Exklusiv

Wir legen die Zahlen des (klandestinen) Factoring-Fintechs Modifi offen

Nelson Holzner zählt zwar zu den bekanntesten Köpfen der Berliner Fintech-Szene (schließlich legte er vor ein paar Jahren einen der ersten großen hiesigen Fintech-Exits hin, als sein Rechnungszahlungs-Spezialist Billpay für kolportierte 70 Mio. Euro an Klarna ging) – wenig bekannt ist allerdings über sein bald darauf gegründetes zweites Finanz-Startup Modifi. Wobei man immerhin ahnen könnte, dass Modifi sooooo klein nicht sein kann. Immerhin sicherte sich das zunächst in Berlin gestartete, aber inzwischen von Amsterdam aus operierende Fintech vor zwei Jahren eine 100 Mio. Euro schwere Refinanzierungslinie der britischen Großbank HSBC; und erst jüngst wurde eigen Equity-Funding über 15 Mio. Dollar bekanntgegeben.

Grund genug, also endlich mal die Geschäftszahlen von Modifi aufzutreiben!

Doch erst einmal kurz die Hintergründe: Modifi (recht früh von namhaften Kapitalgebern wie Rocket Internet und Maersk finanziert) startete 2018 mit dem Ziel, kleinen und mittelständischen Unternehmen beispielsweise in China oder Indien einen plattform-basierten Zugang zu Lieferketten-Finanzierungen zu ermöglichen. Auf Verkäuferseite mittels Forderungskauf, bei dem das Fintech gegen Gebühr und Zinsen offene Rechnungsbeträge an den B2B-Kunden auszahlt und die Forderungen auf seine Bilanz nimmt. Und auf Verkäuferseite durch die Vorfinanzierung von Bestellungen. Für dieses sogenannte „Buyer Financing“ ging das Fintech damals übrigens eine Kooperation mit der Solarisbank ein (siehe hier).

Und heute nun, sieben Jahre später? Bestätigt der Blick in den 2023er-Abschluss zwar, dass Modifi inzwischen in der Tat ein ordentliches Rad dreht. Neben einer gewissen Traktion zeigen sich aber auch die Schwierigkeiten des Geschäftsmodells.

Hier die sechs wichtigsten Erkenntnisse:

  1. Neben der Amsterdamer B.V. und der deutschen GmbH zählt Modifi mittlerweile Niederlassungen in Indien, China, den USA, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Luxemburg – wobei es sich bei letzterer um eine Mantelgesellschaft für ein Finanzierungsvehikel („Special Purpose Vehicle“) handelt, über das die Refi-Linie der Bankpartner (mehr dazu weiter unten) für die Handelskredite genutzt wird.
  2. Der entscheidende Ertragstreiber bei Modifi ist das Geschäft mit den Verkäufern, also der Forderungskauf. Per 31. Dezember 2023 lag die Summe der sogenannten „Pledged Assets“ (also der Rechnungen, die Modifi in seine Bilanz genommen hatte) bei 147 Mio. Euro und damit 65% über dem Vorjahr. Die „Pledged Assets“ werden im Wesentlichen in US-Dollar gehalten. Der Zinsertrag kletterte 2023 um 49% auf 13 Mio. Euro.
  3. Der Zinsüberschuss ist über die Zinswende hinweg extrem gewachsen – von gerade mal 127.000 Euro in 2020 auf 4,5 Mio. Euro in 2023. Da zuletzt der Zinsaufwand allerdings überproportional zum Ertrag stieg, flachte die jährliche Wachstumsrate beim Überschuss in 22/23 auf 11% ab.
  4. Die Provisionserträge, insgesamt knapp 1,6 Mio. Euro, generierten sich zu 69% aus dem „Buyer Financing“ in Europa – und dort vor allem aus Transaktionsgebühren. Der wesentliche Kostentreiber war die Versicherung der Kredite, die allein 1,0 Mio. Euro von insgesamt rund 1,5 Mio. Euro Provisionsaufwand ausmachte. Der Provisionsüberschuss belief sich dadurch auf letztlich nur rund 100.000 Euro.
  5. Der größte Kostenblock bei Modifi ist, wie bei anderen Fintechs auch, der Personalaufwand – wobei sich dieser durch eine sinkende Beschäftigtenzahl (von 102 auf 74 Mitarbeiter per Ende 2023) von 7,3 Mio. Euro auf 5,9 Mio. Euro reduzierte. Auch der sonstige Verwaltungsaufwand ging von 3,2 Mio. Euro auf 2,8 Mio. Euro zurück, vornehmlich deshalb, weil das Fintech seine Marketingausgaben (die für rund ein Drittel der sonstigen Kosten stehen) um ein Viertel zurückfuhr. Interessant ist, dass 2023 erstmals zwei wesentliche Kostenblöcke für Modifi hinzukamen, nämlich erstens Wertberichtigungen auf Kreditausfälle, die mit knapp 1,8 Mio. Euro im Vergleich zum Vorjahr verdreifachten, und zweitens ein Währungsverlust von knapp 800.000 Euro, nachdem im Vorjahr noch ein Gewinn von 900.000 Euro verbucht worden war.
  6. Der Jahresfehlbetrag belief sich auf 6,8 Mio. Euro (Vorjahr: 5,8 Mio. Euro), bei einem kumulierten Cashburn von 21 Mio. Euro. Per Ende 2023 verfügte Modifi noch über knapp 11 Mio. Eigenkapital.

In der Prognose für 2024 rechnete Modifi zwar mit „verbesserten Marktkonditionen“, ohne allerdings konkrete Zahlen zu nennen. Dafür finden sich im Abschnitt „Subsequent events“ einige Hinweise dazu, wie sich das Setup mit Modifis Bankpartnern im letzten Jahr verändert hat.

  • Die Refi-Linien für die Forderungskäufe kommen im Wesentlichen von der schon erwähnten HSBC (genauer: von der Sparte „HSBC Innovation Banking“, also dem ehemaligen UK-Geschäft der implodierten Silicon Valley Bank) sowie von Goldman Sachs Asset Management. Laut Geschäftsbericht wurden die Konditionen aus dem 100 Mio. Euro schweren HSBC-Deal angepasst (unter anderem fällt eine 5% Eigenkapital-Anforderung weg, mit der Modifi die Finanzierungen zuvor unterlegen musste). Die Goldman-Linie wiederum wurde im Mai 2024 von 75 Mio. Dollar auf 112,5 Mio. Dollar aufgestockt.
  • Per Ende April 2024 wickelte Modifi seine Käufer-Finanzierung ab – also jenen Teil des Geschäfts, der über die Solarisbank lief. In dem Zusammenhang seien 2 Mio. Euro an Cash-Sicherheiten, die Modifi bei Solaris hinterlegt hatte, zurückgeflossen.

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