Leser-Blog

Branchen-Insider erklären die Hintergründe des Terminal-GAUs

31. Mai 2022

Von Christian Kirchner

Unter einem Mangel an Leser-Post leiden wir ja selten. Dass sich aber gefühlt die halbe Branche bei uns meldet (okay: die halbe Payment-Branche) – das ist dann doch die Ausnahme. Insofern, erst einmal Dankeschön!

Was nun das Inhaltliche angeht: So ganz grob glaubten wir die Hintergründe des Terminal-GAUs im deutschen Einzelhandel ja bereits aufgedröselt zu haben (siehe am Montag unser Artikel -> Wie es zum Terminal-GAU kam – und die fatale Rolle der DK”). Das Feedback diverser Branchen-Insider ermöglicht uns heute allerdings noch einmal einen deutlich tieferen, wenn auch an der ein oder anderen Stelle subjektiv gefärbten Einblick, die komplexe Gemengelage.

Unser Leser-Blog:

“Moderne Geräte sind kaum verfügbar”

“Hier kam alles zusammen: Die Pandemie hat der Nachfrage nach Terminals einen immensen Schub verliehen. Allerdings sind moderne Geräte (also solche gemäß ‘TA 7.2.’-Standard) aufgrund des globalen Chip-Mangels kaum verfügbar – zumal diesen Markt ja gerade mal drei Hersteller unter sich aufteilen, nämlich Ingenico, CCV und eben Verifone. Es ist quasi ausgeschlossen, hier kurzfristig zehntausende Terminals oder gar eine sechsstellige Zahl von Geräten als Ersatz zu beschaffen, sollte sich das Problem mit dem immer noch stark verbreiteten ‘H5000’ nicht anderweitig lösen lassen. Diese Beschaffungsprobleme sind auch der Grund, warum dem H5000-Terminal trotz der ‘End of Life’-Ansage von 2018 eine regulatorische Gnadenfrist bis Ende 2024 gewährt wurde.


“Verantwortung ganz klar bei Verifone”

“Die Verantwortung für diesen Defekt müssen Sie ganz klar bei Verifone suchen und bei niemandem anderem. Die Payment Service Provider haben genauso wie die Händler einen Anspruch, dass die eingesetzten Terminals einwandfrei funktionieren. So ein großflächiger, tagelanger Ausfall ist unentschuldbar. Nicht ohne Grund werden Updates in der Regel in Testkreisen von 10, 50 und dann 100 und mehr Geräten gefahren und man achtet genau darauf, wie die Terminals reagieren und stellt sicher, dass alles funktioniert hat.”


“Ohne ‘Single Tap’ sind dann eben künftig Extra-Gebühren fällig”

“Mastercard möchte mit seiner Strafgebühr nicht die Kunden zu besseren Sicherheitsstandards nötigen – sondern schlicht Geld verdienen, zumal es nur um ein Komfortthema geht: Fordert die Kontaktlos-Zahlung die PIN-Eingabe, muss die Karte bei bestimmten Terminals ein zweites Mal vorgehalten werden. Beherrscht das Gerät diesen ‘Single Tap’ nicht (und genau das war beim H5000 der Fall), sind dann eben künftig die Extra-Gebühren fällg. Ginge es um Sicherheit und wollte man diese durchsetzen, gäbe es ja Möglichkeit, die entsprechenden Transaktionen schlicht gar nicht anzubieten und abzulehnen – damit würde man die Aufrüstung der Terminals auf neue Standards von alleine forcieren. Aber das ist wegen der Knappheit auch keine Option.”


“Mastercard-Standard vom H5000 nicht erfüllt”

“Mastercard hat Strafzahlungen aller Art zu einem wesentlichen Geschäftsfeld erhoben. Incompliance mit einem DK-Standard macht aber eher keinen Sinn. Es muss also auch eine Feldbelegung/Terminalverhalten im Mastercard-Standard gegeben haben, die vom H5000 nicht erfüllt wurde.”


“Der ein oder andere Händler hat selbst das Terminal ausgewählt”

“Große Händler schreiben Acquiring, technischen Netzbetrieb und Terminal-Ausstattung regelmäßig getrennt aus. Bei Kalibern wie Aldi, Deutsche Bahn usw. gehe ich davon aus, dass zumindest der ein oder andere Händler selbst das Terminal ausgewählt hat. Dies ggf. auch dann, wenn Payment Service Provider wie Payone oder Fiserv die Geräte kommissionieren und aufstellen.”


