Warum Apple Pay via Girocard so ein großes Ding ist

15. Juli 2020

Von Hendrik Dahlhoff

Es ist ein Auftritt, der vor Selbstbewusstsein strotzt: „Apple Pay mit der Girocard kommt diesen Sommer“, verkündeteten die Sparkassen gestern auch offiziell (wir hatten’s letzte Woche ja schon gemutmaßt) – und schrieben gleich in einem gut sichtbaren, leicht gekippten Banner dazu: „NEU: Die ersten mit Girocard“. Ganz offenbar haben die Sparkassen entsprechende Exklusivitäts-Vereinbarungen mit den Amerikanern geschlossen. Damit ihnen bloß keine andere Bank zuvorkommt.

Und in der Tat: Apple Pay via Girocard – das ist ein großes Ding. Technisch. Aber auch strategisch. Ein potenzieller Gamechanger. Grund genug für ein großes FAQ:

Warum haben sich die Sparkassen für Apple Pay via Girocard entschieden?

Zunächst gilt: Es spart langfristig betrachtet Zeit, Nerven und Geld, sich unabhängiger von  Visa und Mastercard zu machen. Denn in der „klassischen“ Variante von Apple Pay (die Hinterlegung einer physischen oder virtuellen Debit- oder Kreditkarte von Visa oder Mastercard) kassieren die beiden Kreditkarten-Schemes mit. Und: Man liefert dem Duo auch strategisch aus. Jedenfalls wenn man unterstellt, dass Apple Pay künftig eine Commodity im Retail-Banking sein wird.

Nun gehört zur Wahrheit freilich auch, dass sich ausgerechnet die Sparkassen (die jetzt bei der Girocard-Lösung den Exklusiv-Deal suchen) Apple Pay lange Zeit verweigert haben. Gilt also weiterhin das, was unserer Ansicht nach vor einem Jahr noch galt – nämlich dass sich die Sparkassen der Übermacht des US-Technologiekonzerns gebeugt haben? Nicht unbedingt! Denn vielleicht lässt sich das Ganze mittlerweile auch so interpretieren, dass nicht Apple die Sparkassen sondern umgekehrt die Sparkassen Apple in einen Deal gezwungen haben.

Denn: Die verspätete Einführung von Apple Pay bei den Sparkassen (also die Einführung per Kreditkarte war dem Vernehmen nach ein solcher Erfolg (siehe hier), dass die Amerikaner damals regelrecht auf den Geschmack gekommen sein dürften. Und dass man in Cupertino spätestens da gemerkt hat: Wenn Apple Pay in Deutschland ein Erfolg werden soll – dann kommt man an den 45 Mio. Girocards von Sparkassen-Kunden nicht vorbei. (Uns ist natürlich bewusst, dass der größere Teil hiervon Android-Nutzer sind – aber die Rate der Nutzer von mobilem Bezahlen dürfte mutmaßlich bei Apple-Nutzern höher sein).

Nach allem, was wir hören, waren es die Amerikaner, die in den letzten Wochen Druck gemacht haben, die Verbindung von Apple Pay und Girocard möglichst rasch und damit noch im Sommer zu finalisieren. Der Verhandlungsposition der Sparkassen dürfte das nicht geschadet haben.

Was spricht strategisch für die Integration von Apple Pay in die Girocard?

Schlicht gedacht ist das Motiv der Sparkassen: Wenn wir Apple Pay auch per Girocard anbieten – dann werden mehr unserer Kunden mit Apple Pay bezahlen. Es könnte allerdings lohnen, den gestern verkündeten Schritt mal ein bisschen weiter zu denken: Wenn es den deutschen Banken mit #DK (also mit der Verschmelzung von Girocard, Giropay und Paydirekt) wirklich ernst ist und das #DK-Projekt in einem zweiten Schritt tatsächlich in die geplante European Payment Initiative hineinwächst (also ein regelrechtes europäisches Payment-Scheme entsteht) – dann ist die Verknüpfung der Girocard mit Apple Pay sicherlich nicht der dümmste Schritt. Denn: Ein europäisches Payment-Scheme ohne Apple Pay wäre aus Kundensicht (und diese Sicht ist ja die entscheidende …) von vornherein eher unattraktiv. Man kann und muss das Ganze aber vermutlich sogar noch einen Schritt weiter denken: Wird die Girocard perspektivisch auch E-Commerce-fähig? Können Debitkarten von Visa bzw.  Mastercard als Co-Brand zugeschaltet werden?

Werden die „Mastercard/Visa-Debitkarten“-Initiativen bei den Sparkassen jetzt ausgebremt?

Nicht unbedingt. Die verschiedenen Lösungen können durchaus nebeneinander existieren. Sollten Apple Pay und die Girocard irgendwann eine hinreichend große Marktdurchdringung haben – dann kann man das Ganze ja trotzdem über die Debit-Lösung von Visa bzw. Mastercard noch aufwerten, etwa für den einfachen Auslandseinsatz.

Und was ist mit den Debit-Lösungen anderer Banken?

Sollte Apple Pay via Girocard bei den Sparkassen zum Erfolg werden – dann wird der Druck auf andere Banken steigen, ihren Kunden dasselbe anzubieten. Was zumal für Institute gilt, die jenseite der Girocard bislang keine Debit-Alternativen anbieten. Und: Auch der Akzeptanzvorteil ist zu beachten. Typischerweise sind noch viele Bäcker, Parkautomaten, Fahrkartenautomaten, Behörden und kleinere Läden vollständig auf die Girocard ausgerichtet, sodass eine Akzeptanz von Mastercard oder Visa nicht möglich ist. Den Sparkassen dürfte das recht sein: Man ist First Mover, hat ein bisschen Exklusivität – und ziehen andere nach, festigt das zudem die Rolle der Girocard.

