat des Wirtschaftsprüfers und das Plazet des Aufsichtsrats müsse er abwarten. Danach könne er uns seinen 2020er-Abschluss gerne in die elektronische Post legen. Was er Ende vergangener Woche dann auch tatsächlich gemacht hat.

Lesen Sie also hier: Den ersten und hoffentlich nicht letzten Teil unserer neuen „Fintech unplugged“-Serie:

Was macht Orderbird?

Das Geschäftsmodell von Orderbird fußt auf dem iPad-basierten Kassensysten „orderbird PRO“, das sich laut Geschäftsbericht in erster Linie an „mittelgroße Gastronomien“ richtet. Seit April 2020 hat das Berliner Fintech noch ein zweites System namens „MINI by orderbird“ im Einsatz. Dieses basiert auf Android und wird neben Gastronomien zum Beispiel auch Friseuren oder kleine Einzelhändlern angeboten.

Die Umsatzerlöse speisen sich nach Angaben von Gründer Schreyer zu rund vier Fünfteln aus Lizenzgebühren, die für die Nutzung der virtuellen „Orderbird-Kasse“ fällig werden. Dabei zahlen die Kunden pro Gerät und pro Monat eine pauschale Gebühr. Diverse Zusatz-Services bescheren dem Fintech zusätzliche Einnahmen.

Was macht die Ertragslage?

Im abgelaufenen Geschäftsjahr (Orderbird bilanziert per Ende September, nicht per Ende Dezember) stieg das Rohergebnis auf11,07 Mio. Euro – ein Plus von 22% im Vergleich zum Vorjahr. Der betriebliche Aufwand blieb dagegen mit 11,38 Mio. Euro nahezu konstant, sodass sich der operative Verlust auf nur noch rund 300.000 Euro belief. Trotz Corona-Krise kratzte das 2011 gegründete Payment-Startup also erstmals an der operativen Gewinnschwelle. Unterm Strich stand dank eine steuerlichen Sondereffekts sogar ein Jahresüberschuss von rund 900.000 Euro.

in Mio. Euro 2020 2019
Rohergebnis 11,07 9,04
Personalaufwand -6,55 -6,15
Abschreibungen -0,83 -0,85
Sonstige betriebl. Aufwendungen -4,00 -0,85
Betrieblicher Aufwand -11,38 -11,04
Betriebsergebnis -0,31 -1,99
Finanzergebnis -0,05 -0,03
Steuern 1,26 -0,15
Jahresüberschuss 0,90 -2,18

Quelle: vom Unternehmen zur Verfügung gestellter Abschluss für das zum 30. September 2020 abgeschlossene Geschäftsjahr

Besonders positiv entwickelte sich auch eine Kennzahl, auf die Venture-Capital-Investoren traditionell besonders viel Wert legen – nämlich die „wiederkehrenden Umsätze“, im Fachjargon „Annual Recurring Revenues“ (ARR) genannt. Sie stiegen um 26,3% auf 10,04 Mio. Euro und machen inzwischen den Großteil der Umsatzerlöse aus.

Wie ist das Ergebnis einzuordnen?

Die Gastronomie gehört zu jenen Branchen, die von der Corona-Krise am härtesten getroffen wurden. Insofern erstaunt auf den ersten Blick, dass Orderbird in der Lage war, sein Rohergebnis trotz der schwierigen Rahmenbedingungen um mehr als ein Fünftel zu steigern. Schreyer führt als Begründung die sogenannte „Fiskalisierung“ an. Damit ist gemeint, dass Registrierkassen zur Vermeidung von Steuerbetrug seit dem 1. Januar 2020 mit einer technischen Sicherungseinrichtung ausgerüstet sein müssen. Offenbar hat die Gesetzesänderung zu einer deutlich erhöhten Nachfrage nach „Orderbird-Kassen“ geführt.

Tatsächlich wuchs die Kundenbasis um 14% auf 11.719. Der langfristige Trend scheint damit einigermaßen intakt …

    absolute Veränderung zum Vorjahr relative Veränderung in %
2013 500    
2014 1.600 1.100 220%
2015 3.600 2.000 125%
2016 5.700 2.100 58%
2017 7.900 2.200 39%
2018 9.200 1.300 16%
2019 10.200 1.000 11%
2020 11.700 1.500 15%

… was auch deshalb bemerkenswert ist, als Orderbird vor einigen Jahren seine Belegschaft und damit mutmaßlich auch das Vertriebsteam hatte reduzieren müssen. Zwar lässt sich aus den Abschlüssen nicht exakt herauslesen, wie stark das Fintech im Vertrieb gespart hat – die Mitarbeiterzahlen insgesamt sprechen allerdings eine deutliche Sprache:

Hatte Orderbird per September 2017 (gemessen in Vollzeitäquivalenten) noch 141 Mitarbeiter, so waren es ein Jahr später nur mehr 110 und noch einmal ein Jahr später sogar nur 102. Erst im abgelaufenen Geschäftsjahr ist die Mitarbeiterzahl erstmals wieder gestiegen zu. Allerdings findet sich anders als in den Vorjahren im aktuellen Abschluss nur eine Durchschnittszahl. Diese ging von 98,25 auf 103,5 Beschäftigte nach oben.

