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Der 130-Mio.-Euro-Deal: Was will Nexi mit Orderbird?

Wir waren für 7 Uhr morgens zum Frühstück verabredet, damals, im Sommer 2014, in einem Kaffee in Berlin-Mitte. Jakob Schreyer kam im Hipster-Look und etwas übermüdet und erklärte mir, seine Firma habe am Vorabend ein „Team-Event“ gehabt, das offensichtlich bis in die Morgenstunden gegangen war. Hier der (damalige) Anzugträger Mosen. Dort der Fintech-Gründer Schreyer. Klischee traf Klischee. Gefunkt hat es trotzdem zwischen uns.

Ich war damals seit ein paar Monaten Geschäftsführer des damals noch bankeneigenen Bezahldienstleisters Concardis; Schreyer war CEO des jungen Kassensystem-Fintechs Orderbird. Ein paar Monate später investierten wir 6 Mio. Euro in Orderbird und stiegen mit rund 22% der Anteile zum größten Gesellschafter auf. “Ausgerechnet im Zahlungsverkehr kommt es jetzt zu einem reizvollen Schulterschluss zwischen einem gewöhnlich eher schwerfälligen Tanker und einer flotten kleinen Neugründung”, schrieb die “FAZ” damals.

Fast acht Jahre sind seitdem vergangenen. Und was damals losging, ist gestern nun vollendet worden: Der milliardenschwere europäische Payment-Konzern Nexi/Nets, der sich zwischenzeitlich Concardis und damit auch den Orderbird-Anteil einverleibt hatte, hat gestern verkündet, Orderbird komplett zu übernehmen. Mir ging es 2014 darum, dass Concardis ein aktiver „Konsolidierer“ wird (siehe diesen Artikel hier zur “Deutscher Payment-Champion”-Strategie) und wir via Orderbird eine strategische Payment-Partnerschaft mit der Gastronomie-Branche eingehen. Doch worum geht es heute Nexi/Nets?

Ein paar Gedanken:

1.) Welcher Kaufpreis ist geflossen?

Auch wenn die Entwicklung von Orderbird nicht ohne Brüche blieb, hat sich das Unternehmen über die Jahre eine marktführende Position als cloud-basierte Kassenlösung in der Gastronomie erarbeitet. Der gestern medial kolportierte Kaufpreis von 100 Mio. Euro erscheint daher realistisch, läuft er doch ungefähr auf eine Bewertung von ca. 130-140 Mio. Euro hinaus. Das ist ein Aufpreis im Vergleich zu dem, was der kanadische Lightspeed-Konzern 2020 bei der Übernahme des Berliner Kassensystem-Fintechss Gastrofix bezahlt haben soll (kolportierte rund 100 Mio. Euro, siehe hier im Finanz-Szene-Archiv) – und es ist deutlich mehr als die 30 Mio. Euro, die jüngst bei der Übernahme des Berliner Orderbird-Konkurrenten Tillhub durch den Payment Service Provider Unzer als Bewertung genannt wurden (siehe diesen Artikel hier bei Finance Forward). Mithin: Ein richtig guter Exit für alle Beteiligten, zu denen neben dem Management und Concardis z.B. auch der Maschmeyer-Fonds Alstin, die Metro Gruppe und der VC-Investor Digital+ gehören.


2. Was ist die industrielle Logik hinter diesen Transaktionen?

Die Nexi-Gruppe erwirbt die Fähigkeit, cloud-basierte und payment-nahe Services am POS in der Gastronomie anzubieten. Also das, was auch Unzer (vormals Heidelpay) mit Tillhub vorhat. Während Orderbird den Fokus (bisher) auf kleinere und mittelgroße Gastronomen legte, war und ist der Zielkunde bei Tillhub der größere Retail-Händler. Gerade in diesem Segment ist die Fähigkeit, alle Payment-Transaktionen über eine Kassenplattform abzuwickeln, besonders wichtig. Denn Kartenzahlungen können somit einfacher im Omnikanal-Geschäft, also am POS oder im Online-Store, angeboten und intern verarbeitet werden. „Unified Commerce“ ist hier das neue Zauberwort. Die bisherige Kassenlösung wird zum Herzstück einer Plattform, die eine effizientere und schnellere Kommunikation zwischen Händler und Kunde ermöglicht.


3. Wie wird es nun weitergehen?

Beide Transaktionen (also Tillhub/Unzer und Orderbird/Nexi) belegen die These, dass Payment- und Kassenfunktion im Zeitalter der Cloud zusammenwachsen. Ob Tillhub seinen bisherigen Fokus auf große Retail-Händler beibehalten wird und künftig unter der Marke Unzer auch im Gastronomie-Bereich Erfolge anstrebt, bleibt abzuwarten. Wenn Orderbird-CEO Schreyer jedoch jetzt in der Pressemitteilung vom „Ausbau der vertikalen Software-Payment-Fähigkeiten auf breiter Basis“ spricht, dann denkt er sicherlich weit über den kleinen Gastronomiebetrieb als Kunden hinaus. Dass Orderbird künftig auch in Polen oder in Italien angeboten werden dürfte, ist für die in zahlreichen europäischen Ländern bereits gut aufgestellte Nexi derweil ein “No-Brainer”.

Anders als bei der Gastrofix-Akquisition durch Lightspeed, soll der Orderbird-Brand offensichtlich erhalten bleiben. Das ist eine richtige Entscheidung, denn die Marke wurde über zehn Jahre aufgebaut und gilt inzwischen (so jedenfalls mein Eindruck) als bekannteste Marke für Cloud-Kassen. Und „Orderbird, powered by Nexi“ macht sich in Europa sicherlich auch gut. Damit ist Orderbird jetzt zwar nicht Teil eines „deutschen Payment-Champions“, dafür aber eines europäischen.


4. Warum versucht es kein Gastro-Payment-Fintech stand-alone?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Eines muss man jedoch konstatieren: Keinem der drei Unternehmen ist es gelungen, nennenswert über die DACH-Region hinaus zu wachsen. Vielleicht war die Zeit dafür noch zu früh, oder es fehlte am dafür notwendigen Funding. Nexi und Unzer müssen jetzt den Beweis antreten, dass die Internationalisierung möglich ist. Der eindeutige Trend zum “Unified Commerce” wird auf diesem Weg helfen. Denn “Unified Commerce” ermöglicht nicht nur großen, sondern auch immer öfter kleinen Händlern mehr Kundennähe. Eine relevante Fähigkeit im digitalen Zeitalter – nicht nur im Überlebenskampf gegen große Plattformen wie Amazon & Co.


5. Warum übernimmt Nexi Orderbird, sondiert aber einen Verkauf von Ratepay?

Ob das wirklich so ist, sei mal dahingestellt. Wobei: Nachdem es zunächst Finanz-Szene und später dann auch “Bloomberg” so berichtet haben, wird schon was dran sein. Also, meine Theorie, in einem Satz: Orderbird ist ganz klar Kerngeschäft für Nexi – während sich der BNPL-Spezialist Ratepay irgendwann bei einem globalen “Buy now, pay later”-Player besser aufgehoben fühlen könnte.

Wie aus Orderbird ein (nahezu) profitables Fintech wurde


*Marcus W. Mosen war von 2014-2018 Geschäftsführer von Concardis und gilt als einer der profiliertesten deutschsprachigen Zahlungsverkehrs-Experten. Für Finanz-Szene analysiert er regelmäßig aktuelle Entwicklungen in der Payment-Branche.

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