Auch hier gilt: Es ist keine Entweder-Oder-Frage zwischen den Girocards auf der einen und Mastercard/Visa-Debitkarten physisch oder virtuell auf der anderen Seite. Eine Koexistenz ist hier durchaus denkbar, solange keine hausspezifischen Exklusivitäts-Deals mit Visa/Mastercard bestehen. Insgesamt dürfte sich mit dem gestrigen Tag die Verhandlungsposition aller deutschen Banken gegenüber den beiden großen US-Schemes verbessert haben.

Warum haben sich die Sparkassen ursprünglich so viel Zeit mit Apple Pay gelassen?

Unklar. Vielleicht haben die Sparkassen das Thema Apple Pay am Anfang dann doch zu langsam angegangen; vielleicht haben sie darauf gesetzt, dass Apple seine NFC-Schnittstelle für die sparkasseneigene „Mobile Payment“-Lösung öffnen muss; vielleicht hatten die Sparkassen aber auch von Anfang an das (richtige) Grundgefühl: Entscheidend ist nicht die Kreditkarte. Entscheidend ist die Girocard.

Was es in diesem Kontext freilich auch zu bedenken gilt (auch wenn’s jetzt ein wenig nerdig wird): Der wesentliche Unterschied zwischen Apple Pay und Google Pay ist: Bei Apple Pay sind Transaktionen auch komplett ohne Internetverbindung möglich, der „Secure Element”-Chip in Zusammenarbeit mit der “Secure Enclave” generiert auch „On Device“ die (für einen Bezahlvorgang nötigen) Sicherheitsschlüssel.

Google Pay benötigt dagegen immer wieder eine Internetverbindung, die Token werden dann in der Cloud erzeugt und bei bestehender Internetverbindung in kleinen Tranchen nachgeladen. Der Unterschied ist technisch eher minimal. Die Sparkassen haben sich aber – sicherlich und vor allem auch aus datenschutzrechtlichen Bedenken – , wie andere Banken schon früh gegen Google Pay entschieden und stattdessen eine eigene Android Lösung für das mobile Bezahlen unabhängig von Google Pay entwickelt. In der „großen Kooperationsfrage“ waren die Sparkassen aber auf Apple Pay damit angewiesen – und folglich war auch die eigene Apple-Strategie des „Aussitzens“ zum Erfolg verdammt.

Was wissen wir über den Erfolg der bisherigen Mastercard- und Visa-Lösungen für Apple Pay bei den Sparkassen?

Offen gestanden liegen uns seit dem durchschlagenden Erfolg bei der Einführung (nochmal der Hinweis auf das Stück: „Sparkassen im Apple-Rausch: Offenbar > 200.000 Aktivierungen„) keine neuen Zahlen mehr vor. Aus dem roten Lager ist allerdings zu hören, dass der Erfolg angehalten hat. Vermutlich haben die Sparkassen hierdurch erheblich an Verhandlungsmacht gewonnen haben und wurden so zum bevorzugten Partner von Apple Pay in Deutschland.

Warum wurde der Streit um die NFC-Schnittstelle begraben?

Siehe oben: Unklar. (Für die Nicht-Nerds hier nochmal unser  Stück zur sogenannten Lex Apple Pay; daraus geht hervor, was mit der NFC-Schnittstellt überhaupt gemeint ist und warum das Thema so ein Aufreger war).  Vielleicht haben sich die Sparkassen an dieser Stelle falsche Hoffnungen gemacht; vielleicht waren die Forderungen nach einer Öffnung der NFC-Schnittstelle aber auch einfach nur verhandlungstaktisch geschickt (übrigens: Vielleicht stimmt ja auch beides …).

Was ist nun mit den anderen Banken?

Auf der Hand liegt, dass alle Banken ein Interesse daran haben, möglichst schnell möglichst viele Kunden an Apple Pay heranzuführen: Zum einen, weil kontaktlose Zahlungen einen Boom erlebt. Zum anderen, weil man ein bisschen mitverdient an der Transaktion. Vor allem aber, weil eine rasche Adaption digitaler Bezahlmöglichkeiten den Banken hilft, Kosten zu sparen, etwa in der Bargeld-Bereitstellung über Automaten beim Privatkunden. Retail-Banking-Experten glauben, dass der Ersparnis-Faktor den der potenziellen Erlöse deutlich überwiegt.

Fest dürfte stehen: Aus Sicht von Apple gilt 2020 als Jahr der Debitkarte. Die direkte Abbuchung vom Girokonto ist immer noch die bevorzugte Form der Kunden in Deutschland – und daran wird sich so bald auch nichts ändern.

Kommt nach dem Girocard-Apple-Pay-Durchbruch auch die Girocard fürs E-Commerce?

Kann sein. Zumindest ist (wenn auch sehr leise) zu hören, dass angeblich an Lösungen für eine E-Commerce-fähige Girocard gearbeitet werden soll. Sinn würde es fraglos machen. Auch (siehe oben) im Kontext von #DK. Heute und morgen ist mit einem Durchbruch auch an dieser Front aber sicherlich noch nicht zu rechnen. Im Fokus steht also erst einmal der physiche Point of Sale.

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