Analyse

Die Wachstumsstory der Girocard kommt an ihr Ende

11. August 2021

Von Christian Kirchner

Die fehlende Online-Fähigkeit der Girocard kommt die deutsche Kreditwirtschaft teuer zu stehen: Laut gestern veröffentlichten Zahlen haben die Girocard-Umsätze im ersten Halbjahr trotz eines beispiellosen Karten- und Kontaktlosbooms das schwächste Wachstum verzeichnet, seit diese Daten öffentlich verfügbar sind (was inzwischen knapp zehn Jahre sind).

Insgesamt wuchs die Zahl der Transaktionen auf nunmehr 2,71 Mrd. Transaktionen und damit um 4,7%, verglichen mit dem ersten Halbjahr 2020. Schon etwas anders sieht das Bild aus, wenn man die über die Girocard abgewickelten Umsätze betrachtet: Diese stiegen auch, auf nunmehr 114 Mrd. Euro, allerdings betrug das Wachstum dort nur noch 2,0%.

Üblich waren in der Vergangenheit deutlich zweistellige Wachstumsraten – sowohl bei der Zahl der Transaktionen als auch bei den Umsätzen.

Vom Umsatzwachstum bleibt nichts übrig – real betrachtet

Die Lage dürfte noch etwas ernster sein, als sie auf den ersten Blick ohnehin schon aussieht. Denn real betrachtet, sprich unter Berücksichtigung der Inflationsrate, dürfte die Entwicklung der Umsätze im ersten Halbjahr sogar einen minimalen Rückgang markieren. Die Teuerungsrate in Deutschland kletterte im April über die Marke von 2,0% und erreichte zuletzt 3,8%. So gesehen, bleibt von den ohnehin mickrigen Umsatzwachstum nichts mehr übrig. Die Girocard, das in Deutschland noch immer mit Abstand populärste Zahlungsmittel jenseits des Bargelds, hat ein echtes Wachstumsproblem.

 

Der „deutlich härtere Lockdown im ersten Halbjahr 2021“ sei für den Wachstumsknick verantwortlich, schrieb die für die Girocard verantwortliche Euro Kartensysteme GmbH in einer Mitteilung. Dieser Lockdown habe vor allem den stationären Handel und die Gastronomie stärker ausgebremst, als dies noch im ersten Halbjahr 2020 der Fall gewesen sei.

Der Internethandel boomt – und die Girocard ist nicht dabei

Dies ist sicher zutreffend, etwa mit Blick auf den traditionell wichtigen Handel mit Kleidung. Allerdings lagen die Wachstumsraten der Girocard-Umsätze in der Vergangenheit stets bei einem Vielfaches des Umsatzwachstums im Handel. Auch sind die Basiseffekte durch den „Lockdown“ auch nur ein Teil der Geschichte, wie ein näherer Blick auf die Umsätze des deutschen Einzelhandels insgesamt zeigt: Diese kletterten im ersten Halbjahr 2021 um 3,2% zum Vorjahr. Im alles dominierenden Lebensmitteleinzelhandel – wo die Girocard traditionell sehr häufig gezückt wird – gab es ein Plus von 2,7%. In Läden mit Verkaufsräumen – inklusive Fachhändler – gingen die Umsätze nur leicht zurück, um 0,7% zum Vorjahr.

Ganz anders der Internethandel: Dort stiegen die Umsätze um 27% zum Vorjahreszeitraum. Was die Schwäche der Girocard unbarmherzig bloß legt, denn bis auf wenige Ausnahmen ist die Girocard grundsätzlich nicht onlinefähig. Im Sparkassensektor immerhin gibt es ein paar Modellversuche einer Co-Badge-Lösung, um das Problem zu beheben. Doch selbst die kommen nicht in Gang (siehe hier und hier). Heißt übersetzt: Ausgerechnet online, wo gerade die Post abgeht und das Wachstum der Zukunft liegt, ist die Girocard nicht dabei.

Kontaktloses Bezahlen ist kein Wachstumstreiber mehr

Erstaunlich ist zudem, dass die Umsätze und Transaktionen der Girocard anscheinend nicht wirklich von den folgenden, für sie an sich günstigen Trends profitiert hat. So zeigt die Entwicklung, ….

  • dass die Bargeldnutzung strukturell deutlich sinkt,
  • die Anzahl der girocardfähigen Terminals im 1. Halbjahr nochmals deutlich anzog (+7% auf 922.000 aktive Terminals)
  • und auch die Zahl kontaktloser Bezahlvorgänge weiter deutlich zunimmt.

So waren über das gesamte erste Halbjahr 2021 rund zwei Drittel (64%) aller Girocard-Zahlungen kontaktlos (nach nur 46% im Vorjahreszeitraum). Ganz offensichtlich substituiert die Kontaktloszahlung das „Hineinstecken“, ohne dass dies noch zu deutlich mehr Transaktionen führen würde wie in der Vergangenheit. So gilt die Einführung der Kontaktloszahlung am Point of Sale bei der Girocard im Jahr 2017 sowie und ihre anschließende Forcierung als zentraler Treiber hinter dem beschleunigten Wachstum in den Jahren 2017 bis 2019 (siehe auch Grafik oben).

Damit scheint es fürs Erste vorbei zu sein. Die Hoffnung, das Dran- oder Drüberhalten der Karte am Terminal würde den Menschen zur selbstverständlichen Gewohnheit werden und immer neues Wachstum generieren, erfüllt sich derzeit nicht.

Die – bisher starke – Marktposition könnte erodieren

Der faktische Stopp des Wachstums bei der Girocard dürfte den Druck auf die deutsche Kreditwirtschaft erhöhen, die Zukunftsfähigkeit der Girocard sicherzustellen – indem sie diese auch online nutzbar macht und dafür sorgt, dass dies zum Standard wird. Andernfalls scheint ihre – prinzipiell sehr starke – Marktposition langfristig bedroht. Das Wachstum kommt nicht mehr von selbst, die Girocard profitiert nicht mehr automatisch von den strukturellen Veränderungen im Bezahlverhalten der Deutschen. Zwar bleibt abzuwarten, wie sich die Zahlen post-Corona entwickeln (sprich wie nachhaltig zum Beispiel der Trend zum Internetkauf auch nach Abklingen der Pandemie ist), doch die Zeichen stehen auf Krise.

Aktuell führen immer mehr Banken Debit-Lösungen von Visa und Mastercard ein. Diese spielen allerdings im Payment-Mix im Einzelhandel noch eine untergeordnete Rolle. Das EHI Retail Institute ermittelte in seiner jüngsten Studie über Zahlungssysteme im Einzelhandel einen Marktanteil von 34% für die Girocard – und von weniger als 1% für Maestro/VPay sowie die Debitkarten-Nachfolgesysteme.

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