Brexit – und was noch? Warum die Auslandsbanken so brutal wachsen

Unter den 50 größten deutschen Banken haben sich in den vergangenen fünf Jahren tektonische Verwerfungen zwischen den Auslandsbanken sowie den heimischen Instituten ergeben. So hat sich die kumulierte Bilanzsumme der Auslandsbanken unter den 50 größten deutschen Instituten von 2016 bis 2021 nahezu verdoppelt, und zwar von 570 Mrd. Euro (2016) auf 1.123 Mrd. Euro (2021) – so die Berechnungen von Finanz-Szene auf Basis der jährlichen Bilanzsummen-Rangliste des Bank-Verlags sowie von Geschäftsberichten. Zum Vergleich: Die Bilanzsumme der 50 größten Banken hierzulande insgesamt wuchs im gleichen Zeitraum nur um 9%, konkret um 533 Mrd. Euro auf nunmehr 6.612 Mrd. Euro. Damit ist die Bilanzsumme der übrigen deutschen Institute in den Top 50 rechnerisch sogar leicht gesunken, sprich Wachstum in der Bilanzsumme gab es in der Spitzengruppe in den vergangenen fünf Jahren nur unter den Auslandsbanken.

Hier eine Übersicht über die Bilanzsummen, Positionen und Entwicklungen der elf ausländischen Häuser, die es 2021 unter die Top 50 geschafft haben:

HypoVereinsbank (a.k.a. Unicredit Bank)

  • Bilanzsumme 2021: 312,1 Mrd. Euro
    (+3% gegenüber 2016)
  • Position im Top-100-Ranking 2021: Rang 5
    (2016: Rang 5)
  • Woher kommen die Veränderungen? Gemessen daran, dass es sich bei der HypoVereinsbank in erster Linie um eine zwar große, aber auch nicht übermäßig große deutsche Privat- und Firmenkundenbank handelt, kommt die Bilanzsumme recht üppig daher. Dies liegt daran, dass die italienische Mutter Unicredit über die Münchner Tochter weite Teile ihres Investmentbankings bündelt. Zuletzt wuchs dieser Bereich allerdings kaum noch – zumal die HypoVereinsbank ihre Strategie in den vergangenen Jahren ja ohnehin viel stärker an Profitabilität als an Wachstum ausrichtete (siehe etwa unser Stück zum Ziel einer Cost-Income-Ratio von unter 50% hier). Gleiches gilt auch für die Muttergesellschaft, die im Zuge ihrer Strategie “Unicredit: Unlocked” bis 2024 auch nur mit einem kleinen Plus von 1 Mrd. Euro bei den Erträgen kalkuliert, sprich mit 17 Mrd. Euro, verglichen mit 16 Mrd. Euro 2021.

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J.P. Morgan SE (Frankfurt)

  • Bilanzsumme 2021: 281,4 Mrd. Euro
    (+1.145% gegenüber 2016)
  • Position im Top-100-Ranking 2021: Rang 7
    (2016: nicht vertreten)
  • Woher kommen die Veränderungen? Den wesentlichen Sprung vollzog J.P. Morgan in Deutschland bereits 2020, als sich die Bilanzsumme annähernd verdreifachte, auf damals 245 Mrd. Euro. In jenem Jahr gründete die US-Bank die europäische SE. Damals siedelte sie einerseits die zentrale Risikomanagement-Einheit des Konzerns in Frankfurt an, während sie andererseits auch das Geschäft der Corporate & Investment Bank für Kunden mit Sitz in der EU am Main bündelte (welches zuvor in London gesessen hatte). Entsprechend kletterten auch die Positionen im Handelsbestand. Beides setzte sich 2021 fort. Dabei spiegelt das Plus der Bilanzsumme von 15% im vergangenen Jahr nicht ganz den Zuwachs im Kerngeschäft wider, denn in dem Zeitraum sank das Guthaben der Bank bei Zentralbanken (vornehmlich der Bundesbank) von 81 Mrd. Euro 2020 auf nur noch 38 Mrd. Euro – und das schmälerte die Bilanzsumme. Bereinigt um diesen Effekt, lag der Zuwachs der Bilanzsumme im Kerngeschäft 2021 eher bei einem Drittel.

