Exklusiv

Deutschlands schlechteste Sparkasse flieht in Fusion

6. Juli 2021

Von Thomas Borgwerth

Wenn wir uns – was wir zugegebenermaßen recht häufig tun – an den lieben Sparkassen abarbeiten, dann geht es meist um die großen Häuser. Etwa die Haspa und die Fraspa mit ihren notorischen Ertragsproblemen. Oder die Stadtsparkasse Düsseldorf mit ihren ständigen Bilanzfummeleien. Und natürlich die Sparkasse KölnBonn, die einfach nur die Sparkasse KölnBonn ist, also immer für eine Überraschung gut.

Jedenfalls: Als Folge dieser Fokussierung könnte der Eindruck aufkommen, es seien vor allem die urbanen Großsparkassen, die mit Problemen kämpfen. Diese Deutung allerdings wäre falsch. Denn auch und gerade viele kleinere Sparkassen wirken angesichts des zunehmenden Margendrucks zunehmend ausgezehrt. Und wenn dann noch hausgemachte Probleme hinzukommen – dann wird’s unter Umständen sogar richtig düster.

So gibt es eine Sparkasse da draußen, die laut exklusiven Recherchen von Finanz-Szene.de in vier der zurückliegenden fünf Geschäftsjahre gemessen am Betriebsergebnis vor Bewertung rote Zahlen geschrieben hat. Und wie es der Zufall will, soll nun (wie uns gestern einer unserer wunderbaren Leser-Reporter steckte) ausgerechnet diese Sparkassen offenbar still und friedlich wegfusioniert werden. Die Details – inklusive einer in diesem Fall unerlässlichen Bilanzanalyse:

Um wen geht es?

Um die Sparkasse Radevormwald-Hückeswagen. Sie soll nach Angaben der tragenden Kommunen mit der Sparkasse Wermelskirchen verschmolzen werden. Die Heimat beider Institute ist das beschauliche Bergische Land*.

Mit was für Sparkassen haben wir es zu tun?

Mit einer Bilanzsumme von 739 Mio. Euro (Wermelskirchen) bzw. 575 Mio. Euro (Radevormwald-Hückeswagen) gehören die beiden Institute zu den kleinen Sparkassen im Lande. Im DSGV-Ranking reicht das zu Platz 340 beziehungsweise Platz 354 (gemessen an 379 Sparkassen insgesamt, sämtliche Angaben per Ende 2019, weil für 2020 noch keine Geschäftszahlen vorliegen).

Die Sparkasse Wermelskirchen ist ein Beispiel dafür, dass sich auch als Kleinbank trotz Zinstiefs, Regulierung und Digitalisierung noch auskömmlich wirtschaften lässt. Dagegen die Sparkasse Radevormwald-Hückeswagen? Könnte als „Showcase“ für all jene dienen, die das Ende der klassischen kleinen Sparkassen oder Volksbank herbeireden wollen. 2015, 2017, 2018 und 2019 hat das Institut jeweils ein negatives Betriebsergebnis vor Bewertung hingelegt. So schlecht schneidet laut „Finanz-Szene“-Analysen keine andere Sparkasse hierzulande ab.

Wie sehen die Zahlen konkret aus (I)?

Bitte lassen Sie sich nicht von unserer irrsinnig langen GuV-Tabellen vom Weiterlesen abhalten. Falls Sie nicht viel Zeit mitgebracht haben, dann nehmen Sie Folgendes mit: Bei der Sparkasse Radevormwald-Hückeswagen reichen die laufenden Erträge (Zinsüberschuss + Provisionsüberschuss + Gedöns) nicht mehr aus, um die Verwaltungsaufwendungen zu decken. Das Betriebsergebnis vor Bewertung war darum in den zurückliegenden Jahren notorisch negativ. Zwar gelang es dem Institut (siehe die Position „Erträge aus Zuschreibungen zu Forderungen und bestimmten Wertpapieren sowie aus der Auflösung von Rückstellungen im Kreditgeschäft“), die GuV über ein positives Bewertungsergebnis doch noch ins Positve zu drehen. Doch alle Erfahrung lehrt: Solche Operationen lassen sich nicht beliebig wiederholen. Und jetzt bitte weiterscrollen …

