Exklusiv

99 Cent pro Monat: Auch die ING Diba bepreist die Girocard

2. November 2021

Von Christian Kirchner

Bei der ING Deutschland fällt das nächste Tabu: Ab März 2022 soll die bislang kostenlose Girocard 99 Cent pro Monat bzw. knapp 12 Euro pro Jahr kosten. Die neue Kartengebühr gilt für Neu- wie Bestandskunden, sofern letztere der entsprechenden Änderung zustimmen, welche die ING in den kommenden Tagen bei allen Kunden einholen will. Das geht aus dem neuen, auf der ING-Diba-Website hinterlegten Preis-Leistungs-Verzeichnis hervor. Ein ING-Sprecher bestätigte am späten Dienstag die Einführung und kündigte für Mittwoch die entsprechende Kommunikation an.

Das heißt mit anderen Worten: Die größte Direktbank des Landes verabschiedet sich de facto vom kostenlosen Girokonto. Denn zumindest in ländlichen Regionen und bei vielen Bezahlvorgängen mit Behörden können Kunden auf die Girocard kaum verzichten. Somit stellen die neuen Kosten quasi eine neue Art von Mini-Grundgebühr dar. Die neue Gebühr gilt pro Karte, das heißt, bei gemeinschaftlich geführten Konten fällt die Gebühr auch zweimal an. Allerdings kann die Girocard auch ab Dezember von Kunden abbestellt werden, um die Gebühren zu vermeiden.

Bislang sind Girokonten bei der ING Diba kostenfrei – jedenfalls, wenn das Konto tatsächlich aktiv genutzt wird. Der Kunde erhält automatisch und kostenfrei nicht nur eine Girocard (mit Maestro-Co-Badge), sondern auch eine Visa-Debitkarte. Letztere soll der neuen Preisliste zufolge auch kostenlos bleiben.

Somit geht die Oranje-Bank denselben Schritt, den vor einiger Zeit bereits die Comdirect gegangen war und den jüngst auch die DKB angekündigt hat: Die kostenfreie Visa-Debit wird zum „Top of Wallet“-Produkt, die Girocard ist nur noch eine optionale Leistung (Comdirect) bzw. sogar kostenpflichtig (DKB zunächst für Neukunden). Da auch die Consorsbank die Girocard seit März bepreist, ist der mit Abstand wichtigste Kartentyp hierzulande demnächst also bei den vier wichtigsten klassischen deutschen Direktbanken kostenpflichtig und/oder nur noch optional erhältlich.

Interessant ist an dem Schritt, dass die ING offenbar den Weg vieler Institute geht und aufgrund des BGH-Urteils zur Zustimmungsfiktion nun einen „Doppelpack“ schnürt: Zum einen holt man sich von Kunden die notwendige Zustimmung zu neuen AGBs und Änderungen der Vergangenheit, andererseits packt man dann gleich neue Maßnahmen in die gleiche Kommunikation. So enthält das neue Preis- und Leistungsverzeichnis nicht nur die neue Girocard-Gebühr, sondern unterscheidet auch nicht zwischen Neu- und Bestandskunden beim Verwahrentgelt von 0,5 Prozent pro Jahr ab 50.000 Euro Guthaben.

Stimmen Kunden der Änderung und den neuen AGBs zu, gelten alle Maßnahmen als vereinbart. „Wir werden unsere Kundinnen und Kunden in den kommenden Tagen vorab informieren, dass wir ab Ende November 2021 auf sie zukommen, um die neuen Konditionen mit ihnen zu vereinbaren. Vor dem Hintergrund des BGH-Urteils werden wir im Zuge dessen auch ihre Zustimmung zu bestimmten, vergangenen Änderungen einholen“, erklärte ein Sprecher auf Nachfrage.

Sich den Änderungen zu verweigern, dürfte strategisch die Gefahr bergen, dass die Bank künftig die Vertragsbeziehung auflöst – einerseits, weil ansonsten unter allen Kundinnen und Kunden ein technisch schwieriges Konditions-Wirrwarr herrscht, andererseits, weil Banken nun mit dem für sie aufwändig umzusetzenden BGH-Urteil gute Gründe haben sind, für sie unprofitable Kundenbeziehungen zu beenden.

Sollte es der ING Diba gelingen, die Bepreisung bei ihren 2,9 Mio. Girokonto-Kunden durchzusetzen, wäre der Schritt klar ertragsrelevant: Multipliziert mit 99 Cent pro Monat und hochgerechnet auf zwölf Monate ergibt sich ein theoretisches Erlöspotenzial von rund 35 Mio. Euro pro Jahr. Das wären rund 7% des 2020er-Provisionsüberschusses.

Die ING Diba stellt auch seit längerem (siehe hier) Überlegungen zur Einführung einer Charge-Kreditkarte mit monatlicher Abrechnung an. Allerdings hat CEO Nick Jue noch im Februar im Finanz-Szene-Podcast erklärt, man wolle sich mit dieser Einführung Zeit lassen, bis die Menschen nach Corona wieder mehr reisen – und die Charge-Kreditkarten über den Auslandseinsatz ein funktionierendes Geschäftsmodell darstellen. Hinweise auf die Charge-Karte enthält das neue Preis-Leistungs-Verzeichnis allerdings nicht, weshalb nicht mit einer zeitnahen Einführung zu rechnen ist.

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