Exklusiv

Bilanz-Akrobatik am Beispiel der Privatbank Donner & Reuschel

25. August 2020

Von Christian Kirchner

Eines muss man Donner & Reuschel lassen: Humor hat sie, die feine Hamburger Privatbank. Im Zeitalter bröckelnder Erträge und beinharten Wettbewerbs mal eben bei den Kosten um 10% zuzulegen, nämlich von 95 auf 105 Mio. Euro – das muss man erst mal bringen. Zumal wenn die Cost-Income-Ratio vorher schon bei 93% lag. Und: War Donner & Reuschel nicht die Bank, die 2018 bereits einen satten Verlust ausgewiesen hätte, wäre nicht der alte Stammsitz des Reuschel-Bankzweigs in München-Schwabing mal eben um 21 Mio. Euro „hochgeschrieben“ worden? Doch, genau, das war sie!

Und wie hat Donner & Reuschel es nun geschafft, da 2019 einfach nochmal ordentlich was draufzulegen bei den Kosten? Ha! Hier die laut kürzlich veröffentlichtem Jahresabschluss nicht weniger als neun Gründe:

  • „tarifliche Anpassungen“
  • „Akquisition des Handelsteams“
  • „Zahlung einer Halteprämie“
  • „Sanierung des Gebäudes Ballindamm“
  • „Digitalisierung“
  • „Migration Kernbankenverfahren“
  • „Einführung neuer Controlling-Steuerungssysteme“
  • „Neuorganisation der IT-Infrastruktur“ und
  • „Entwicklung einer Datenintegrationsschicht“

… mithin der typische Privatbanken-Refrain, wonach nur mithalten kann, wer laufend in Top-Personal und Digitalisierung investiert, coûte que coûte

Da hilft auch nicht, dass Donner & Reuschel zuletzt nur noch 504 Mitarbeiter beschäftigte und damit 54 weniger als noch zwei Jahre zuvor. Denn: Die Personalkosten (siehe oben: „Akquisition eines Handelsteams“ und „Zahlung einer Halteprämie“) stiegen im gleichen Zeitraum dummerweise halt trotzdem, nämlich von 49,3 Mio. Euro auf  53,7 Mio. Euro Schneller Überschlag: Pro Kopf gab das Institut 2017 also noch 88.000 Euro aus; 2019 waren es dann 107.000 Euro.

Auf Nachfrage heißt es: „Donner & Reuschel steht für professionelle Beratungsqualität, hoch qualifizierte und motivierte Mitarbeiter, wie man u.a. auch Kununu [Anm. der Red.: ein Arbeitgeber-Bewertungsportal] entnehmen kann. Die Personalkosten beinhalten selbstverständlich auch dynamische variable Vergütungsbestandteile.“

Nun sieht es auf den ersten Blick wieder so aus, als könnte die zu 100% zur Signal Iduna gehörende Bank sich den Anstieg der Personalkosten leisten. Denn der Jahresüberschuss verdreieinhalbfachte sich auf 7,4 Mio. Euro:

in Mio. Euro 2018 2019 Veränderung
Geschäftsvolumen 4620 4798 + 4%
Zinsüberschuss 50 52 + 4%
Provisionsüberschuss 55 59 + 7%
Verwaltungsaufwand 95 105 + 11%
Teilbetriebsergebnis 11 6,3 – 43%
Bewertungsergebnis -3,7 4,1
Ergebnis vor Steuern 2,5 6,5 + 160%
Jahresüberschuss 2,1 7,4 + 252%
Mitarbeiter 518 504 – 3%

Allerdings – wenn die Kosten deutlicher steigen als die Erträge, nämlich genau genommen fast doppelt so schnell, wie kann dann der Überschuss klettern?

Na, es sind wieder mal die Immobilien!

Diesmal allerdings nichts der Stammsitz der alten Reuschel-Bank in Schwabing. Sondern ein Gelände am Marienplatz, das als einer der schlimmsten Bausünden der Nachkriegszeit in die Münchner Bauhistorie eingegangen ist.

