Analyse

Wie Europas Fintech-Riese an unseren Sparkassen scheiterte

14. März 2020

Von Heinz-Roger Dohms

An den meisten anderen Tagen wäre es die Kracher-Nachricht schlechthin gewesen. Gestern hingegen? War es eine Randnotiz: Der britische Kreditmarktplatz Funding Circle hat mitgeteilt, sein Berliner Büro faktisch dichtzumachen und das Geschäft (bzw. was davon übrig bleiben wird) nach London zu verlagern.

Heißt: Das in UK durchaus erfolgreiche Geschäftsmodell (nämlich kleine KMUs über eine Plattform mit Krediten zu versorgen) hat sich offenbar nicht auf Deutschland übertragen lassen. Obwohl Funding Circle Deutschland unter den hiesigen Fintechs im KMU-Segment sogar der größte Anbieter war, deutlich vor Creditshelf. Was sagt es über die Erfolgsaussichten von Kredit-Fintechs aus, wenn sogar der Marktführer resigniert?

Eine Analyse:

1.) Ist der deutsche Markt so overbanked, dass Kredit-Fintechs gar keine richtige Chance haben, in diesem Markt Fuß zu fassen?

Naja, zumindest ist auffällig, wie rasch Funding Circle im britischen Heimatmarkt auf ernstzunehmende Volumina kam (gestartet 2010, wurden in den ersten drei Jahren schon Kredite im Umfang von 160 Mio. Pfund über die Plattform ausgereicht, insgesamt sind es seit Gründung über 8 Mrd. Pfund) – und wie langsam sich im Vergleich dazu das Deutschland-Geschäft entwickelte.

So kam Funding Circle in Deutschland und den Niederlanden – beide zusammen ergeben die „Developing Markets“ – laut dem gestern vorgestellten Geschäftsbericht der britischen Mutter 2019 gerade mal auf ein neues Kreditvolumen von 175 Mio. Pfund. Ein Plus von nur 6% zum Vorjahr.  Skalierung sieht wahrlich anders aus (siehe auch unser Artikel „Herber Wachstums-Knick bei deutscher Funding-Circle“ aus dem letzten Sommer). Und: „Deutschland und die Niederlande stehen für nur 8% der Gruppen-Erträge, aber für 60% der bereinigten Ebitda-Verluste.“

Die mutmaßliche Erklärung hierfür, etwas holzschnittartig zusammengefasst: Der britische Bankenmarkt wurde über Jahrzehnte hinweg von einer Handvoll großer Player bestimmt, die sich um das Geschäft mit kleinen SMEs eher beiläufig kümmerten. In diese Marktlücke konnte Funding Circle (auch dank politischer Unterstützung) wunderbar vordringen. In Deutschland hingegen, dem Land mit immer noch fast 400 Sparkassen und immer noch fast 1000 Volks- und Raiffeisenbanken, gibt es die Marktlücke in dieser Form nicht.

Fintech-Hammer: Funding Circle macht deutsches Büro dicht

2.) Kann es sein, dass speziell die Kredit-Fintechs bei weitem nicht so digital sind, wie sie gerne tun, und ihnen deshalb die nötigen Kostenvorteile fehlen?

Naja, zumindest ist erhellend, sich mal von Insidern erzählen zu lassen, was sich hinter PR-medial verbreiteten Schlagwörtern (also Begriffen wie „automatisierter Kreditantragsprozess“) in Wirklichkeit verbergen soll. So scheint es nämlich mitnichten so zu sein, dass sich die von den Antragsstellern eingereichten Unterlagen durch einen irgendwie „digitalen“ / „automatisierten“ / „KI-gestützen“ / „Machine-Learning-basierten“ Verarbeitungsprozess in fertige Vorlagen für die Kreditentscheidung verwandeln.

Sondern: Der Antragssteller schickt per PDF seine Bilanzen bzw. seine BWAs. Und dann sitzen da sogenannte „Underwriting Assistants“, die diese Bilanzen bzw. BWAs manuell abtippen. Und das bei Losgrößen von ein paar tausend Euro. Und hohen Ablehnungsquoten (sprich: Fällen, in denen die Abtipperei am Ende umsonst war). Wir wollen nicht behaupten, dass es bei Funding Circle Deutschland genauso war. Sondern: Es handelt sich eher um eine zugespitzte Beschreibung des Phänomens „digitale Kreditvergabe“ allgemein.

3.) Ist das sogenannte „Marketplace Lending“ (also das, was Funding Circle Deutschland gemacht hat) überhaupt profitabel zu betreiben?

Naja, grundsätzlich und in der Theorie natürlich schon. Aber in der Praxis ist dies offenbar alles andere als einfach! So erlitt Funding Circle im vergangenen Jahr insgesamt einen Vorsteuerverlust von 84 Mio. Pfund. Die Aktie schmierte allein gestern 28% ab und notiert nun rund 90% unter den Höchstkursen nach dem IPO 2018.

Doch woran liegt das?

