Gästeblog

Wie die „European Payments Initiative“ zum Erfolg werden könnte

8. Juli 2021

Von Marcus Mosen

[Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen gekürzten Auszug aus dem diese Woche im Frankfurt School Verlag erschienen Buch „Digitale Ökosysteme: Strategien, KI, Plattformen“, das unser regelmäßiger Gastautor Marcus Mosen gemeinsam mit Dieter Knörrer, Jürgen Moormann und Dietmar Schmidt herausgegeben hat] 

Das in den letzten Jahren zu beobachtende Wachstum mit der damit verbundenen Wertentwicklung bei großen Fintech-Unternehmen und börsennotierten Payment-Anbietern in den USA, Asien und Europa sowie die deutlich wahrnehmbare Durchdringung des Handels mit neuen, digitalen Bezahlsystemen haben sowohl die traditionellen Banken als auch die Politik alarmiert. Der digitale Zahlungsverkehr rückt wieder mehr in das Zentrum des Interesses von Bankstrategen und politischen Entscheidern in unterschiedlichsten Organisationen.

Bereits seit 2019 sind Banken aus Frankreich, Deutschland, Spanien und den Niederlanden dabei, die Rahmenbedingungen für ein neues, europäisches Payment-System zu konzipieren. Als im vergangenen Juli 16 große europäische Banken unter dem Begriff „European Payments Initiative“ (EPI) die Schaffung einer neuen, pan-europäischen Payment-Lösung ankündigten, gab es von zahlreichen Vertretern aus Politik, europäischen Behörden und Verbänden starke Unterstützungsbekundungen. Dies lässt den Schluss zu, dass dieses Mal allen Beteiligten bewusst ist, dass EPI eine letzte Chance bietet, eine Alternative zu den amerikanischen Plattformen Mastercard, Visa und Paypal zu schaffen.

Der politische und strategische Rahmen für die EPI wurde im September 2020 von der Europäischen Kommission mit der Verabschiedung einer auf die aktuellen Herausforderungen im digitalen Zahlungsverkehr abzielenden „Retail Payments Strategy“ gestärkt. Darin heißt es:

„In letzter Zeit haben sich jedoch mehrere bedeutende Trends herauskristallisiert. Der Bezahlvorgang ist weniger sichtbar geworden, hat sich zunehmend entmaterialisiert und umfasst weniger Vermittlungsleistungen. Große Technologieunternehmen („BigTechs“) sind in den Zahlungsverkehrssektor eingestiegen. Sie profitieren von erheblichen Netzwerkeffekten und können somit etablierte Anbieter herausfordern. Zudem werden sie mit dem Aufkommen von Kryptowerten (insbesondere auch sogenannten „Stablecoins“) möglicherweise bald disruptive Zahlungslösungen anbieten, die auf Verschlüsselung und Distributed-Ledger-Technologie (DLT) basieren. Trotz dieser Welle von Innovationen beruht ein Großteil der neuen digitalen Zahlungslösungen noch immer weitgehend auf herkömmlichen Karten oder Banküberweisungen, unabhängig davon, ob sie von etablierten Banken, Kreditkartenunternehmen, Finanztechnologieunternehmen (FinTechs) oder BigTechs angeboten werden.“

Die Umsetzung dieser Strategie wird für den bisher eher fragmentierten digitalen Zahlungsverkehrsmarkt in Europa neue Strukturen, Regulierung und neue Standards schaffen. Im Rahmen der Umsetzung wird beispielsweise die Implementierung des SEPA Instant Credit Transfer Scheme („Instant Payment“) für Banken bis Ende 2021 verpflichtend. Zugleich werden die Marktteilnehmer im Payment Ecosystem angehalten, alternative Zahlungsformen wie z.B. „Request-to-Pay“, „e-invoicing“ und „QR-Code“-basierte Zahlungen voranzutreiben.

Betrachtet man die Entwicklung deutscher Payment-Unternehmen in den letzten 20 Jahren oder den Status quo des deutschen Debitkartensystems „Girocard“ und weiterer Payment-Lösungen, die in den letzten Jahren unter Federführung der Deutschen Kreditwirtschaft (DK) entstanden sind (z.B. die Online-Payment-Lösung Paydirekt oder die Person-to-Person-Zahlungslösung Kwitt) dann ist das Resümee ernüchternd. Kein deutsches Kreditinstitut ist heute noch Mehrheitsgesellschafter in einem Payment-Unternehmen, das eine relevante Position in Europa innehat. Die strategische Ausgangsposition deutscher Institute bei der Mitgestaltung einer europäischen Payment-Plattform ist daher alles andere als stark. Mit Blick auf die EPI und die Intensivierung der Wettbewerbssituation im Zahlungsverkehrsmarkt in Deutschland blieb der DK als einzige Option für eine Stärkung ihrer Ausgangslage in der europäischen Payment-Landschaft die Konsolidierung ihrer nationalen Zahlungslösungen Girocard, Giropay, Paydirekt und Kwitt unter einem neuen Brand (Giropay) und in einer gemeinsamen Gesellschaft. Damit ist jedoch noch keine Vision erkennbar, die auf ein deutsches Payment Ecosystem hindeutet, denn die Akzeptanz dieser Payment-Lösungen ist zumindest im eCommerce – verglichen mit Paypal oder Klarna – eher gering.