Dazu muss man wissen, dass dort, wo jetzt besagte Bausünde steht, früher einmal ein 1912 errichtetes Jugendstil-Gebäude, das in Teilen sogar den Bombenkrieg überstand – und das Roman-Mayr-Haus genannt wurde. Mitte der 1960er allerdings wurde das Roman-Mayr-Haus abgerissen zugunsten besagter Bausünde, in der mittlerweile der Kaufhof seinen Sitz hat. Das alte Roman-Mayr-Haus gibt es also nicht mehr. Der Name hat gleichwohl überlebt, nämlich in Form der „Roman-Mayr-Haus Immobilienverwaltungsgesellschaft“, dessen Geschäftszweck laut Handelsregister „die Verwaltung des der Gesellschaft gehörenden Immobilienbesitzes, insbesondere des sogenannten Roman-Mayr-Hauses“ gehört. Und wer wieder ist an ebendieser Verwaltungsgesellschaft beteiligt? Sie ahnen es: Donner & Reuschel. Und zwar über die „Donner & Reuschel AG & Co RMH KG“.

Wobei: Ist beteiligt? Nein, war beteiligt, muss es heißen. Denn irgendwo muss der Jahresüberschuss ja herkommen …

Letztes Jahr hat Donner & Reuschel die Anteile an der Roman Mayr-Haus Immobilienverwaltungsgesellschaft nämlich versilbert und damit abzüglich Provisionen und Vorabausschüttungen einen Gewinn in Höhe von 14,9 Mio. Euro realisiert. Vereinfacht: Hievte Donner & Reuschel 2018 die Höherbewertung der Schwabing-Immobilie um 21 Mio. Euro, so war es diesmal der Anteilsverkauf an der Immobiliengesellschaft. „Die Bank hat sich von strategisch nicht notwendigen Beteiligungen getrennt“, so eine Sprecherin auf Nachfrage. Die Rückfrage, ob es sich tatsächlich um die Immobilie am Marienplatz handele, blieb unbeantwortet.

Und noch eine bemerkenswerte Parallele gibt es. Der 21 Mio. Euro schwere „Zuwachs“ aus der Schwabinger Immobilie 2018 war in der Gewinn- und Verlustrechnung kaum zu erkennen gewesen. Weil sich das Geld nämlich gewissermaßen mit einem luftigen Minus von 23 Mio. Euro bei den Wertpapier- und Finanzanlagen zu verrechnen schien. Wörtlich war im damaligen Abschluss von „kompensieren“ die Rede. Motto: „21 Mio. Euro“ weniger „23 Mio. Euro“ ist gleich „Hoffentlich sieht’s keiner“.

2019 wiederholt sich das Spielchen in gewisser Hinsicht: Zwar sorgte der Verkauf der Immobilienbeteiligung für einen Gewinn in Höhe von 14,9 Mio. Euro, welcher im Posten „Erträge aus Zuschreibungen zu Beteiligungen, Anteile an verbundenen Unternehmen und wie Anlagevermögen behandelten Wertpapieren“ ausgewiesen wird. In der Bilanz steht hier aber in genau jener Zeile lediglich ein Plus von 6,4 Mio. Euro. Es wurde also mal wieder fluffig saldiert, und zwar im Umfang von 8,5 Mio. Euro. Kurze Nachfrage bei Donner & Reuschel. Haben wir das richtig gedeutet? Offenbar schon. „Es handelt sich um einen Saldo von verschiedenen Maßnahmen und bildet lediglich die Nettobetrachtung ab“, so die Auskunft.

Und wie geht es weiter? In der Prognose rechnet Donner & Reuschel für dieses Jahr „mit einem leichten Rückgang der Cost-Income Ratio“ und sagt ein „ausgeglichenes Betriebsergebnis vor Steuern“ voraus. Das war gleichwohl noch vor Corona – die Niederschrift des Abschlusses datiert auf den 16. März. Und nach Corona? Zitat aus dem Abschluss: Infolge der Pandemie könne es sein, „dass einerseits Vertriebsziele infolge reduzierter Kundenkontakte nicht erreicht werden. Es könnten wesentliche konjunkturelle Verschlechterungen dazu führen, dass der Risikovorsorgeaufwand abweichend von unserer Planung deutlich ansteigt. Dadurch würde das geplante Jahresergebnis nicht erreicht werden.“

Nachfrage bei Donner & Reuschel – wie läuft’s denn aktuell? „Im ersten Halbjahr 2020 verlief unser Geschäft trotz Corona-Krise sehr erfolgreich. Aufgrund der sehr guten organisatorischen und technischen Ausstattung sind wir vollumfänglich für unsere Kunden handlungsfähig. Wir haben unser Provisionsergebnis über 20% gesteigert und liegen auch im Zinsergebnis deutlich über Plan“, so eine Sprecherin.

Klingt erst einmal nicht schlecht. Wie es bei den Kosten aussieht und was genau mit „erfolgreich“ gemeint ist, wird man dann ja sehen.

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