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Trendumkehr nach Jahrzehnten: Zahl der Kreditkarten sinkt drastisch

Der jahrzehntelange Trend zur Kreditkarte ist gebrochen. Wie aus Daten der Europäischen Zentralbank hervorgeht, sank die Zahl der hierzulande ausgegebenen Karten im vergangenen Jahr um 2,1 Mio. auf nur noch 38,4 Mio. Stück – das entsprach einem Rückgang um spektakuläre 5%. Der drastische Trendbruch erstaunt auch insofern, als die Zahl der Kreditkarten im Corona-Jahr 2020 noch um mehr als 3 Mio. gestiegen war (siehe die Grafik weiter unten).

Mitte der 90er-Jahre hatte der deutsche Kreditkartenmarkt erstmals die Marke von 10 Mio. Karten überschritten – seitdem vervierfachte sich die Zahl auf zwischenzeitlich 40,6 Mio. Stück per Ende 2020. Alleine in den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der ausgegebenen Kreditkarten rechnerisch um durchschnittlich 1,2 Mio. Stück pro Jahr. Bereits die im Juli veröffentlichte große Payment-Studie der Bundesbank (siehe unser Stück -> „Zehn Erkenntnisse aus der Payment-Studie der Bundesbank“) legte indes nahe, dass die Kreditkarte im Bezahlmix urplötzlich an Bedeutung zu verlieren scheint. So war deren Anteil an allen in Deutschland online und offline erzielten Umsätzen im vergangenen Jahr von 10,8% auf nur noch 10,4% gesunken.

Die Bundesbank-Daten indes wurden lediglich befragungsbasiert ermittelt – sind also anfällig für Ungenauigkeiten. Die EZB-Daten hingegen entstammen den aufsichtsrechtlichen Meldungen der einzelnen Banken und Sparkassen. An ihrer Validität gibt es also keinerlei Zweifel.

Warum viele Banken lieber Debitkarten emittieren

Der Rückgang dürfte vor allem mit zwei Entwicklungen zusammenhängen:

  • Im Kreditkartenmarkt zeigen sich Sättigungstendenzen. Nach Jahrzehnten des Booms – zuletzt noch einmal angefacht durch die Pandemie – ist die Durchdringung in Deutschland bereits sehr hoch; der Peak könnte erreicht sein.
  • Viele kundenstarke Großbanken (was freilich eng mit der Sättigung zusammenhängt) haben ihre Kartenstrategie geändert, siehe unsere große Tabelle Stand Ende 2020 -> „Die Karten-Strategien von 30 großen Retail-Banken“). Als „Top of Wallet“-Produkt geben viele Institute neuerdings Debitkarten von Visa oder Mastercard aus. Wo die Kreditkarte bislang kostenlos war, wird sie nun immer häufiger bepreist, etwa bei der Comdirect (siehe hier) oder auch der DKB (siehe hier). Kundenstarke Neobanken wie N26 setzen ohnehin seit Anbeginn fast ausschließlich auf Debitkarten, weil sich bei diesen (die offene Summe wird ja direkt vom Konto abgebucht) weniger Bonitätsfragen stellen.

Dass die Debitkarten-Offensive Spuren hinterlässt, mutmaßte auch schon im Juli die Bundesbank in der Kommentierung ihrer Befragungsdaten im Rahmen der Payment-Studie: „Ein Grund [für den Rückgang des Kreditkartenanteils im Zahlungsmix, d. Red.] könnte sein, dass eine Umschichtung zugunsten von Debitkarten internationaler Anbieter stattgefunden hat. Da diese einen ähnlichen Funktionsumfang aufweisen, wird eine Kreditkarte ggf. nicht mehr benötigt“, schrieben die Notenbanker.

Was ebenfalls für diese Theorie spricht: Die Zahl der Debitkarten (zu denen ja auch die Girocard zählt) klettert munter weiter, nämlich 2021 laut EZB-Daten um knapp 3 Mio. auf nunmehr 121,3 Mio. Stück. Insgesamt sind in Deutschland 159,7 Mio. Bezahlkarten im Umlauf, rechnerisch also 1,9 Karten pro Einwohner.

Als „Kreditkarte“ werden im allgemeinen Sprachgebrauch zwei Typen von Karten bezeichnet: einerseits „echte“ Kreditkarten, welche eine Teilzahlung der offenen Beträge vorsieht (in der EZB-Systematik: „Cards with a credit function“), andererseits aber auch die in Deutschland üblichen Kreditkarten, bei denen der offene Betrag in einem festen Turnus abgebucht wird („Cards with a delayed debit function“).

Einen Rückgang gab es dabei 2021 bei beiden Typen:  Nicht nur die Zahl der Karten mit verzögerten Abbuchung sank um rund 2,1 Mio. auf 32,652 Mio. Stück – sondern auch die Zahl der „echten“ Kreditkarten, und zwar um etwa 50.000 auf 5,787 Mio. Stück. Sprich: Die Versuche diverser Banken, experimentell stärker auf „echte“ Charge-Karten zu setzen (siehe auch hier), scheinen keinen branchenweiten Trend ausgelöst zu haben.

 

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