Analyse

Die fünf Gründe für das beste LBBW-Ergebnis seit zehn Jahren

18. August 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Kann es sein, dass wir manchmal ein bisschen unfair unseren lieben Banken gegenüber sind? Motto: Sind die Zahlen schlecht, dann wird draufgehauen. Und sind sie gut? Dann war’s TLTRO. Wobei, fairerhalber: TLTRO ist ja in der Tat eine Form von Staatsdoping, wie man es ansonsten allenfalls aus der russischen Leichtathletik kennt. 40 Mio. Euro bei der Berlin Hyp, nun sogar 110 (!!!) Mio. Euro bei der LBBW … Feine Sache, das. Indes: Wer sich die Halbjahresergebnis der baden-württembergischen Landesbank mal ein bisschen genauer ansieht (was wir gestern Abend zu vorgerückter Stunde mangels alternativen Aufmacherthemas einfach mal gemacht haben), der stellt – möglicherweise zu seiner eigenen Überraschung, so war’s jedenfalls bei uns – plötzlich fest: 428 Mio. Euro Ergebnis vor Steuern?! Upps, da muss man aber ganz schön viele alte Finanzberichte durchstöbern, bis man entdeckt, wann der 6M-Gewinn letztmals höher war (2011, mit damals 567 Mio. Euro, seitdem stand Jahr für Jahr höchstens eine “3” vorne). Allein mit TLTRO lässt sich das gute Ergebnis also offenbar nicht begründen. Aber womit dann? Was genau macht die LBBW richtig? Zumal die Stuttgarter Landesbanker, anders als die in München, ihr Geld mangels DKB ja selbst verdienen müssen …

Eine kleine Ad-hoc-Analyse: Die fünf Gründe für das beste LBBW-Ergebnis seit zehn Jahren …

1. Das Zinsergebnis (und zwar nicht nur wegen  TLTRO …)

Die LBBW weist für das erste Halbjahr einen Zinsüberschuss von 1.026 Mio. Euro aus, verglichen mit 872 Mio. Euro vor einem Jahr. Das entspricht einem Plus von 18%. Selbst wenn man das Zinsergebnis um den TLTRO-Effekt bereinigte (im ersten Halbjahr 2020 hatte der Effekt bei 9 Mio. Euro gelegen), wäre ein hübscher Zuwachs von 863 Mio. Euro auf 916 Mio. Euro (6,1%) zu konstatieren. Noch eindrücklicher gestaltet sich der Vergleich, wenn man zusätzlich die Zahlen weiterer Vorjahre heranzieht. So hatte 2018 (796 Mio. Euro), 2017 (797 Mio. Euro) und 2016 (769 Mio. Euro) beim Zinsergebnis jeweils eine “7” vorne gestanden. Und einen Zinsüberschuss von mehr als 1 Mrd. Euro hat die LBBW letztmalig 2012 ausgewiesen (wobei wir die Bank nicht gut genug kennen, um beurteilen können, inwieweit die damaligen Zahlen mit den heutigen noch vergleichbar sind).

2. Klar, die Risikovorsorge

Die Geschichte ist rasch erzählt. Vor einem Jahr (Corona …) hatte die LBBW noch 281 Mio. Euro Risikovorsorge zusätzlich gebildet, in diesem Jahr 63 Mio. Euro. Macht ein Delta von 218 Mio. Euro.

3. Das Kapitalmarktgeschäft

Die LBBW verdient – man möchte fast sagen: analog zur Deutschen Bank – inzwischen wieder richtig Geld im Investmentbanking Kapitalmarktgeschäft. Das Segment trug im ersten Halbjahr erstaunliche 172 Mio. Euro (plus 38%) zum Gesamtergebnis bei. Noch erstaunlicher: Etwaige Einmaleffekte spielten dem ersten Eindruck nach keine Rolle (das “Bewertungs- und Veräußerungsergebnis” ging sogar merklich zurück). Sondern: Die Erträge kamen weit überwiegend aus dem Zinsergebnis (plus 33% auf 234 Mio. Euro) und dem Provisionsergebnis (plus 35% auf 65 Mio. Euro), die Pressemitteilung vermerkt nicht ohne stolz ein “starkes Kundengeschäft mit Absicherungs- sowie Anlageprodukten – insbesondere Zertifikaten – […]”. Wenn man das kombinierte Zins- und Provisionsergebnis (299 Mio. Euro) mal spaßeshalber mit dem von, sagen wir, 2018 (gerade mal 196 Mio. Euro) abgleicht, dann sieht selbst der Laie (also wir hier): Da geht die Luzie ab. Übrigens ganz ohne TLTRO-Effekt. Denn der äußert sich nur in den kreditgebenden Sparten.

4. Die Kosten

Kann es sein, dass die LBBW ihre Kosten in den vergangenen Jahren zwar nicht krass gesenkt, aber zumindest doch im Griff hat? Hier die Entwicklung der Verwaltungsaufwendungen (jeweils bezogen auf das erste Halbjahr) seit 2015, jeweils in Mio. Euro …

2015 854
2016 882
2017 897
2018 878
2019 864
2020 837
2021 868

… und thematisch passend ein kleines Stück aus unserm Archiv:

LBBW will 700 Stellen abbauen und Kosten um 100 Mio. € senken

5. Nachhaltigkeit (und Glück)

Lustig, wie inzwischen nicht mehr nur die Fintechs, sondern auch die Banken fast monatlich an ihren Claims herumzuschrauben scheinen. So bezeichnet sich die LBBW (wer auch immer sich sowas ausdenkt) inzwischen als “mittelständische Universalbank mit starkem Nachhaltigkeitsfokus” … Muss man erst mal drauf kommen.

Jedenfalls: Die Nachhaltigkeit, auf die der Claim abzielt (ESG und öko und so) ist nicht die Form von Nachhaltigkeit, die wir meinen. Sondern: Worauf wir abzielen, das ist eher der Umstand, dass das LBBW-Zahlenwerk einen einigermaßen nachhaltigen Eindruck macht. Denn würde man das TLTRO-Delta (101 Mio. Euro) und das Risikovorsorge-Delta (218 Mio. Euro) auf den letztjährigen 6M-Gewinn (100 Mio. Euro) draufschlagen, dann hätte die LBBW auch schon letztes Jahr 419 Mio. Euro vor Steuern verdient.

Mit anderen Worten: Anders als es die gestrigen Schlagzeilen (“LBBW vervierfacht Gewinn”) vermuten ließen, hat die Stuttgarter Landesbank dieses Jahr von Januar bis Juni nicht soooo viel besser abgeschnitten als letztes Jahr. Sondern: Die LBBW scheint jenseits des üblichen Auf und Abs bei einigen der wichtigen Kennzahlen schlicht einigermaßen vernünftig dazustehen.

Wobei zur Wahrheit natürlich auch gehört: Nach dem Corona-Crash im vergangenen Frühjahr gab es nicht wenige, die sich um die LBBW im Allgemeinen und ihr Kreditbuch im Speziellen ernsthafte Sorgen gemacht haben. Ein bisschen Glück scheint die größte deutsche Landesbank zuletzt also auch gehabt zu haben. Und wer im Jahr 2021 das beste Zinsergebnis seit einer halben Ewigkeit erwirtschaftet – der wird auch nicht ohne Risiken unterwegs sein.

22/06/21: Bafin vergrätzt Sparkassen, Ist Unzer das neue Klarna?, LBBW-Deal

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