Also: Da sind erst einmal die üppigen Rendite-Erwartungen jener Investoren, die das Geld für die Plattform-Kredite zur Verfügung stellen. Und zwar unabhängig davon, ob das Geld von privaten Kleinanlegern kommt („P2P-Lending“) oder von institutionellen Anlegern wie zum Beispiel Versicherern, Pensionskassen oder Fonds. Mit 4-5% müsse man da in jedem Fall rechnen, sagen Experten. Und zwar netto, also nach Ausfällen. Vergleich man das mit den Refi-Kosten von Banken, dann kommen die Banken deutlich billiger weg.

[Exkurs: Ja, das Argument, dass die Kreditmarktplätze – anders als die Banken – keine Eigenkapital hinterlegen müssen, stimmt natürlich. Ob dieser Vorteil jedoch die Nachteile aufwiegt??? Hinzu kommt: Institutionelle Investoren verlangen von den Plattformen angeblich, dass diese einen Teil der Kredittranchen (im Zweifel: die besonders riskanten) übernehmen. Womit dann also doch Aufwand und Risiko entstehen.]

Jedenfalls: Die hohen Rendite-Erwartungen der Investoren führen zu durchschnittlichen Zinssätzen für den Kreditnehmer irgendwo bei 8-9%, sagen Branchenexperten. Wenn wir es richtig verstehen, dann kommen die Gebühren für den Marketplace Lender dann noch obendrauf. Folge:  Die neuen Anbieter sind nicht wirklich billiger ist die Banken, eher teurer.

Wenn das Fintech die Bank aber nicht unterbieten kann (und man davon ausgeht, dass Faktoren wie „Geschwindigkeit“, „User Experience“ etc. pp. weniger entscheidend sind, als von Startup-Menschen gern behauptet wird) – dann kommt das Fintech nicht umhin, mit seinem Angebot „genau solche Bonitäts-Populationen anzuziehen, die dann zu höheren Ausfällen führen“, wie es ein Kenner der Geschäfts ausdrückt. Was dann wieder zu höheren Risikokosten und höheren Ablehnungs-Quoten führt.

Das heißt alles nicht, dass sich dieser Mechanismus nicht auf mittlere und lange Sicht durchbrechen lässt. Aber: Bislang, so sieht es jedenfalls aus, tun sich die Anbieter sehr schwer, ihn zu durchbrechen.

Herber Wachstums-Knick bei deutscher Funding Circle

4.) Sind kleine SMEs vielleicht auch einfach nur die falsche Zielgruppe?

Naja, zumindest fällt auf, dass der lange Zeit auf Ratenkredite (und zwar auf sogenannte Near-Prime-Ratenkredite) spezialisierte Düsseldorfer Marketplace-Lender Auxmoney auf deutlich höhere Volumina kommt, als das bei Funding Circle Deutschland oder beim ebenfalls auf „Klein-KMUs“ ausgerichteten Frankfurter Anbieter Creditshelf der Fall war. So vermittelte Auxmoney 2018 Kredite im Umfang von rund einer halben Mrd. Euro, verglichen mit (siehe oben) den umgerechnet knapp 200 Mio. Euro von Funding Circle in Deutschland und den Niederlanden zusammen im Jahr 2019.

Zugleich ist der Cashburn von Auxmoney zumindest zwischen 2015 und 2017 signifikant gesunken (aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor).

5.) Ist das Kreditgeschäft zu komplex, als dass es sich für eine rasche Internationalisierung eignen würde?

Naja, zumindest dürfte es Fintech-Segmente geben, in denen das deutlich einfacher geht – die Neobanken N26 und Revolut sind gute Beispiele hierfür. Nochmal als Referenz der deutsche Marktführer Auxmoney: Da hat der Gründer und Chef Raffael Johnen schon vor Jahren betont, dass eine internationale Expansion eher nicht zu seinen vorrangigen Zielen gehöre. Begründung: Das Geschäftsmodell lasse sich nicht 1:1 auf andere Länder übertragen.

6.) Hat die Entscheidung von Funding Circle, das Berliner (und übrigens auch das Amsterdamer) Büro dichtzumachen, etwas mit der Börsennotiz zu tun?

Vermutlich ja. Wir würden vermuten, dass die Story jetzt ungefähr so geht: Das UK-Geschäft läuft Richtung Profitabilität. Das US-Geschäft sorgt für das Wachstum. Und die beiden übrigen Märkte, nämlich Deutschland und die Niederlande, werden aus Gründen der Fokussierung dichtgemacht. Wäre Funding Circle nicht öffentlich gelistet und hätte langfristig orientierte Investoren, dann hätten diese Investoren möglicherweise gesagt: Geben wir den beiden kontinentaleuropäischen Märkten die Zeit, die sie brauchen.

7.) Sind Sparkassen und Volksbanken jetzt die großen Gewinner?

Naja, zumindest haben sie ihr Geschäft gegen den britischen Fintech-Eindringling verteidigt. Was freilich nicht automatisch heißt, dass sie in diesem Geschäft wirklich Geld verdienen. Und es heißt auch nicht, dass sie gegen weitere Attacken immun wären.

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