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ING Deutschland

  • Bilanzsumme 2021: 181,9 Mrd. Euro
    (+15% gegenüber 2016)
  • Position im Top-100-Ranking 2021: Rang 10
    (2016: Rang 10)
  • Woher kommen die Veränderungen? Auf fünf Jahre gesehen, beträgt die Bilanzausweitung zwar noch branchenübliche 15%, was den Niederländern einen Platz am Rand der Top 10 der größten Banken hierzulande sichert. Doch das ist noch eine Folge des Wachstums in den Jahren 2016 bis 2019; zuletzt sank die Bilanzsumme gar leicht von 190 Mrd. Euro 2020 auf nur noch 182 Mrd. Euro 2021. Der Grund: In beiden Kerngeschäftsfeldern – dem Firmenkundengeschäft und dem dominierenden Privatkundengeschäft – legt die ING seit zwei Jahren strategisch mehr Wert auf Profitabilität denn auf Wachstum von Kundenzahlen und Volumen (anders als in den 20 Jahren zuvor). Das Kreditvolumen im Firmenkundengeschäft sank daher zum Beispiel von seinem Spitzenwert im Jahr 2019 in Höhe von 35 Mrd. Euro auf 31 Mrd. Euro im vergangenen Jahr. Und die Kundenzahl im Retail-Geschäft stieg seit 2018 nur noch um kumuliert 200.000 auf zuletzt 9,1 Millionen per Ende 2021. Zudem verabschiedete sich – was das langsamere Wachstum auch erklärt – das Institut vom Österreich-Geschäft. Das Sammeln von Einlagen, jahrelang der Garant auch für ein Wachstum der Bilanzsumme, machte der ING Deutschland in Zeiten von Negativzinsen operativ keinen Spaß mehr. Das könnte sich natürlich nun wieder ändern, denn kaum verzinste Einlagen zur EZB zu tragen, gegen 0,75% Einlagenzins, ist plötzlich wieder ein Geschäft.

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Citigroup Global Markets Europe AG (Frankfurt)

  • Bilanzsumme 2021: 83,3 Mrd. Euro
    (+3.232% gegenüber 2016)
  • Position im Top-100-Ranking 2021: Rang 18
    (2016: nicht vertreten)
  • Woher kommen die Veränderungen? Ähnlich wie J.P. Morgan vollzog auch die Citigroup bereits 2020 ihren großen Sprung. Damals vervierfachte sich die Bilanzsumme auf 70 Mrd. Euro; dem folgte 2021 noch ein weiterer Zuwachs von 19%. Nach dem Brexit hat die Citigroup Frankfurt zum Standort für das Wertpapierhandelsgeschäft der Eurozone auserkoren, wobei der Schwerpunkt im Handelsgeschäft von Finanzinstrumenten liegt und hier vor allem auf Zinsoptionen sowie Aktien- und Index-Optionsscheinen. Die daraus resultierenden Handelsbestände machen rund vier Fünftel des nominalen Geschäftsvolumens aus. Der Prozess des Transfers ist noch nicht abgeschlossen, so dass die Bilanzsumme tendenziell noch weiter steigen dürfte. Die “Übertragung von Bestandsportfolien in Derivaten von anderen im Vereinigten Königreich ansässigen Unternehmen der Citigroup” gehe 2022 weiter, heißt es etwa in der Prognose des Geschäftsberichts 2021.

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Santander Consumer Bank

  • Bilanzsumme 2021: 55,6 Mrd. Euro
    (+28% gegenüber 2016)
  • Position im Top-100-Ranking 2021: Rang 24
    (2016: Rang 24)
  • Woher kommen die Veränderungen? Die Santander Consumer Bank ist bilanziell ein Musterbeispiel an Konstanz: 2016 erwirtschaftete sie 533 Mio. Euro Überschuss – und 2021 mit 530 Mio. Euro annähernd exakt den gleichen Wert. Die Kundenforderungen veränderten sich kaum, sie betrugen 2016 rund 30,9 Mrd. Euro und 2021 dann 28,9 Mrd. Euro. Auch die Einlagen veränderten sich kaum (2016: 23,8 Mrd. Euro, 2021: 23,4 Mrd. Euro). Warum die Bilanzsumme trotz der Stagnation im operativen Geschäft (bei allerdings hoher Rentabilität) um gut ein Viertel stieg und Santander im Ranking nach Bilanzsumme Rang 24 exakt halten konnte, ist schnell erklärt: Es handelt sich weitgehend um TLTRO-Effekte. Die Nutzung des EZB-Gewinndopings erklärt fast vollständig den Anstieg um 11% im vergangenen Jahr. Seit 2019 haben sich so auch die liquiden Mittel auf 10,8 Mrd. Euro verdreifacht, noch 2016 betrugen diese gar nur 1,7 Mrd. Euro – und schon sind zwei Drittel des Fünfjahresanstiegs in der Bilanzsumme erklärt.

