Sparkassen-Studie (#3)

Etliche Sparkassen sichern Zinsrisiken wohl unzureichend ab

Eine beträchtliche Zahl deutscher Sparkassen nimmt im Kreditgeschäft offenkundig hohe Zinsänderungsrisiken in Kauf. Zu diesem Schluss kommt die große Sparkassen-Studie von Finanz-Szene.de. Wie in unserer Berichterstattung am Dienstag (-> Bei jeder zehnten Sparkasse stellt sich die Überlebensfrage) bereits skizziert, hatten wir die rund 380 Kommunalinstitute zu analytischen Zwecken in zehn gleich große Dezile unterteilt. Dabei fiel uns unter anderem eine unnatürlich große Bandbreite bei den Zinsaufwendungen ins Auge. So wiesen die 38 Sparkassen mit den höchsten Refinanzierungskosten einen durchschnittlichen Zinsaufwand von 0,84% der Bilanzsumme auf. Sprich: Auf jeweils 1 Mio. Euro Zins tragender Verbindlichkeiten fielen trotz Zinstiefs satte 8.400 Euro Zinsaufwand an. Dagegen kam das Dezil mit den niedrigsten Refikosten mit gerade einmal 1.600 Euro aus.

Wie kann das sein? Angesichts der Tatsache, dass die Sparkassen für Spareinlagen kaum noch Zinsen bezahlen oder sogar Negativzinsen verlangen, schienen uns die am unteren Ende ausgewiesenen Zinsaufwendungen von 0,16% auf den ersten Blick plausibler als die 8.400 Euro vom oberen Ende. Oder anders herum gewendet: Die am oberen Ende ausgewiesenen Zinskosten mussten zwingend von weiteren Faktoren beeinflusst sein.

Unsere Vermutung lautete: Bei den betreffenden Sparkassen zeigen sich neben den eigentlichen Zinskosten auch Kosten für die Zinssicherung – und zwar in erheblichem Maße. Hieraus wiederum leitete sich dann aber ein Verdacht ab, der umgekehrt die Sparkassen vom unteren Ende der Skala betraf: Kann es sein, dass diese Sparkassen womöglich fleißig Fristentransformation betreiben (also kurzfristige Einlagen in mittel- und langfristige Kredit verwandeln) – die hierbei entstehenden Risiken jedoch in den Büchern behalten statt sie über Zinssicherungs-Geschäfte zu hedgen?

Manche Sparkasse hat milliardenschwere Zins-Swaps. Andere gar keine

Um der Sache auf den Grund zu gehen, fragten wir beim deutschen Sparkassen-Verband nach, welcher Anteil an den Zinsaufwendungen auf Zinssicherungs-Geschäfte entfällt. Während der DSGV bei anderen kritischen Punkten während unserer Studien-Recherche zurückhaltend blieb, gab es hier offen Auskunft: Etwa ein Drittel* der Zinsaufwendungen (die sich bei den 379 deutschen Sparkassen insgesamt im Geschäftsjahr 2019 übrigens auf 5,5 Mrd. Euro beliefen) entfielen auf die Zinssicherung, so der Verband. Sprich: Dieses Geld fließt nicht in Form von Zinsen an die Kunden der Sparkasse, sondern in Form von Swap-Gebühren an die Swap-Partner, die das Zinsrisiko übernehmen.

Wir wollten es noch genauer wissen. Und bildeten ein Sample von 50 zufällig ausgewählten größeren Sparkassen, um das Ausmaß der Swap-Geschäft en detail zu untersuchen. Hierbei zeigten sich nun Unterschiede, die mitunter frappierend waren. Die Kreissparkasse Ludwigsburg beispielsweise? Kam auf einen Zins-Swap-Anteil gemessen an den Kundenforderungen in Höhe von 148%. Bei der Sparkasse Krefeld? Waren es 122%. Bei der Kreissparkasse Heilbronn? 115%. Und so weiter. Am anderen Ende der Skala dagegen? Fanden sich nicht weniger als sieben Sparkassen (also  sieben von 50, immerhin 14%), die für das Geschäftsjahr 2019 überhaupt keine Angaben zu ihren Zins-Swap Geschäften machten – und bei denen man dementsprechend davon ausgehen sollte, dass sie überhaupt keine Zinssicherung betreiben.* Konkret waren das die Kreissparkassen Ravensburg, Augsburg und Syke sowie die Sparkassen Dachau, Neuwied, Oberland und Bochum.