Sparkasse Radevormwald-Hückeswagen
Gewinn und Verlustrechnung 2017 2018 2019

in T€

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1. Zinserträge aus
a) Kredit- und Geldmarktgeschäften 9.723 8.744 8.526
b) festverzinslichen Wertpapieren und Schuldbuchforderungen 351 283 236
2. Zinsaufwendungen 2.669 2.720 3.121
Zinsüberschuss 7.405 6.307 5.641
  in % der laufenden Erträge 55,1 % 51,6 % 48,0 %
  Veränderung gegenüber Vorjahr in % -14,8 % -10,6 %
3. Laufende Erträge aus
a) Aktien und anderen nicht festverzinslichen Wertpapieren 1.399 1.223 909
b) Beteiligungen und Geschäftsguthaben bei Genossenschaften 193 108 121
c) Anteilen an verbundenen Unternehmen 0 0 0
4. Erträge aus Gewinngemeinschaften, Gewinnabführungs- oder Teilgewinnabführungsverträgen 0 0 0
Anlage- u. Beteiligungserträge 1.592 1.331 1.030
  in % der laufenden Erträge 11,8 % 10,9 % 8,8 %
5. Provisionserträge 4.463 4.299 4.895
6. Provisionsaufwendungen 242 366 553
Provisionsüberschuss 4.221 3.933 4.342
  in % der laufenden Erträge 31,4 % 32,2 % 36,9 %
  Veränderung gegenüber Vorjahr in % -6,8 % 10,4 %
7. Nettoertrag/-aufwand des Handelsbestands 0 0 0
8. Sonstige betriebliche Erträge 231 642 745
Summe laufende Erträge 13.449 12.213 11.758
  Veränderung gegenüber Vorjahr in % -9,2 % -3,7 %
10. Allgemeine Verwaltungsaufwendungen
a) Personalaufwand
aa) Löhne und Gehälter 6.424 6.027 6.079
ab) Soziale Abgaben und Aufwendungen für Altersversorgung und für Unterstützung 3.939 2.033 2.043
darunter: für Altersversorgung 2.798 830 687
Summe Personalkosten 10.363 8.060 8.122
  in % der laufenden Aufwendungen 72,1 % 61,8 % 62,5 %
  Veränderung gegenüber Vorjahr in % -22,2 % 0,8 %
b) andere Verwaltungsaufwendungen 3.672 4.665 4.421
11. Abschreibungen und Wertberichtigungen auf immaterielle Anlagewerte und Sachanlagen 220 211 224
12. Sonstige betriebliche Aufwendungen 128 109 236
Summe laufende Aufwendungen 14.383 13.045 13.003
  in % der laufenden Erträge 106,9 % 106,8 % 110,6 %
  Veränderung gegenüber Vorjahr in % -9,3 % -0,3 %
Betriebsergebnis vor Bewertung -934 -832 -1.245
13. Abschreibungen und Wertberichtigungen auf Forderungen und bestimmte Wertpapiere sowie Zuführungen zu Rückstellungen im Kreditgeschäft 0 0 0
14. Erträge aus Zuschreibungen zu Forderungen und bestimmten Wertpapieren sowie aus der Auflösung von Rückstellungen im Kreditgeschäft 3.662 1.189 2.210
15. Abschreibungen und Wertberichtigungen auf Beteiligungen, Anteile an verbundenen Unternehmen und wie Anlagevermögen behandelte Wertpapiere 0 0 0
16. Erträge aus Zuschreibungen zu Beteiligungen, Anteilen an verbundenen Unternehmen und wie Anlagevermögen behandelten Wertpapieren 0 0 0
Bewertungsergebnis 3.662 1.189 2.210
17. Aufwendungen aus Verlustübernahme 0 0 0
19. Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit 2.728 357 965
  in % der laufenden Erträge 20,3 % 2,9 % 8,2 %
  Veränderung gegenüber Vorjahr in % -86,9 % 170,3 %
20. Außerordentliche Erträge 0 0 0
21. Außerordentliche Aufwendungen 0 0 0
22. Außerordentliches Ergebnis 0 0 0
23. Steuern vom Einkommen und vom Ertrag 128 5 4
    in % des Geschäftsergebnisses 4,7 % 1,4 % 0,4 %
24. Sonstige Steuern, soweit nicht unter Posten 12 ausgewiesen 34 34 31
24a. Aufwendungen aus der Zuführung zum Fonds für allgemeine Bankrisiken 2.500 250 800
24b. Erträge aus der Auflösung des Fonds für allgemeine Bankrisiken 0 0 0
25. Erträge aus Verlustübernahme 0 0 0
26. Auf Grund einer Gewinngemeinschaft, eines Gewinnabführungs- oder eines Teilgewinnabführungsvertrags abgeführte Gewinne 0 0 0
27. Jahresüberschuss 66 68 130
  in % der laufenden Erträge 0,5 % 0,6 % 1,1 %

Quelle: Eigene Daten auf Basis des Bundesanzeigers

Wie sehen die Zahlen konkret aus (II)?

Keine Bange, wir kommen Ihnen jetzt nicht auch noch mit der kompletten GuV der Stadtsparkasse Wermelskirchen. Nur so viel: Die Wermelskirchener haben bis einschließlich 2017 ein Betriebsergebnis vor Bewertung (gemessen an der durchschnittlichen Bilanzsumme) von teilweise deutlich >1% erzielt. Das ist allererste Sahne. 2019 lag der Wert immerhin noch bei gut 0,8%. Auch das ist angesichts der äußeren Umstände immer noch hervorragend. Nochmal: Hier fusioniert ein Vorzeige-Institut mit einem, gelinde gesagt, Problemfall.

Warum steht die Sparkasse Radevormwald-Hückeswagen so schlecht da?

Um das zu ergründen, reicht eine einfache Bilanzanalyse nicht aus. Wir wollen trotzdem versuchen, ein paar Anhaltspunkte zu geben, warum bei der Sparkasse Wermelskirchen operative vergleichsweise viel rumkommt  – und bei der Nachbarsparkasse gar nichts mehr:

  • Wermelskirchen kommt mit diesen Mitarbeitern auf über 208.000 Euro Erlöse pro Mitarbeiter; das schaffen nur wenige Dutzend Sparkassen hierzulande; dagegen erlöst Radevormwald-Hückeswagen lediglich gut 103.000 pro Mitarbeiter und zählt damit zu den drei schlechtesten Sparkassen der Republik. Diese Differenz ist drastisch!
  • Bei allen relevanten analytischen Kennzahlen (Ertrag in % Bilanzsumme, Zinsaufwand in % Zinsertrag u.a.) ist Wermelskirchen weit voraus.
  • Der Unterschied liegt in der Tat auf der Ertragsseite, nicht auf der Kostenseite. Mit durchschnittlich 85.000 Euro zahlt Wermelskirchen sogar sehr hohe Gehälter (Bundesdurchschnitt: 62.000 Euro). Die Radevormwald-Hückeswagen kommt auf 71.000 Euro, was immer noch hoch ist – und in ihrem Fall zu hoch

*) In einer früheren Version hatten wir den Ort des Geschehens ins „südliche Westfalen“ verlagert – das sei hiermit korrigiert

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