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Goldman Sachs Bank Europe SE (Frankfurt)

  • Bilanzsumme 2021: 55,1 Mrd. Euro
    (Vergleich zu 2016 nicht möglich)
  • Position im Top-100-Ranking 2021: Rang 25
    (2016: nicht vertreten)
  • Woher kommen die Veränderungen? Die Bilanzsumme der Frankfurter Vorgängereinheit Goldman Sachs AG lag 2016 nur bei 626 Mio. Euro,  während es heute eine Goldman Sachs Bank Europe SE gibt. Die konnte ihre Bilanzsumme allein 2021 um fulminante 68% auf 55,1 Mrd. Euro steigern (gemäß IFRS-Rechnungslegung liegt die Bilanzsumme bereits bei rund 119 Mrd. Euro). Der naheliegende Grund ist der Brexit, denn auch Goldman Sachs führt wesentliche Teile der Handelsaktivitäten in der Eurozone nun aus Frankfurt. Dazu zählen einige Elemente des Investmentbankings, das Clearing, die Verwahrung von Wertpapieren sowie Infrastrukturen für den Kapitalmarkt. Deren Übertragung stelle die wichtigste Ursache “für den erheblichen Anstieg (…)  der Bilanzsumme […] im Vergleich zu 2020 dar”, heißt es bei Goldman Sachs im Geschäftsbericht für das vergangene Jahr. Anders als bei anderen Häusern in Frankfurt ist der Effekt des Brexits auf die Bilanzsumme nun aber größtenteils in der Bilanz verarbeitet. “Die Übertragung bestimmter Aktivitäten der britischen Gesellschaften des Goldman Sachs-Konzerns auf die Bank im Rahmen der Brexit-Strategie (…) ist weitgehend abgeschlossen, und die Folgen der ausgeweiteten Aktivität werden sich 2022 normalisieren”, heißt es im Ausblick auf 2022. Und: Man gehe für 2022, verglichen mit dem starken Geschäftsumfeld im Jahr 2021, eher von einem leichten Ertragsrückgang aus.

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State Street Bank International GmbH (München)

  • Bilanzsumme 2021: 54,9 Mrd. Euro
    (+46% gegenüber 2016)
  • Position im Top-100-Ranking 2021: Rang 25
    (2016: Rang 26)
  • Woher kommen die Veränderungen? Das Geschäft von State Street in Deutschland ist eher bieder – die Verwahrung und Verwaltung von Wertpapieren („Custody only“) und das Verwahrstellengeschäft inklusive Reporting-Dienstleistungen. Vereinfach gesprochen, ist die Bilanzsumme eine Funktion des natürlichen Wachstums der Assets, abhängig von steigenden Kursen, vom Erfolg beim Gewinnen neuer Verwahr-Mandate sowie von den Einlagen, die Kunden dann bei State Street einlegen. Letzteres ist der simple Grund für den Sprung der Bilanzsumme 2021 um 8,2 Mrd. Euro (+18%): Die Kunden deponierten schlicht 6,8 Mrd. Euro mehr bei der Bank als im Vorjahr.

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UBS Europe SE (Frankfurt)

  • Bilanzsumme 2021: 49,7 Mrd. Euro
    (+71% gegenüber 2016)
  • Position im Top-100-Ranking 2021: Rang 29
    (2016: Rang 30)
  • Woher kommen die Veränderungen? Das Bilanzsummen-Wachstum der UBS fußt auf einem bereits früh eingeleiteten Brexit-Effekt: Schon von fünf Jahren zentralisierten die Schweizer die Vermögenswerte und Schulden der Niederlassungen anderer Euro-Länder, die in der neuen SE-Gesellschaft in Frankfurt aufgenommen wurden. Ferner zentralisierte die UBS das Liquiditätsmanagement bei der deutschen Niederlassung der UBS Europe SE und packte den Überhang aller Euro-Clearing-Aktivitäten in der Regel auf ein Konto bei der Bundesbank, was der Bilanz der SE in Frankfurt zugute kam. Immerhin: Wer früh anfängt, ist auch früh fertig – 2021 wuchs die Bilanzsumme nur noch um 0,5 Mrd. Euro (+1%). Größere Sprünge sind auch in naher Zukunft nicht zu erwarten: Der interne Dreijahresplan sieht eine deutlich höhere Rentabilität (72% Cost-Income-Ratio 2024 statt 82% wie 2022) als Kernziel vor – nicht Wachstum.

