Exklusiv

Causa Wirecard: Wie die DWS (weiter) auf das „G“ in ESG pfiff

22. Juni 2020

Von Christian Kirchner

DWS-Fondsmanager Tim Albrecht hat der „FAZ“ am Samstag ein Interview gegeben (siehe hier) und darin nicht nur Verantwortung für die Fehlspekulation mit Wirecard übernommen, sondern überdies erklärt, er verzichte in diesem Jahr auf einen Bonus. Zudem sagt Albrecht, man habe die ursprüngliche Wirecard-Position eingangs vergangener Woche „schon zu 60 Prozent reduziert“ – und dann am Donnerstag auch den Rest verkauft.

Klingt nach einem umsichtigen Manager. Und: Klar, hinterher ist man schlauer. Aber wenn ein Fondsmanager eine gigantische Übergewichtung um 60% reduziert, wird daraus immer noch: eine dicke Übergewichtung. Und das bei einem Unternehmen wie Wirecard, das spätestens seit dem KPMG-Sonderbericht Ende April einen Totalschaden in Sachen Governance zu verzeichnen hatte.

Ausweislich der Fondsreports hielt der zuletzt 4,1 Mrd. Euro schwere DWS Deutschland noch am 29. Mai – dem letzten verfügbaren offiziellen Stand – 4,4% seines Vermögens in Wirecard-Aktien. Das entspricht einer vierfachen Übergewichtung gegenüber dem Vergleichsindex des Fonds, dem CDax – hier ist Wirecard lediglich mit 1,1% gewichtet. Immer noch mit 3,9% vertreten war Wirecard per 29. Mai auch in Albrechts zweitem Fonds, dem DWS Invest German Equities. Und im DWS Aktienstrategie Deutschland? Waren’s 3,5%.

Heißt: Selbst Wochen nach dem verheerenden KPMG-Report spekulierte Deutschlands größte Publikums-Fondsgesellschaft noch munter auf Wirecard.

Manager März 19 31.10.19 31.03.20 30.04.20 29.05.20
DWS Deutschland Albrecht 1,1% 9,2% 10,9% 4,8% 4,4%
DWS Aktienstrat. Dtld. Pack 1,1% 3,8% 6,4% 3,5% 3,5%
DWS ESG Investa Ohme 1,4% 7,2% 9,1% 4,5% < 2,6% *
DWS Invest German Equities Albrecht 2,0% 9,0% 10,6% 4,7% 3,9%
DWS German Equities Typ 0 Wendelken 1,4% 2,9% 4,3% 4,7% < 2,4% *

Quelle: DWS Factsheets. * nicht mehr in den zehn größten Positionen, genaue Gewichtung daher unbekannt. 

Im Interview mit der „FAZ“ übt Albrecht indes nicht nur Selbstkritik, sondern führt gleich eine Reihe anderer Mitverantwortliche an. Banken hätten „mit ihren Analystenreports sicher gutgläubig positive Signale gesendet“, die Finanzaufsicht „Bafin spielt (bei) Wirecard eine große Rolle, schon weil der Konzern eine Banklizenz hat“. Auch die Börse mit ihrem Dax bekommt einen mit, denn, so Albrecht, „wir sollten uns schon fragen, ob sie bei der Aufnahme in einen Leitindex nicht auch sogenannte weiche Faktoren wie die Unternehmensführung als Kriterium anlegen sollten“, und: „Wenn die Aktie früh aus einem prominenten Index ausgeschlossen worden wäre, hätte das aus heutiger Sicht ein Signal an die Privatanleger gesendet und manchem Verluste erspart.“

Weiche Faktoren wie die Unternehmensführung als Kriterium anlegen – das wäre ja eigentlich die ureigenste Aufgabe eines aktiven Managers. Zumal: Wenn es um die Unternehmensführung und entsprechende Kriterien geht, gibt sich die DWS gerne mal knallhart.

  • Der Aufsichtsrat? „Hierbei spielt die Amtsdauer eine große Rolle (max. 10 Jahre)“, schreibt die DWS in ihren Richtlinien – als Albrecht und drei Kollegen (siehe Tabelle oben) bei Wirecard im Oktober 2019 in die Vollen gingen, war der damalige Aufsichtsratschef Wulf Matthias bereits 12 Jahre im Amt.
  • Ihr Alter? „Unterstützt wird die Festsetzung einer Altersgrenze, damit der Aufsichtsrat regelmäßig verjüngt wird“, heißt es bei der DWS – der Aufsichtsratsvorsitzende war zum Zeitpunkt des Positionsaufbaus 74 Jahre alt
  • Überhaupt bestehen erhebliche Zweifel, ob der Aufsichtsrat der Wirecard zum Zeitpunkt des Positionsaufbaus mit „qualifizierten, erfahrenen, unterschiedlichen (diversen) und unabhängigen“ Personen besetzt war, wie das die Governance-Regeln der DWS erfordern. Der Wirecard-Aufsichtsrat galt jahrelang als Governance-Schwachpunkt schlechthin. Er bestand 2019 lediglich aus sechs Personen, von denen fünf ohne nennenswerte Führungs- und Aufsichtserfahrung in Großkonzernen waren.
  • Der Prüfer?  „Entscheidende Elemente einer angemessenen Informationspolitik sind die Dauer der Berufung von Wirtschaftsprüfern und eine turnusmäßige Ablösung, um ihre Unabhängigkeit und Objektivität zu unterstreichen: 5 Jahre.“ – Ernst & Young prüft Wirecard ununterbrochen seit 2009, also elf Jahre.
  • Überhaupt, die Bilanz? Hier  standen spätestens mit dem KPMG-Report zahllose Ungereimtheiten im Raum, die laut der internen „Corporate Governance and Proxy Voting Policy“ der DWS (siehe hier unter „Audit related Agenda Items“) klare rote Flaggen sind.

Die Liste ließe sich fortsetzen – und dass diese Themen der DWS nicht unbekannt sein können, belegt ein Blick in den 2019er „Governance Engagement Report“ – mit Wirecard konferierte die DWS zu Governance-Themen 2019 gleich zweimal. Die Themen: Operations & Performance, Transparency, Auditor (!).

Die DWS teilt auf Anfrage mit:

„Die Position des DWS Deutschland wurde im Zuge des KPMG-Sonderberichts deutlich zurückgefahren, auch wenn das Testat des eigentlichen Wirtschaftsprüfers zu jenem Zeitpunkt noch ausstand. Die Position in Wirecard lag am 30.04.2020 wieder unterhalb des Niveaus vom 15.10.2019 und wurde damit innerhalb einer Woche nahezu halbiert. Bis zum Marktschluss am 17.06.2020 hatte die DWS ihre Position in Wirecard im Vergleich zum Höchstpunkt im Januar 2020 um 60% reduziert.“

„Aus heutiger Sicht ist die Frage, wie ein Portfoliomanager betrügerische Machenschaften aufdecken könnte?“, fragt Albrecht rhetorisch im FAZ-Interview.

Die Antwort ist simpel: Sich einfach an den hauseigenen Anlagegrundsätze in Sachen ESG und hier besonders dem „G“ für Governance zu orientieren, hätte bereits vollkommen gereicht, eine Umverteilung eines dreistelligen Millionen-Vermögens seiner Anleger an angelsächsische Leerverkäufer zu verhindern.

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