Exklusiv

Zuviel Wumms: Deutsche Bank löscht kritische Finanzplatz-Studie

15. September 2021

Von Christian Kirchner

Neue Erkenntnisse? Enthielt die gestern veröffentlichte Deutsche-Bank-Studie „Reformagenda für den Finanzplatz Deutschland“ vermutlich keine. Die kurze Zusammenfassung, mit der das größte Geldhaus der Republik die Studie ventilierte, las sich eher dröge: „Viel Luft nach oben, dringender Handlungsbedarf.“ Und auch beim schnellen Drüberlesen erschienen die Thesen (Aufsichtsversagen bei Cum-Ex und Wirecard, fehlende Konsolidierung aufgrund des Drei-Säulen-Systems, zu hohe Steuerbelastung) nicht wirklich brandneu.

Was deutlich mehr erstaunte als die Thesen, das war die Wortwahl. Von einem „absoluten Armutszeugnis“ für die Volkswirtschaft war die Rede – siehe den entsprechenden Artikel in der „Börsen-Zeitung“ (Paywall) –, von einem „Siechtum des Finanzplatzes“, einer „verzwergten“ und „strukturell sklerotischen“ Branche … Verbale Zurückhaltung muss sich Jan Schildbach, Teamleiter Banken und Finanzmärkte im Research der Deutschen Bank, weißgott nicht vorwerfen lassen. Selbst Konkurrenten bekamen ihr Fett weg, etwa die Deutsche Börse („geradezu symptomatisch, dass die führende Börse Deutschlands in den letzten Jahren mit einer Vielzahl von Fusionsvorhaben gescheitert und international deutlich zurückgefallen ist“). Und sogar Schildbachs eigener Laden, also die Deutsche Bank. Diese sei beim Börsenwert „selbst hinter Banken aus Schwellenländern wie Indien, Indonesien, Saudi-Arabien oder Katar“ zurückgefallen und habe „nominal (!) die Hälfte ihres Marktwerts verloren“.

Wumms!

Was auch immer der Zweck dieser Studie sein sollte – in der Nacht auf Mittwoch ist sie verschwunden. Und zwar (was gar nicht so einfach ist, wenn Texte einmal online waren) mehr oder weniger spurlos. Weder funktioniert der Ziellink aus der morgendlichen Rundmail der Deutschen Bank („Product not available!“, siehe hier), noch ist die Studie auf der Seite der DB Research auffindbar. Ein Hinweis auf die schiere Existenz der Untersuchung ist zwar noch im Cache von Google sichtbar (siehe hier) – das eigentliche PDF allerdings lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Auf Anfrage von Finanz-Szene.de teilte die Deutsche Bank denn auch tatsächlich mit:

Am Dienstag hat Deutsche Bank Research eine Studie über den Finanzsektor in Deutschland veröffentlicht. Die Studie spiegelt Ansichten des Autors wider. Diese werden weder von der Deutschen Bank geteilt noch wurden sie von der Führung von Deutsche Bank Research autorisiert. Insbesondere distanzieren sich die Deutsche Bank und Deutsche Bank Research von der in Inhalt und Form unangemessenen Kritik an Aufsichtsbehörden und politischen Entscheidungsträgern, die in der Studie zum Ausdruck kam.“

Dass die Deutsche Bank so deutlich auf Distanz zur eigenen (bzw.: doch nicht eigenen) Studie geht, ist bemerkenswert. Und gewinnt eine zusätzliche Pikanterie dadurch, dass die hauseigene Research-Einheit früher mal (zu Zeiten des Chefvolkswirts Norbert Walter) für ihren kritischen Geist bekannt war – und sich nach Jahren der Zurückhaltung zuletzt immerhin mal wieder ins Gerde brachte:

  • Im März geriet die Abteilung in die Kritik, weil sie unter der plakativen Überschrift „Verbot von Eigenheimen? Ein klimapolitisches Placebo!“ nahelegte, die Grünen hätten eine entsprechende Forderung gestellt.
  • Und schon im vergangenen Herbst brachte die Research-Abteilung eine Steuer für Home-Office-Arbeitende ins Spiel, da das Arbeiten im eigenen Zuhause Geld fürs Pendeln, Mittagessen und Geselligkeit spare, was aber andere belaste.

Diese beiden Studien, immerhin, sind weiterhin abrufbar.

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