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Morgan Stanley Europe SE (Frankfurt)

  • Bilanzsumme 2021: 40,5 Mrd. Euro
    (kein Vergleich zu 2016 möglich)
  • Position im Top-100-Ranking 2021: Rang 32
    (2016: nicht vertreten)
  • Woher kommen die Veränderungen? Morgan Stanley ist wie andere “Brexit-Banken” eine Einheit, die keinen sinnigen Fünfjahresvergleich zulässt, da die europäische SE das Ergebnis einer Bündelung diverser Geschäfte in Frankfurt ist. Ein Großteil der jüngsten Zuwächse in der Bilanzsumme (wie zum Beispiel dem Anstieg von 24 Mrd. Euro 2019 auf 38 Mrd. Euro 2020) ist auf die Übertragung von Kundenpositionen zurückzuführen. 2021 betrug das Wachstum allerdings nur noch 5%, der Brexit spielte zuletzt keine Rolle mehr. Stattdessen nannte die Bank als Gründe des Anstiegs eine ” höhere Geschäftsaktivität (…), den Ausbau von Handelspositionen großer Kunden sowie höhere Marktwerte von Fremdwährungsderivaten”.  Im Ausblick auf 2022 ist die Bank optimistisch, “das Geschäft weiterhin auszubauen und damit das Ergebnis vor Steuern zu verbessern”. Erstaunlich: Im jüngsten Jahresabschluss kommt das Wort Brexit gar nicht mehr vor.

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HSBC Deutschland (Düsseldorf)

  • Bilanzsumme 2021: 31,5 Mrd. Euro
    (+36% gegenüber 2016)
  • Position im Top-100-Ranking 2021: Rang 34
    (2016: Rang 39)
  • Woher kommen die Veränderungen? In den vergangenen zwei Jahren trugen die TLTRO-Geschäfte 2,7 Mrd. Euro zum Wachstum der Bilanzsumme bei – womit auch schon ein Drittel des Zuwachses in den vergangenen fünf Jahre erklärt wäre. Für 2021 stand zwar das höchste Ergebnis seit einem Jahrzehnt zu Buche (siehe auch unsere Analyse hier), dieses war indes geprägt vom Einmaleffekt einer Immobilientransaktion. Ansonsten sank das Kreditvolumen der Bank 2021 ertaunlicherweise von 8,1 auf 7,1 Mrd. Euro,  was die Bank vor allem auf ein schrumpfendes Konsortialkreditgeschäft zurückführte. In den kommenden Jahren dürfte die Reise in Sachen Bilanzsumme für HSBC Deutschland eher nach unten gehen: Einerseits baute und baut die Bank im Zuge ihrer Restrukturierungsprogramme (“Germany Transformation” und “Titan”) eine hohe dreistellige Mitarbeiterzahl ab; über die fünf Jahre gesehen, hat sich deren Zahl insgesamt bereits halbiert. Andererseits ist der Standort zur Zweigniederlassung der Europa-Zentrale in Paris herabgestuft worden.

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Targobank (Düsseldorf)

  • Bilanzsumme 2021: 31,2 Mrd. Euro
    (+105% gegenüber 2016)
  • Position im Top-100-Ranking 2021: Rang 35
    (2016: Rang 50)
  • Woher kommen die Veränderungen? Wie groß der Konsolidierungsdruck in Deutschland ist, lässt sich gut daran ablesen, dass die Targobank ihre Bilanzsumme binnen fünf Jahren mehr als verdoppelt hat, aber im Top-100-Ranking der größten Banken trotzdem “nur” von Platz 50 auf Platz 35 geklettert ist. Das Wachstum ist das mit Abstand stärkste aller Nicht-Brexit-Auslandsbanken. Laut Geschäftsbericht fußt es vor allem auf der Kreditausweitung: Im Kundenkreditgeschäfts standen 2016 noch 11,6 Mrd. Euro zu Buche, 2021 waren es 24,7 Mrd. Euro, wobei sich der Großteil der Ausweitung auf das Ratenkredit- und Firmenkundengeschäft zurückführen lässt. Auch 2020 packte man 10% drauf, verglichen mit der Bilanzsumme im Jahr zuvor. Wesentlicher Wachstumsträger war das Firmenkundengeschäft, wo die Targobank 2021 ein Kreditvolumen von rund 6,5 Mrd. Euro auswies – das waren 1,1 Mrd. Euro (+20%) mehr als im Vorjahr.

 

Finanz-Szene geht ab Oktober hinter die Paywall ...

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