Die mittlere Kundenzahl dürfte im vergangenen Jahr bei etwa 11.000 gelegen haben. Damit hat Orderbird pro Kunde ein Rohergebnis von ziemlich exakt 1.000 Euro erwirtschaftet. Auch das bedeutet trotz Corona eine moderate Steigerung zum Vorjahr – und könnte darauf hindeuten, dass Orderbird durch sein Pricing-Modell auch dann stabile Erlöse generiert, wenn die eigene Klientel mit kurzzeitigen Umsatzschwankungen zu kämpfen hat.

Wie steht Orderbird im Vergleich zur Konkurrenz da?

Zu den hiesigen Wettbewerbern von Orderbird gehören beispielsweise Gastrofix und Tillhub. Was die Bewertung angeht, gibt es zumindest grobe Ansatzpunkte für einen Vergleoch:

  • Als sich Gastrofix vor gut einem Jahr an den kanadischen Wettbewerber Lightspeed verkaufte, wurde in Branchenkreisen ein Preis von rund 100 Mio. Euro genannt
  • Die Bewertung von Tillhub bezifferten die Kollegen von „Finance Forward“ im Zuge des Einstiegs von Unzer im vergangenen Jahr auf rund 22 Mio. Euro
  • Demgegenüber kam Orderbird bei der bislang letzten Finanzierungsrunde Anfang 2019 auf eine rechnerische Bewertung von rund 56 Mio. Euro; das Unternehmen selbst bezifferte die tatsächliche Taxierung auf gut 60 Mio. Euro.

Nun lassen sich die Taxierungen nicht unmittelbar vergleichen, da sie zu jeweils unterschiedlichen Zeitpunkten zustande kamen. Gastrofix beispielsweise legte seinen Exit kurz vor der Corona-Krise hin – während der Einstieg von Unzer bei Tillhub mitten hineinfiel. Orderbird wiederum fundete zu einer Zeit, als das Unternehmen nicht nur kleiner, sondern auch weniger gefestigt als heute erschien. Jedenfalls: Bewertungstechnung sollte man Orderbird vermutlich eher in der Gastrofix- als in der Tillhub-Liga verorten.

Umsatz-Zahlen sind (zumindest uns) keine bekannt. Zu Gastrofix wurden, so weit wir das mitbekommen haben, im Zuge der Übernahme letztmals (und erstmals?) Zahlen bekannt. Der Zahl der Kunden damals? Rund 8.000. Der Umsatz damals? Gut 11 Mio. Euro, vorbehaltlich einer in Rede stehenden 15%-igen Reduzierung beim Umstellung von HGB auf IFRS.

Ohne es jetzt zu kompliziert machen zu wollen: Ganz grob scheinen oder wenigstens schienen Orderbird und Gastrofix auf Augenhöhe zu spielen.

Was sind die weiteren Ziele?

Die einst angestrebte internationale Expansion (deren Scheitern ein Grund für die weiter oben angesprochenen Stellenstreichungen war) ist kein Thema mehr. Orderbird will sich auf die DACH-Region konzentrieren. Dabei nennt Schreyer für die kommenden 12-18 Monate zwei Fokusthemen:

  1. Weiterhin die Fiskalisierung
  2. Orderbird will in den kommenden Monaten zum „Payment Facilitator“ werden. Damit ist gemeint: Beim Onboarding der eigenen Kunden ist das Berliner Fintech bislang auf die Hilfe anderer Zahlungsdienstleister angewiesen. In Zukunft sollen die Gastronomien den Akzeptanzvertrag hingegen unmittelbar mit Orderbird abschließen; ein Acquirer würde nur noch im Hintergrund benötigt. Hiervon erhofft sich Schreyer eine größere Kontrolle über das Frontend und in der Folge weitere Verbesserungen am Produkt.

Der Prognosebericht für das laufende Geschäftsjahr klingt optimistisch. Die Zahl der Kunden soll um weitere gut 2.200 auf 13.965 steigen, bei den „Annual Recurring Revenues“ geht Orderbird von einer Steigerung von 27,5% aus.

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