Daher haben deutsche Banken und Sparkassen bei einer erfolgreichen Umsetzung des EPI-Projekts möglicherweise eine Chance, gegenüber ihren Endkunden oder dem Handel wieder eine Rolle als innovativer Payment-Dienstleister zu erlangen. Da jedoch der Erfolg von EPI nicht alleine mit den 16 Gründungsmitgliedern zu erreichen ist, hat die Bundesbank bereits in der Gründungsphase von EPI eine sichtbare Position eingenommen, um die Erfolgschancen aktiv voranzutreiben. In einem Gastbeitrag für das Handelsblatt nahm Bundesbankvorstand Burkhard Balz eine klare Position ein, die zugleich als Botschaft an die DK verstanden werden kann: „Im Gegensatz (zu nationalen Zahlungssystemen) bieten die internationalen Anbieter ihre Leistungen überall in Europa an. Durch die hiesige „Kleinteiligkeit“ in einer digital vernetzten Welt sinkt die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Zahlungsdienstleister – zulasten der Bürger.“

Balz sieht bei der Umsetzung der Retail-Payment-Strategie, und damit auch bei der EPI, die Banken „im Driverseat“. Er sieht es auch als essenziell an, dass es zu einer Vielzahl an weiteren Partnerschaften bei der Umsetzung von EPI kommen muss. Hierbei können seiner Ansicht nach auch Fintech-Unternehmen eine relevante Rolle spielen. Bis Mitte 2022 sollte es seiner Ansicht nach ein marktfähiges Produkt durch die EPI geben. Bis dahin müsste sich auch zeigen, ob relevante Banken in anderen europäischen Ländern von der EPI überzeugt werden und ob sie bereit sind, ihre bestehenden nationalen Debitkartenprodukte in einer EPI-Plattform aufgehen zu lassen.

Auf der Akzeptanzseite müsste der etablierte Einzelhandel und insbesondere der eCommerce für den Durchbruch sorgen. Etablierte Payment-Services-Provider müssten bei der Umsetzung dieser Payment-Projekte ihre Rolle im System neu finden und die Entwicklungen mitgehen. Dass die DK die EPI unterstützt, wertet Balz als klare Indikation dafür, „dass die gesamte (deutsche) Banken-Branche die Transformationsprozesse als so groß einschätzt, dass man mit dabei sein möchte.“

Für die deutschen Banken und Sparkassen bedeutet dieser Wandel, dass sie ihre Kunden möglichst mit Marktreife der EPI auf dieses neue Zahlungsverfahren migrieren müssten, damit der Handel auch einen Nutzen für die Integration dieses Payment-Verfahrens sieht. Ob jedoch ein Bezahlverfahren, das im Kern auf einer Sofortzahlungslösung beruhen soll, die Marktteilnehmer überzeugen kann, ist fraglich. Die globalen Wettbewerber verfügen bereits heute über vielfältige Payment-Varianten und Zusatzdienste, die sie über ihre jeweiligen Plattformen anbieten. Dazu wird künftig sicherlich auch eine „Instant-Payment“-Variante gehören. So kaufte z.B. Mastercard für 2,85 Mrd. € die „Account-to-Account“-Geschäftseinheit von Nets und erhielt damit nicht nur ein wichtiges Element der Payment-Infrastruktur in Skandinavien, sondern sicherte sich damit perspektivisch auch den Zugang zu europäischen Sofortzahlungs-Plattformen.

Ein neues, europäisches Zahlungsverfahren ist daher vor dem Hintergrund der bereits vorhandenen Produktangebote keine adäquate Alternative zu dem, was z.B. Mastercard oder Visa heute schon an Funktionalitäten bieten. Und ob bei den Banken der Wille zu signifikanten Investitionen und die Bereitschaft vorhanden sind, bestehende nationale Strukturen aufzulösen, ist bislang offen. Für die Erfolgschancen der EPI ist es zwingend notwendig, dass gleichzeitig mit der EPI der Aufbau eines offenen, europäischen Ökosystems für Wallet-basierte Payment-Angebote und weitere Services wie z.B. digitale Identität oder digitale Signatur einhergeht. Hierbei wird auch wichtig sein, Fintech-Unternehmen wie z.B. moderne PSP oder innovative Digital- bzw. Neobanken für dieses Ökosystem zu gewinnen. Ob eine solche Offenheit für neue Partnerschaftsmodelle die Governance-Struktur von EPI unterstützt und ob dies von den etablierten Banken gewünscht ist, wird sich dann herausstellen.

Das ist der Masterplan für die „European Payments Initiative“

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