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Zahlen an der Ladesäule: Es hätte der EPI-Booster werden können …

27. September 2021

Von Marcus Mosen*

Würde Marty McFly mit seinem DeLorean noch immer durch die Zeit reisen, hätte er in puncto technischer Entwicklung sicherlich einiges zu bestaunen – beim Bezahlen gäbe es für den „Zurück in die Zukunft“-Protagonisten und seine Zeitmaschine jedoch ein Déjà-vu: das PIN-Pad!

Der Bundesrat hat kürzlich die Ladesäulen-Verordnung für Elektroautos gebilligt – und damit der von Niedrigzins, Geldwäsche und Überregulierung geschundenen Banken ein kleines (Wahl-)Geschenk gemacht. Selbst innerhalb der Bundesregierung war die Verordnung umstritten. Während das Finanzministerium (Scholz packt das an!) sie unterstützte, stellte das Verkehrsministerium (Scooter-Scheuer) die Sinnhaftigkeit in Frage.

Berechtigterweise, muss man sagen. Denn mit der Verordnung werden die Betreiber der Ladensäulen verpflichtet, die Akzeptanz aller gängigen Kredit- und Debitkarten zu ermöglichen. Unter dem Begriff der „Verbraucherfreundlichkeit“ wurde dieser Ansatz der Politik verkauft. Mancher Endkunde wird dies vielleicht begrüßen, kann er doch auf diese Weise seine gute alte „EC-Karte“ weiter in ein PIN-Pad stecken. Aber ist diese klassische Form des Bezahlens, wie wir sie aus dem Handel kennen, wirklich zeitgemäß für die E-Mobilität?

Zwei unterschiedliche Lobbygruppen haben in den letzten Monaten mehr oder weniger erfolgreich auf die Politik in Berlin Einfluss genommen:

  • Zum einen die Deutsche Kreditwirtschaft, die sich auf die Position stellte, eine „verbraucherfreundliche Ladeinfrastruktur“ mit einfachen Zahlungsverfahren sei nur via PIN-Pad möglicht. Als Begründung wurde auf den erfolgreichen Einsatz bei Parkautomaten und im ÖPNV hingewiesen. Vorstellen darf man sich diese Konstruktion dann wohl im Look and feel heutiger Tankstellen: Mehrere E-Zapfsäulen und eine „Bezahlstation“. Damit sollen die zusätzlich anfallenden Kosten für das PIN-Pad in jeder einzelnen Ladestation gesenkt werden
  • Und zum anderen? Die Verbände der Automobilbranche, die ein rein digitales Bezahlen (also via App) favorisierten

Aus der Argumentation der Banken schließe ich als interessierter Beobachter, dass das starre Festhalten am PIN-Pad die Gedankenwelt innerhalb der DK spiegelt und deren strategische Vordenker selber (vermutlich) noch kein E-Auto fahren. Denn dann wüssten sie, dass es sich dabei um „fahrende iPads“ (Tesla) oder „Super-Computer on Wheels“ (Ole Källenius, Daimler-CEO) handelt, deren Fahrer*innen Karten-Ära längst hinter sich gelassen haben.

Für die Banken wird der Ladesäulen-Triumph zum Pyrrhus-Sieg

Wo ist denn nun mit dieser Verordnung die im Wahlkampf oft beschworene „Vorreiterrolle“ Deutschlands in der Digitalisierung zu finden? Stattdessen wird die E-Mobility nun an eine Bezahl-Infrastruktur aus dem 20. Jahrhundert gekoppelt. Die Aufgabe der Kreditwirtschaft wäre es gewesen, den Schulterschluss mit den Ladesäulen-Anbietern (auch aus der Stromwirtschaft) zu suchen und mit intelligenten Partnerschaften ein eigenes Mobility-Payment-Ecosystem zu entwickeln. App-basiert statt kartenbasiert. Warum hat man diese Chance verstreichen lassen? Lag es womöglich an den systemseitigen Restriktionen der Girocard, die bekanntermaßen nicht optimal für die neue digitale Welt geeignet ist?

Die neue Ladesäulen-Verordnung könnte zum Pyrrhussieg werden. Glaubt die Kreditwirtschaft ernsthaft, dass sich die Fahrer von E-Autos, die sich schon bei der Entscheidung für ein solches Automobil als innovationsfreudig erwiesen haben, lieber an einer Bezahlstation anstellen, statt über eine Smartphone-App die Tankrechnung instant zu bezahlen? Und wie sollen mit einer PIN-Pad-Station „Strukturkosten“ gesenkt werden, wenn es doch noch gar keine flächendeckende E-Ladesäulen-Infrastruktur gibt?

Die deutschen Banken denken wieder einmal rückwärtsgewandt. Und lassen die Chance verstreichen, dem strategischen Großprojekt „European Payments Initiative“ einen innovativen Use-Case zu verschaffen. Digitales Bezahlen bleibt auch im elektromobilen Deutschland hinter seinen Möglichkeiten zurück.

20/09/21: Lobby-Triumph für die DK, Dt. Bank hält an EY fest, NordLB verkauft Stammhaus

Das ist der Masterplan für die „European Payments Initiative“


*Marcus Mosen ist einer der führenden deutschen Payment-Manager und regelmäßiger Autor bei Finanz-Szene.

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