Im roten Bereich – Die große Sparkassen-Studie von Finanz-Szene.de

  • Die bislang tiefgründigste Studie über die Sparkassen
  • Welche Institute schon jetzt ums Überleben kämpfen
  • Sechs Key Findings – von Swap-Geschäften bis CIR-Alarm
  • Basierend auf der Auswertung von 1.956 (!) Abschlüssen


 

Warum bayerische Sparkassen ein geringeres Risiko-Exposure aufweisen

Nun ist eine Sparkasse, die niedrige Refinanzierungskosten aufweist (und also kaum oder keine Sicherungsgeschäfte betreibt), nicht automatisch eine Hochrisiko-Sparkasse. So fanden sich unter den Instituten mit den niedrigsten Zinsaufwendungen diverse süddeutsche Institute wie zum Beispiel die Kreissparkasse Ravensburg (0,11% gemessen an der Bilanzsumme) oder die Sparkasse Bad Kissingen (0,15%). Allerdings zeigen die Analysen von Finanz-Szene.de ebenfalls: In Bayern (2,10%) und Baden-Württemberg (2,22%) waren umgekehrt auch die Zinssätze auf die ausgereichten Kredite vergleichsweise niedrig. Das liegt unserer Untersuchung zufolge daran, dass im süddeutschen Raum der Anteil hypothekarischer Kredite höher ist als beispielsweise in Nord- oder Ostdeutschland. Sprich: Da die Kredite besichert sind, werfen sie weniger Zinsertrag ab – sie bergen aber auch geringere Risiken und führen deshalb auch zu einem geringeren Risiko-Exposure der Bank.

Das sozusagen entgegensetzte Phänomen entdeckten wir bei einer Reihe von nord- und westdeutschen Instituten. Hier waren die durchschnittlichen Zinssätze auf die ausgereichten Kredite vergleichsweise hoch (als regionaler Spitzenreiter entpuppten sich die schleswig-holsteinischen Sparkassen mit 2,69%) – allerdings fielen in der Tendenz auch die Zinskosten höher aus als im Bundesdurchschnitt. Am krassesten stach die Sparkasse KölnBonn hervor. Die nämlich kommt mit einem durchschnittlichen Zinssatz von 3,46% auf die höchsten relativen Zinserträge überhaupt hierzulande. Andererseits wies die rheinische Großsparkasse auch die mit Abstand höchsten relativen Zinsaufwendungen aus (1,54%). Hier darf man also auf den Aktivseite enorme Risiken vermuten, die allerdings über die Passivseite allem Anschein nach entsprechend abgesichert werden.

Hohe Zinserträge, niedrige Zinskosten. Wie machen die Ost-Sparkassen das?

Die Sache ist nun allerdings: Unsere Untersuchung zufolge gibt es auch etliche Institute, die einerseits stattliche Zinssätze aufrufen – andererseits aber extrem niedrige Zinsaufwendungen aufweisen und also auch kaum Sicherungsgeschäfte betreiben dürften. Diese Phänomen ist insbesondere bei den ostdeutschen Kommunalinstituten zu beobachten.

So befinden sich unter 38 Instituten mit den niedrigsten relativen Zinskosten gleich 18 (!), die ihren Sitz entweder im Verbandsgebiet des ostdeutschen Sparkassenverbands oder in Thüringen haben. Zugleich kommen die Ost-Institute als Gruppe allerdings auf einen durchschnittlichen Zinssatz auf ausgereichte Kredite in Höhe von 2,42% – was über (!) dem bundesweiten Durchschnitt liegt. Sprich: In den Kreditbüchern der ostdeutschen Sparkassen dürften sich mitnichten nur hypothekarisch besicherte und sonstwie risikoarme Forderungen (etwa Kommunalobligationen) befinden. Sondern: Im Bestand der Ost-Sparkassen dürften sich in nennenswertem Umfang riskante und entsprechende höher verzinste Kredite – etwa Ausleihungen an Unternehmen.*

Nun lässt sich selbstverständlich von außen im Einzelfall nicht beurteilen, ob eine Sparkasse ihre Risiken angemessen hedgt. Der Eindruck allerdings ist: Insbesondere in Ostdeutschland finden sich Sparkassen mit großem Risikoappetit.

Bei jeder zehnten Sparkasse stellt sich die Überlebensfrage


 

* In der Original-Studie haben wir den Anteil versehentlich mit zwei Dritteln angegeben. Der Fehler lag bei uns, nicht beim DSGV. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

* Laut § 285 Nr. 19 HGB müssen Kreditinstitute Angaben zu ihren derivativen Geschäften im Anhang machen. Wir haben hieraus geschlossen, dass die Institute, bei denen wir im Anhang keine entsprechenden Angaben finden, also auch keine Zins-Swap-Geschäfte eingegangen sind.

* Mit dem „Depot-A-Geschäft“ (also den Eigenanlagen) hat unser Befund übrigens nichts zu tun. Zwar ist ein weitere Studienergebnis, dass ostdeutsche Sparkassen in ehrheblichem Umfang in Wertpapiere investieren. Die hierbei erzielten Zinserträge sind – da sie nicht zum Zinsgeschäft im engeren Sinne gehören – in den 2,42% nicht enthalten.  

Finanz-Szene geht ab Oktober hinter die Paywall ...

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