“Die Gnadenfrist für den H5000 war eine reine Notlösung”

“Es gibt zum H5000 einen spannenden Hintergrund: Es handelt sich um ein von Verifone speziell für den deutschen Markt konzipiertes Terminal. Konkret sollte es optisch aussehen wie sein sehr erfolgreicher Vorgänger, das “Atema Hybrid”, weil so Kassierer wie Nutzer schon den Aufbau kannten und Nutzungsroutinen hatten. Weil das hervorragend funktioniert hat, kam das H5000-Terminal teils auf Marktanteile in der Größenordnung von 40%. Dann sind allerdings zwei Dinge passiert: Zum einen wurde Verifone 2018 von einem Finanzinvestor übernommen, und zwar von Francisco Partners. Der neue Eigner kündigte sogleich nach der Übernahme massive Stellenstreichungen an, am deutschen Standort Bad Hersfeld sank die Zahl der Mitarbeiter seit 2015 um 25%. Zum anderen sollte – entgegen einer ursprünglichen Ankündigung! – das H5000-Terminal dann auch keine Unterstützung für den neuen ‘TA 7.2.’-Standard bekommen, möglicherweise auch, weil man dafür keine Entwickler-Kapazitäten bereitstellen wollte. Stattdessen wurde das Gerät per ‘End of Life’ in Rente geschickt, obwohl viele Händler sich das Terminal in dem Glauben geholt hatten, damit dauerhaft arbeiten zu können. Statt am H5000 zu basteln, sollte Verifone die volle Konzentration auf eine neue Gerätegeneration legen, die sogenannte “Engaged”-Serie, welche man aber strategisch erst nach und nach bis 2025 zu verkaufen gedenkt, auch wegen des Chip-Mangels. Dass man dem H5000 noch Gnadenfrist gewährt hat, ist als reine Notlösung der Deutschen Kreditwirtschaft zu verstehen – die hat das pragmatisch gelöst, denn es gibt schlicht nicht genügend neue, moderne Terminals im Verkauf.”

Anmerkung: Finanz-Szene hat Verifone um einen Faktencheck sowie Stellungnahme zu den genannten Punkten gebeten (die sich allerdings größtenteils anhand der Geschäftsberichte nachvollziehen ließen), aber bis Redaktionsschluss am späten Dienstag keine Antwort erhalten.


“Verifone hatte den deutschen Markt schon mal verlassen”

“Die Gründe für die jetzigen Probleme sind vielschichtig – aber in jedem Fall hat auch der Hersteller selbst einiges beigetragen. Als Verifone 2010 den Wettbewerber Hypercom übernommen hat, war das H5000 gerade fertig entwickelt. Verifone hatte sich mit der Übernahme gleich mehrere Herausforderungen eingehandelt. Problem 1: Die Hypercom-Produkte waren schon in die Jahre gekommen, als man diese hier in Deutschland mit relativ wenig Erfolg im Markt platziert hat. Problem 2: Verifone hatte den deutschen Markt schon mal verlassen. Trotzdem gab es noch im hiesigen Handel noch Verifone-Terminals, die allerdings von der CCV vertrieben wurden, mit deren Software. Insofern konnte man jetzt schlecht hergehen und parallel die Produkte mit eigener Software ins Feld bringen. Also hat man sich damals – und das war das dritte Thema – entschieden, dem lokalen Produkt eine Chance zu geben, also dem H5000. Diese Entscheidung führte jedoch dazu, dass die Verifone damit quasi nur ein einziges Produkt im Portfolio hatte. […] Aus der Situation heraus wurde das H5000 eben sehr lange am Leben gehalten.”


“Knowhow-Verlust bei der Deutschen Kreditwirtschaft”

“Dass innerhalb der Deutschen Kreditwirtschaft die Federführung jedes Jahr zwischen BdB, DSGV und BVR wechselt, ist höchst anachronistisch – und führt zu einem Knowhow-Verlust, der im schlimmsten Fall zu einem Problem wie jetzt dem gerade beiträgt.”

Zu dieser Stimme erreichte uns am Mittwoch früh eine zusätzliche Rückmeldung:

“Ich kann die Stimmen zu 90% nachvollziehen. Der letzte Eintrag entbehrt jeder Grundlage. Die Teilnehmer sind teilweise 10 Jahre und länger Teilnehmer. Wer die Sitzungsleitung als Verband hat oder das DK-Sekretariat leitet, ist irrelevant bzgl. Kompetenz. Know-How Verlust sehe ich da nicht. Der Beitrag ist reines DK-Bashing.”

 


Wie es zum Terminal-GAU kam – und die fatale Rolle der DK

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

 

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing