Wirecard bleibt Veröffentlichung des KPMG-Prüfberichts schuldig

28. April 2020

Von Heinz-Roger Dohms und Christian Kirchner

(Nachtrag: Dieser Artikel gibt den Recherchestand von Dienstag früh wieder, ist aber durch die Veröffentlichung einer Ad Hoc um 7:52h überholt – siehe unseren aktuelleren Artikel hier)

Der Zahlungsdienstleister Wirecard ist die für den gestrigen Montag erwartete Veröffentlichung des sogenannten KPMG-Sonderprüfberichts vorerst erneut schuldig geblieben. Bis Dienstagfrüh um 4:30 Uhr fand sich weder auf der Investor-Relations-Seite noch auf der „Transparenz“-Seite des Dax-Konzerns ein entsprechendes Dokument. Eine Sprecherin von Wirecard reagierte gegen 3 Uhr in der Früh nicht auf einen Anruf, eine E-Mail-Anfrage von Finanz-Szene.de blieb zunächst unbeantwortet.

Die bisherige Kommunikation von Wirecard hatte nahe gelegt, dass Wirecard den Report spätestens nach US-Börsenschluss um 22 Uhr am späten Montag veröffentlichen würde. Zudem ist das Endergebnis der Sonderprüfung nach Erhalt durch KPMG bei belastenden Hinweisen in jedem Fall, bei entlastenden Ergebnissen möglicherweise ad-hoc-pflichtig, urteilen Anlegerschützer. Die Aktie des in Aschheim bei München beheimateten Payment-Konzerns war am Montagnachmittag kurzzeitig um rund 12% abgestürzt, erholte sich danach aber wieder und beendete den regulären nahezu unverändert bei 132 Euro. Im Späthandel zeigten sich die Papiere stabil.

KPMG war im vergangenen Herbst von Wirecard mit der Erstellung des Sonderberichts des Dax-Konzerns beauftragt worden. Zuvor hatte die „Financial Times“ dem Acquiring-Spezialisten in einer Reihe von Artikeln immer wieder bilanzielle Unregelmäßigkeiten unterstellt. Investoren hoffen, dass der KPMG-Audit das Dax-Unternehmen nachhaltig entlastet, damit sich Wirecard wieder stärker auf das operative Geschäft konzentrieren kann und die Aktie den Höhenflug der letzten Jahre fortsetzen kann. In Erwartung eines für den Zahlungsdienstleister positiven Ausgangs war die Wirecard-Aktie, die Mitte März bis unter 85 Euro gefallen war, zuletzt wieder auf mehr als 135 Euro geklettert, annähernd das Niveau von vor dem Corona-Crash.

Tatsächlich hatte es zunächst geheißen, der Sonderprüfbericht werde im März vorgelegt. Dann jedoch gab Wirecard am 12. März eine Ad-hoc-Meldung heraus, wonach die Untersuchung des sogenannten Dritt-Partnergeschäft (mit dem sich die „Financial Times“ besonders kritisch auseinandergesetzt hatte) noch andauere. Wörtlich hieß es (Hervorhebung von uns):

„Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hat die Wirecard AG darüber informiert, dass die Sonderuntersuchung in Bezug auf die Geschäftstätigkeit der Wirecard AG in Indien und Singapur sowie den Geschäftsbereich Merchant Cash Advance (MCA) / Digital Lending weitestgehend abgeschlossen ist. Diese Teile des Audits haben in diesen Untersuchungsgebieten aus heutiger Sicht keine substanziellen Feststellungen ergeben, die zu Korrekturbedarf für die Jahresabschlüsse im Untersuchungszeitraum 2016, 2017 und 2018 führen würden. Die Untersuchung des Dritt-Partnergeschäfts (TPA) dauert noch an und wird voraussichtlich bis spätestens zum 22. April 2020 abgeschlossen werden. Die umfassende Einsichtnahme in relevante Unterlagen auch externer Gesellschaften sowie Corona-Virus bedingte Reiserestriktionen machen den verlängerten Zeitrahmen erforderlich.“

Statt des erwarteten Prüfberichte kam dann aber am 22. April (also am vergangenen Mittwoch) erst kurz nach 21 Uhr eine weitere Ad-hoc, in der diesmal stand:

