Kurz gebloggt

Selbst im Untergang bleibt Wirecard ein Chaosladen

25. August 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Eines muss man Wirecard lassen – auch im Untergang bleibt sich der Aschheimer Zahlungsdienstleister treu. Und so begab es sich also, dass hunderte Mitarbeiter am vorgerückten Montagabend (und damit nur wenige Stunden vor dem gestern Vormittag nun auch offiziell eröffneten Insolvenzverfahren) eine E-Mail erhielten, deren zweiter und wichtigster Satz wie folgt lautete (wobei die Fettungen dem Original entstammen): „Aufgrund fehlender Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten bist Du mit Wirkung ab dem 25.08.2020 von Deiner arbeitsvertraglichen Verpflichtung zur Erbringung der Arbeitsleistung unwiderruflich freigestellt.“ Für alle, die sich auch für den weiteren Inhalt dieses zeitgeschichtlichen Dokuments interessieren … – voilà: Finanz-Szene.de

… nur war es indes so, dass die besagten Freistellungs-E-Mails zwar offenbar allesamt von einer zentralen, niemandem persönlich zuzuordnenden Adresse abgegangen waren – unter den Schreiben aber trotzdem jeweils ein Name stand (nach unserem Verständnis immer der Name des jeweiligen für die entsprechende Wirecard-Gesellschaft zuständigen Managers). Der Manager indes, dessen Name unter jener Montagsabend-Mail prangte, die auch uns zugespielt worden war, schrieb gestern Mittag, kurz nach High Noon, eine (weitere) Mail „To: All in company“, in der er sinngemäß klarstellte: Äh, die Freistellungs-Mail gestern Abend kam nicht von mir. Und mehr noch: Ich hatte nicht einmal Kenntnis von dem ganzen Vorgang. Rechtliche Schritt gegen wen auch immer behalte ich mir selbstverständlich vor …

… sprich: Zum Abschied gab es dann also doch noch einmal ganz großes Tennis in 85609 Aschheim zu bestaunen, worüber man von außen betrachtet fast lachen könnte, wäre die Sache für die Betroffenen nicht so bitter. Denn, letztlich scheint es so zu sein: Eine nicht allzu dicke Schicht von Wirecard-Leuten (siehe zum Beispiel die Truppe, die zu jetzt zu Finleap rübermacht) hat was Neues gefunden; knapp 600 Leute dürfen trotz Insolvenzverfahrens bleiben, weil es ja irgendwen braucht, der den Rumpfladen bis zur hoffentlich erfolgreichen Veräußerung der einzelnen Gesellschaften bzw. Bereiche bzw. Assets am Laufen hält; für 730 Beschäftigte allerdings ist mit dem gestern eröffneten Insolvenzverfahren definitiv Schluss. Perspektive? Diffus. Denn soooo wahnsinnig aufnahmefähig dürfte der Münchner Arbeitsmarkt in Corona-Zeiten nicht sein.

Interessant übrigens: Die Freistellungen gelten auch für die verbliebenen Vorstände, wobei das „Handelsblatt“  plausiblerweise berichtet, die Produktvorständin Steidl werde mit einem Beratervertrag ausgestattet und also an Bord bleiben. Klar, irgendein operatives Gegenstück zum Insolvenzverwalter Jaffé braucht’s ja, und wer bitteschön soll es sonst machen? Braun sitzt in U-Haft. Marsalek ist abgetaucht. Freis weilt angeblich in den USA, offenbar wegen eines Trauerfalls in der Familie. Und Herr von Knoop? Nun, Herr von Knoop ist Herr von Knoop.

Sonst noch was? Ja, die unnachahmliche „Financial Times“ hat  gestern in einem ebenso langen wie lesenswerten Artikel (hier der Link, allerdings hinter der Paywall) die letzten Monate im Leben der Wirecard AG nachgezeichnet. Von den vielen zitierungswürdigen Passagen haben wir diese, auf den AR-Chef Eichelmann bezogene Passage hier für Sie ausgesucht, liebe Leserinnen und Leser: „However, the new chairman did not believe that Wirecard was involved in fraud, in part because of the group’s strong cash generation. According to a person familiar with his views, he was convinced that it was ‚extremely hard if not impossible to fake cash flows‘.“ Tja, Herr Eichelmann, wo Sie Recht haben, da haben Sie Recht. Dass Wirecard die Bilanzen manipuliert, das war zwar nicht Ihnen, aber doch dem einen oder anderen da draußen seit langem klar. Dass aber nicht einmal die Cash-Position echt war und der Wirtschaftsprüfer selbst DAS übersehen hat – das wird eine Unbegreiflichkeit bleiben. Und jetzt Deckel drauf. Amen.

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