„Die Wirecard AG wurde aktuell von (…) KPMG darüber informiert, dass KPMG die Ergebnisse der laufenden Sonderuntersuchung am Montag, den 27. April 2020, vorlegen wird. In den verbleibenden Tagen sollen noch eingegangene Datenbestände verarbeitet und berücksichtigt werden. Bislang haben sich entsprechend des Prüfauftrages in allen vier Prüfbereichen – den Geschäftsbereichen Dritt-Partnergeschäft (TPA) und Merchant Cash Advance (MCA) / Digital Lending sowie bei den Geschäftstätigkeiten in Indien und Singapur – keine substanziellen Feststellungen ergeben, die für die Jahresabschlüsse im Untersuchungszeitraum 2016, 2017 und 2018 zu Korrekturbedarf geführt hätten. Belege für die öffentlich erhobenen Vorwürfe der Bilanzmanipulation wurden nicht gefunden. KPMG führt seit Oktober 2019 im Auftrag des Aufsichtsrats der Wirecard AG eine Sonderuntersuchung durch, um die von Medien gegen das Unternehmen erhobenen Vorwürfe der Bilanzmanipulation aufzuklären. Die Wirecard AG wird im Sinne transparenter Prozesse den zu veröffentlichenden Bericht auf ihrer Homepage in der Sektion ‚Transparenz‘ zur Verfügung stellen.“

Wohlgemerkt hatte Wirecard also nicht wörtlich behauptet, dass der Prüfbericht am 27. April veröffentlicht werde. Und extrem wohlwollend könnte man folgern, dass Wirecard auch gar nichts publizieren muss, wenn die Sonderprüfung keine belastenden Ergebnisse zu Tage gefördert hat. Allerdings sieht es so aus, als hätte der Konzern die Öffentlichkeit zumindest in dem Glauben gelassen, dass man den Bericht auch unmittelbar nach der für Montag, den 27. April angekündigten Fertigstellung und Übergabe veröffentlichen wollte. So zitierte das „Handelsblatt“ eine Unternehmenssprecherin, die gestern früh gesagt habe, man werde den KPMG-Bericht „unverzüglich nach Erhalt“ veröffentlichen.

Und: Auch ein Gutachten der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) von Klaus Nieding und Jonas Nowotka (siehe hier) kam bereits im Dezember zum Urteil, dass auch ein positives Gutachten nach Erhalt durch KPMG ad-hoc-pflichtig sein dürfte. „Würde das fragliche Gutachten von KPMG keine oder lediglich völlig unerhebliche Bilanzunrichtigkeiten feststellen, hätte Wirecard selbstverständlich ein unmittelbares Interesse an der Veröffentlichung dieses Umstands. Jedoch dürfte das Unternehmen hierzu auch gesetzlich verpflichtet sein. Indiziell ergibt sich die Kursrelevanz dieses Umstands zumindest daraus, dass sich der Aktienkurs in der Vergangenheit bei Dementierungen der Vorwürfe und Veröffentlichung der Zusammenfassung des Berichts der Kanzlei Rajah & Tann eine Singapur-Sonderprüfung aus dem Jahr 2019, d. Red.) sofort merklich verbesserte“, so die Anlegerschützer.

Der Frankfurter Finanzprofessor Volker Brühl äußerte gegenüber dem „HB“ scharfe Kritik am Vorgehen Wirecards: „Über die genauen Gründe der Verschiebung lässt sich nur spekulieren. Der Gedanke liegt nahe, dass man sich über zentrale Aussagen des Berichts streitet“, so Brühl: „Dass Wirecard zum dritten Mal die Frist zur Veröffentlichung verstreichen lässt und dies nun sogar nicht kommentiert, ist für ein börsennotiertes Unternehmen im Allgemeinen und ein Dax-Unternehmen im Besonderen inakzeptabel und hochgradig unprofessionell.“

Bis spätestens Donnerstag müsste der Prüfbericht eigentlich ohne jeden Zweifel vorgelegt werden. Für den 30. April hat Wirecard nämlich nicht nur die Veröffentlichung des Jahresabschlusses angekündigt –  an dem Tag soll auch die Bilanz-PK stattfinden. Und die wurde ebenfalls schon mal um drei Wochen verschoben, um auch den Sonderbericht berücksichtigen zu können.

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